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Darmstadt-98-Präsident Fritsch: „Wir haben Versäumnisse aus 50 Jahren Stillstand aufgeholt“

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Von: Daniel Schmitt, Ingo Durstewitz

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„Stillstand ist Rückschritt, und selbst Verwalten ist zu wenig“, sagt Rüdiger Fritsch.
„Stillstand ist Rückschritt, und selbst Verwalten ist zu wenig“, sagt Rüdiger Fritsch. © IMAGO/Jan Huebner

Der Präsident von Darmstadt 98 über den möglichen Bundesligaaufstieg, die Entwicklung des gesamten Vereins, das Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt und die Probleme im deutschen Fußball.

Herr Fritsch, wir probieren es zu Beginn mal etwas provokativ: Als Herbstmeister der zweiten Liga mit sieben Punkten Vorsprung auf Rang vier muss doch der Aufstieg für Darmstadt 98 das Ziel sein, oder?

Jeder, der in den sportlichen Wettbewerb in Liga zwei eintritt, strebt nach dem Maximum. Es möchten doch alle Klubs gerne hoch. Insofern kann ich in der Frage nichts Provokatives erkennen.

Aber Sie ahnen, worauf wir abzielen, schließlich wird Understatement in Darmstadt stets groß geschrieben. Oder soll das Thema Bundesliga in der Rückrunde wirklich offensiver angegangen werden?

Und jetzt möchten Sie, dass sich der Präsident von Darmstadt 98 hinstellt, eine große Klappe hat und sagt: ‚Alles andere als ein Aufstieg wäre eine Blamage’.

Eine gute Überschrift hätten wir damit jedenfalls schon ...

Das stimmt, da haben Sie Recht, also gern geschehen (lacht). Aber im Ernst: Wir laufen eben einen Marathon und haben davon erst die Hälfte absolviert. Da können wir nicht heute behaupten, dass wir am Ende sicher mit Bestzeit ins Ziel kommen. Wir sind gut beraten, uns zu fokussieren und täglich gut zu arbeiten. Und der künstlich aufgebauten Erwartungshaltung weiterhin die kalte Schulter zu zeigen.

Zumal die Spiele ja wirklich fast alle eng verlaufen.

Richtig. Und dann wird teils bemängelt, dass wir oft nur Standardtore schießen. Das wirkt manchmal so, als ob dies Treffer zweiter Klasse wären. Es ist zu erkennen, dass die Erwartungshaltung extern ab und an in die falsche Richtung geht. Intern freuen wir uns dagegen über das, was wir erreicht haben, arbeiten einfach weiter und würden am Ende natürlich gerne oben stehen.

Die Mannschaft scheint diese Haltung verinnerlicht zu haben.

Ja, die Mannschaft ist sehr gefestigt, das ist sicher ein Teil des Erfolgsrezepts. Wir ziehen unsere Stärke aus Kontinuität, Teamgeist, einem funktionierenden Mannschaftsgefüge, Zusammenhalt.

Ist die jetzige Situation mit jener beim Bundesligaaufstieg 2015 zu vergleichen?

Nein, gar nicht. Damals war es ein Husarenstück, was im modernen Fußball so schnell nicht mehr vorkommen wird. Da hat alles zusammengepasst, das war wie Ostern und Weihnachten an einem Tag. Die heutige Situation ist eine andere. Wir haben uns in den letzten Jahren massiv an das Zweitliganiveau angepasst – in Sachen Infrastruktur mit dem neuen Stadion, im Scouting, der medizinischen Abteilung, mit einem größeren Trainerteam. Unser aktueller Erfolg ist aber immer noch bemerkenswert, vor allem in Relation zu den Bedingungen und Gegebenheiten der Konkurrenz. Von einem Wunder würde ich jedoch auch nicht mehr sprechen. Man muss sich nur die Platzierungen der letzten Jahre anschauen: Siebter, Fünfter, Vierter – das ist ein Trend, der sich sehen lassen kann.

Macht Sie das persönlich stolz, schließlich sind Sie seit 2012 der Präsident des Klubs?

Selbstverständlich bin ich stolz, stolz auf das ganze Team. Ich bin der Vorturner, der in der Öffentlichkeit steht, im Hintergrund arbeiten aber viele Menschen hart. Die Etablierung in der Liga haben wir abgeschlossen, jetzt wollen wir die Ziele stetig angemessen erhöhen. Diesen Anspruch müssen wir an uns haben, auch wenn es immer auch Rückschläge geben wird. Wir sind froh, was wir hier hingestellt haben (Fritsch schaut in Richtung des Stadions) . Wir haben in sieben Jahren die Versäumnisse aus 50 Jahren Stillstand aufgeholt und dabei den Sport nicht vergessen.

Wo verorten Sie die Lilien, ein gewachsener Zweitligist, der mittelfristig auch eine Perspektive in der Bundesliga hat?

Stillstand ist Rückschritt, und selbst Verwalten ist zu wenig. Daher wollen wir schauen, dass wir immer ein bisschen mehr machen. Aber, und das will ich betonen, stets mit der nötigen Demut. Wir sind nicht der größte Fußballstandort, dem alles zufliegt.

Welche Bedeutung hat das alsbald komplett fertiggestellte Stadion für den Klub?

Das bedeutete die Ankunft in der Ist-Zeit. Es ist kein Stadion, woran sich die Fußballwelt neu orientieren wird, sondern wir sind dort angekommen, wo andere seit Jahrzehnten sind. Rein subjektiv ist es für uns ein Meilenstein, ein Zeichen dafür, dass wir nicht mehr die Kleinen sind, die im Matsch rumspielen müssen, sondern, dass wir uns im Wettbewerb auf Augenhöhe messen können.

Trainer Torsten Lieberknecht scheint ähnlich ideal zum Verein zu passen wie einst Dirk Schuster bei seiner ersten Beschäftigung am Böllenfalltor. Oder?

Ja, diese Einschätzung unterschreibe ich. Es hat zwar jeder seine eigene Art, seinen Stil, letztlich hat sich aber unter beiden eine Wagenburg-Mentalität herausgebildet. Diese Parallele lässt sich ziehen. Aber das ist ja keine Darmstädter Erfindung. Bei vielen Klubs, die Erfolg haben, geht dieser mit einem engen Zusammenhalt einher. Ich habe selten gehört, dass eine Mannschaft ihren Trainer,den Präsidenten und den Klub hasst und gleichzeitig sportlich durch die Decke geht (lacht).

Und was macht Coach Lieberknecht aus?

Charakter. Und der passt zu dem, wie er sich gibt. Wo Lieberknecht drauf steht, ist auch Lieberknecht drin. Wenn er eine Ehrenrunde nach Spielschluss läuft, will er sich nicht abfeiern lassen, sondern sich bei den Leuten bedanken. Diese Denke passt zu uns. Es muss sich niemand verstellen. Wie er alles im Sinne des Klubs angeht, zeigt, dass er kein Selbstdarsteller ist.

Welchen Anteil am Erfolg hat Sportchef Carsten Wehlmann?

Er hat einen großen Anteil, na logisch. Aber auch hier möchte ich festhalten: Es kommt auf das ganze Team an, der aktuelle Erfolg ist ein Gemeinschaftswerk. Wir haben in der Region eine große Konkurrenzsituation, die Eintracht, Mainz, auch Kaiserslautern und Hoffenheim. Wir sind hier nicht auf der Insel der Glückseligen, sondern müssen uns durchbeißen und mit unseren Mittel das Beste herausholen.

Wie steht der Verein finanziell nach fordernden Jahren, Stichwort Corona, da?

Wir haben bis auf das abgelaufenen Geschäftsjahr stets Schwarze Zahlen geschrieben, auch im letzten Jahr war es nur ein kleines Defizit und vor allem kein selbstverschuldetes. Unter Beachtung der Gegebenheiten – Corona, Weltwirtschaftslage – sind wir zufrieden und steuern für dieses Geschäftsjahr mindestens ein ausgeglichenes Ergebnis an. Doch wir werden uns den Erfolg weiterhin erarbeiten müssen und uns diesen nicht erkaufen können.

Ist ein spätes Scheitern wie in der letzten Saison, als es trotz guter Ausgangslage am Ende Platz vier wurde, zusätzlicher Ansporn?

Am Anfang war Enttäuschung da, aber es war kein Scheitern, denn wir hatten ja nie den Aufstieg als Ziel ausgegeben. Wir können festhalten, dass wir eine sehr gute Saison gespielt haben. Wir sind auf einem guten Weg. Immerhin konnten wir die großen Drei – Schalke, Bremen und den HSV – bis zur letzten Minute ärgern.

Zur Person

Rüdiger Fritsch , 61, geboren und wohnhaft in Frankfurt, ist seit 2012 Präsident des Fußball-Zweitligisten Darmstadt 98. Zuvor war der Rechtsanwalt bereits Präsidiumsmitglied sowie Vizepräsident bei den Lilien. In seine Zeit als Vereinsboss fällt der sensationelle Durchmarsch der Darmstädter von der Dritten Liga bis in die Bundesliga. Zudem ist der Vater zweier Söhne Mitglied im sechsköpfigen Aufsichtsrat der Deutschen Fußball-Liga. Entsprechend äußert sich Fritsch im einstündigen FR-Gespräch auch zum Status quo des deutschen Fußballs. FR

Bald kommt es zum Duell mit dem nächsten Großen, im Pokal steht am 7. Februar das Spiel bei Eintracht Frankfurt an. Ärgerpotenzial auf dem Rasen wie den Tribünen scheint vorhanden.

Sportlich wird es eine wahnsinnig schwere Aufgabe, auch wenn wir zuletzt gegen Gladbach gewonnen haben. Gegen die Eintracht sind die Rollen eindeutig verteilt, wir sind der Außenseiter. Zur Rivalität zwischen den Fangruppen kann ich nur sagen: Lasst die Aggressionen weg, wir wollen ein Fußballfest! Manch Frotzelei gehört dazu, sicher, das macht Derbys aus. Am Ende aber gewinnt ein Verein, der andere verliert und man reicht sich die Hand. Diesen Respekt voreinander wünsche ich mir, so sollte Fußball sein.

Sie haben ja auch eine Bindung zur Nachbarstadt.

Ich habe meine Kanzlei seit Jahren in Frankfurt, wir wohnen in Frankfurt. Aber seien Sie sicher: Mein Herz schlägt blau-weiß.

Ist es für Sie persönlich auch ein besonderes Spiel, weil Sie ja zum Frankfurter Vorstandskollegen Axel Hellmann früher mal eine berufliche Bindung hatten?

Ach, nein. Es ist schon fast 20 Jahre her, seit wir in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt zusammengearbeitet haben. Da war Axel noch bei der Eintracht am Riederwald in Teilzeit auf der Geschäftsstelle. Da wussten er und ich nicht, wo wir mal landen werden. Wir verstehen uns gut, haben großen Respekt voreinander, sehen uns aber meistens nur noch bei offiziellen Terminen in den Fußballgremien der DFL.

Und jetzt soll dieser Axel Hellmann, damals ehrenamtlich am Riederwald, den deutschen Fußball retten, bildet mit dem Freiburger Oliver Leki die DFL-Doppelspitze. Steiler Aufstieg.

Jetzt ist er der Heilsbringer des deutschen Fußballs, ja, so kann es kommen (grinst). Aber vergessen Sie nicht: Eigentlich bin ich sein Chef bei der DFL. Ich sitze dort im Aufsichtsrat, wir bestimmen, wer Geschäftsführer wird und wer nicht. Von daher sollte er sich am 7. Februar, wenn wir Lilien in Frankfurt antreten, schön erkenntlich zeigen (lacht). Spaß beiseite: Ich halte es für eine wichtige Maßnahme, dass wir jetzt zwei im Fußball erfahrene Manager an der Spitze haben. Sie wissen, wie das Geschäft läuft und haben bei ihren Klubs gute Arbeit geleistet. Denn die gebratenen Tauben sind ihnen nicht ins Maul geflogen, weder in Freiburg noch bei der Eintracht. Und schauen Sie, wo beide Vereine stehen. Es ist eine gute Entscheidung, die wir im DFL-Aufsichtsrat einstimmig getroffen haben.

Es gibt ja ein bisschen was zu tun, es gab schon bessere Zeiten für den deutschen Fußball.

Richtig. Die Lage ist durchaus schwierig, und ich spreche jetzt nicht vom DFB und der Nationalmannschaft. Wir müssen schauen, wie sich der deutsche Profifußball entwickelt, auch im internationalen Vergleich. Da müssen wir aufpassen, dass wir von den anderen Verbänden nicht abgehängt werden. England ist sowieso weit weg, aber was ist mit Italien, Spanien, Frankreich? Momentan sind wir vielleicht auf Augenhöhe, aber da müssen wir auf der Hut sein, um den Zug nicht zu verpassen. Wir haben ein paar Themen vor der Brust, die man anpacken muss. Das werden die beiden tun. Und wir haben die Zeit gewonnen, die DFL für eine personelle Neuausrichtung im Sommer vernünftig aufzustellen.

Das sind ja offenbar Themen, die im vergangenen Jahr unter Frau Hopfen nicht angepackt wurden.

Lassen wir das, was war, ruhen.

Okay, aber allgemein gesprochen: Die Abberufung von Donata Hopfen ist ein Rückschritt für Diversität und die verbesserungswürdige Frauenquote. Und jetzt wieder zwei Männer.

Ich denke, dass Themen wie Diversität und Gleichstellung von Mann und Frau absolut ihre Berechtigung haben und überfällig sind. Aber wenn jetzt zwei Männer qualifiziert dafür sind, dann ist das so und dann machen wir das. Alles andere wäre ja absurd, zumal wir niemanden übergangen haben. Die Fußballvorstände sind zwar noch immer in erster Linie von Männern geprägt. Aber ich denke, das wird sich ändern. Der Fußball öffnet sich gewaltig, wir werden zukünftig eine gute Quote hinbekommen. Es interessieren sich viel mehr Frauen für Fußball als früher, wir haben ein tolles Frauen-Nationalteam. Ich denke, da wird vieles passieren.

Welche Themen sind für die Zweite Bundesliga wichtig?

Ich finde, sportlich ist die zweite Liga hochattraktiv. Da ist nichts mehr mit Rumpelfußball, wie es früher hieß. Wir müssen uns als Zweitligisten aber überlegen, welcher Mehrwert wir fürs ganze System bringen können. Wir partizipieren aus dem großen Topf, TV-Gelder und Medienerlöse kommen rein, und wir bekommen davon auch ein gutes Stück von dem Kuchen. Da sollten wir überlegen, wie wir an der grundsätzlichen Wertsteigerung der zweiten Liga arbeiten können.

Was stellen Sie sich vor?

Da gibt es einige Möglichkeiten. Zum Beispiel eine Art Ausbildungsverantwortung für die Zweitligisten, also, dass wir Talente verstärkt fördern, zu Profis machen und dafür belohnt werden.

Hat es der zweiten Liga etwas gebracht, dass so viele Traditionsklub im Fußball-Unterhaus gestartet sind?

Natürlich. Ein Duell wie Schalke gegen den HSV hat einen Klang. Das war gut für die zweite Liga. Aber auch diese Klubs haben gemerkt, dass guter Fußball gespielt wird in der zweiten Liga.

Und doch ist die Diskrepanz zur Premiumklasse immens.

Der finanzielle Unterschied ist sehr groß – und damit der sportliche. Oft ist es so, dass die Aufsteiger es eine Saison ganz gut hinbekommen und den Klassenerhalt schaffen, wenn alles passt, mit großer Kraftanstrengung und Begeisterung. Aber on the long run wird das Überleben für Aufsteiger immer sehr schwierig.

Würde das den Lilien ebenso ergehen?

Netter Versuch. Aber zu unseren sportlichen Zielen ist ja schon alles besprochen (lacht).

Interview: Daniel Schmitt und Ingo Durstewitz

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