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WM in Katar: „Wir haben ein düsteres Bild“

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Von: Jan Christian Müller

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Die Spinne sieht alles: Blick ins Medienzentrum der Fußball-Weltmeisterschaft in Doha. dpa
Die Spinne sieht alles: Blick ins Medienzentrum der Fußball-Weltmeisterschaft in Doha. dpa © dpa

Christian Mihr von „Reporter ohne Grenzen“ spricht im FR-Interview über die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in Katar.

Herr Mihr, warum steht der WM-Ausrichter Katar in dem Ranking der Pressefreiheit lediglich auf Platz 119 von 180 erfassten Ländern?

Das ist immerhin noch unteres Mittelfeld. Denn die Repression ist dort nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Wenn das so wäre, würden wir eine hohe Zahl inhaftierter Journalisten in Katar sehen, so wie das im Iran oder in der Türkei der Fall ist. Wir haben in Katar kurzfristige Verhaftungen oder Ausweisungen von Bloggern erlebt, die kritisch über die Baustellen berichtet haben. Die Gesetzeslage ist sehr hart.

So, dass Journalisten sich gar nicht erst trauen, kritisch zu berichten?

Es geht sogar noch weiter. Es gibt ein Pressegesetz aus dem Jahr 1979 in Katar, das dem Staat erlaubt, Artikel und Berichte vorab zu zensieren. Zudem gibt es ein Gesetz gegen Internetkriminalität. Darunter fallen etwa unabhängige kritische Berichte über die Regierungspolitik, den Islam oder die Königsfamilie. Die werden als Verstöße gegen soziale Normen interpretiert. Es gibt wiederholt Sperren für Webseiten, die nicht genehm sind. All das hat natürlich starke Auswirkungen im journalistischen Alltag.

Katar besitzt den in der arabischen Welt führenden TV-Sender Al Jazeera. Welche Strategie verfolgt das Land damit?

Katar ist bestrebt, mit dieser Soft Power geopolitisch Einfluss zu gewinnen. Al Jazeera suggeriert unabhängigen Journalismus. Der Sender hat weltweit Prominenz erreicht, seit er 1996 gegründet wurde.

Und er war damals noch frecher als jetzt?

Es gibt einen wesentlichen Unterschied in der englischen und der arabischen Berichterstattung. Auf Englisch wird ein viel unabhängigeres Bild gezeichnet. Dahinter verbirgt sich eine sehr geschickte Strategie. Weltweit werden die Interessen von Minderheiten aufgegriffen, die im eigenen Land in der Berichterstattung ignoriert werden.

Welche Entwicklung erkennen Sie in Katar in Bezug auf die Pressefreiheit?

Die Frage könnte man präziser beantworten, wenn die Fußball-WM vorbei ist. Im Moment haben wir ein düsteres Bild. Die Erfahrung lehrt uns, dass nach Sport-Großereignissen in autoritären Ländern eine Repressionswelle folgt.

Und mit Blick auf die WM?

Ich halte es für ein unwahrscheinliches Szenario, dass Katar zur WM ausländischen Medien die Einreise verweigern wird. Da ist Katar geschickter als Russland und China.

Die katarischen Behörden wollen sehr genau wissen, welches Equipment Journalist:innen mitbringen, ob da noch irgendwo eine Kamera oder ein Mikrofon im Koffer stecken. Zudem benötigt man eine App auf dem Handy, um einzureisen. Wie beurteilen Sie das?

Ich würde jedem Journalisten raten, das eigene Handy nicht mit nach Katar zu nehmen oder es danach überprüfen zu lassen. Katar ist bekannt dafür, dass es Überwachungstechnologie verwendet. Die Wahrscheinlichkeit, dass das auch bei WM-Reportern geschieht, dass zum Beispiel Angriffe mit Trojanern stattfinden, ist meines Erachtens hoch.

Erwarten Sie, dass WM-Reporterinnen und -reporter auch abseits der Stadien ungestört berichten können?

Das wird eine spannende Frage. Die Terms and Conditions, die ursprünglich von Katar veröffentlicht wurden, erlauben relativ wenig. Es wird sich zeigen, wie das vor Ort durchgesetzt wird. Katar will die Fußball-WM als Plattform nutzen, sich in der Welt positiv darzustellen. Das will man nicht gestört wissen durch unschöne Bilder und kritische Berichte.

ARD-Reporter Benjamin Best berichtete, dass er und sein Team bei ihrer Reportagereise ständig von einem Wagen verfolgt wurden.

Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen.
Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen. © FR

ZUR PERSON

Christian Mihr ist seit zehn Jahren Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. Der Experte für internationale Medienpolitik hat sich aus gegebenem Anlass zuletzt vermehrt mit den Verhältnissen im WM-Ausrichterland Katar beschäftigt. jcm

Die sogenannte Stoßstangen-Observation ist nicht nur aus Katar bekannt, sondern aus vielen autokratisch geführten Ländern. Sie soll zur Verunsicherung führen. Ich habe das selbst in Saudi-Arabien schon erlebt.

Was können Journalisten und Journalistinnen tun, die mehr erfahren wollen als nur die Fußball-Ergebnisse und Pressekonferenzen?

Sie sollten die Inszenierung, die dort stattfindet, beschreiben und Einschränkungen für die Berichterstattung thematisieren. Sie sollten dabei aber darauf achten, ihre Quellen zu schützen. Ich glaube nicht, dass nicht genehme Berichterstattung von ausländischen Journalisten und Journalistinnen von vorne herein unterbunden wird. Aber man sollte sich als Berichterstatter bewusst sein, dass diejenigen, mit denen man spricht, nicht nach der WM Probleme bekommen.

Dann, wenn die Karawane der Medien und Teams wieder abgezogen ist?

Ganz genau. Dann, wenn die Weltöffentlichkeit nicht mehr so genau hinschaut. Und das wird passieren. Ich würde es begrüßen, dass man sich auch in einem Jahr noch an Katar erinnert und zumindest die Politikredaktionen noch mal schauen, was sich dort getan hat.

Die Fifa dementiert, dass es starke Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit für Medien gibt. Was erwarten Sie von der Fifa?

Die Fifa hat eine Menschenrechtscharta und steht in der Pflicht. Es gibt UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Pressefreiheit ist auch ein Menschenrecht. Deshalb möge sich die Fifa doch an ihre eigene Strategie gebunden fühlen. Und zwar nicht nur mit Blick auf dieses eine Ereignis in Katar. Wir haben leider Zweifel, dass die Fifa das ernst nimmt.

Wie beurteilen Sie den DFB unter seinem neuen Präsidenten Bernd Neuendorf?

Der DFB hat ein Positionspapier zur Fußball-WM und eine Menschenrechts-Policy verfasst. Damit hat der Verband auch den Druck auf sich selbst erhöht. Wir erwarten also schon, dass der DFB die WM nicht als reines Sportereignis betrachtet. Die Fallhöhe ist hoch. Aber ich habe den Eindruck, dass der DFB seine eigenen Papiere sehr viel ernster nimmt, als die Fifa das tut.

Wir alle gucken gerade vor allem aufs kleine Katar. Wie aber schaut es in dem riesigen Nachbarland Saudi-Arabien aus?

Saudi-Arabien mit dem absolutistischen Königshaus unter dem Kronprinzen steht auf unserer Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 166. Wir haben dort die hohe Zahl von derzeit 26 inhaftierten Journalistinnen und Journalisten. Die Lage der Pressefreiheit ist dort um ein Vielfaches dramatischer als in Katar. Es gibt systematische Berufsverbote und Ausreisesperren gegen Familienangehörige. Und wir haben den in seiner Brutalität beispiellosen Fall des Journalisten Jamal Kashoggi, der im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet, zerstückelt und in Salzsäure aufgelöst wurde.

Was verbindet Katar und Saudi-Arabien?

Dass beide Staaten extrem bemüht sind, ein Bild als modernes Land von sich zu zeichnen. Hinzu kommt, dass beide Länder geopolitisch an Bedeutung zugelegt haben in der derzeitigen Energiekrise. Das ist auch der Grund, weshalb die Bundesregierung nicht mehr so genau hinschaut. Der Fall Kashoggi ist nach seiner Ermordung vor vier Jahren noch viel deutlicher kritisch beurteilt worden. Wir haben vergangenes Jahr Strafanzeige auch gegen den Kronprinzen persönlich eingereicht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und willkürlicher Inhaftierungen. Ich würde mir wünschen, dass der Generalbundesanwalt Ermittlungen aufnimmt.

Die nächste WM nach Katar findet 2026 nicht nur in den USA und Kanada, sondern auch in Mexiko statt. Was löst das bei Ihnen aus?

Mexiko ist das Land, in dem im vergangenen Jahr weltweit am meisten Journalisten ermordet wurden. Das beschäftigt uns sehr.

Interview: Jan Christian Müller

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