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Auch er ist ein Teil deutscher Fußballgeschichte: Lukas Podolski auf Stippvisite im Fußballmuseum.

Deutsches Fußballmuseum

Willkommen im Freizeitpark

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Das deutsche Fußballmuseum ist mehr ein schriller Eventtempel denn ein stiller Ort der Kultur ? genau dafür scheinen die meisten Besucher sich auch zu begeistern.

Es ist zuletzt eine Menge los gewesen schräg gegenüber des Dortmunder Hauptbahnhofs. Dort steht seit Herbst 2015 das Deutsche Fußballmuseum, erbaut für stolze 40 Millionen Euro, im Ruhrgebiet, dort, wo das Fußballherz der Republik am lautesten pocht. Joachim Löw, der Bundestrainer höchstpersönlich, ist gerade dagewesen zum Medientermin, BVB-Chefcoach Thomas Tuchel hat Einblicke in die Geheimnisse der Fußballlehre gegeben, Horst Hrubesch, der DFB-Sportdirektor, hat Juniorcoaches aus Abiturklassen wortreich zu ihrer Kursarbeit beglückwünscht, Otto Rehhagel und Horst Eckel, der Meistertrainer und der jüngste Spieler der 54er-Weltmeistermannschaft, waren als Stargäste zur feierlichen Eröffnung der Sonderausstellung „Sepp Herbergers Welt der Bücher“ gekommen, die bis zum 5. November begutachtet werden kann.

Ein paar Tage zuvor ist Lukas Podolski nach seiner letzte Pressekonferenz vor einem Länderspiel mit der langen Rolltreppe in den zweiten Stock gefahren. Dorthin, wo den Besuchern heiß-kalte Schauer höchster Erregung den Rücken runterlaufen sollen im Angesicht der Multimediashow, mit Pathos untermalt von dramatischer Musik, die sie hin- einführt in den Boom, den der deutsche Fußball seit dem Tiefpunkt im Jahr 2000 bis zum Titel 2014 erfahren hat.

In den gängigen Online-Kommentarportalen finden sich nur wenige Menschen, die immerhin stolze 17 Euro für ihre Eintrittskarte (oder 55 Euro für ein Familienticket) hinlegen mussten und das Museum unzufrieden verlassen haben. Die meisten sind schier begeistert von dem Eventtempel des deutschen Fußballs und bleiben mehrere Stunden lang. Die Kritik der „Zeit“, das Haus verbreite den Flair von „Provinzmuseen aus den achtziger Jahren“, wird in diesen Kommentarspalten kaum bestätigt. Die Fans fühlen sich in der Mehrheit mitgenommen. Der DFB hat sich mit acht Millionen Euro an dem Projekt beteiligt. Dass daraus dann vornehmlich eine Erlebniswelt geworden ist, eine Inszenierung der Höhepunkte und keine selbstkritische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Gegenwart, darf niemanden verwundern. Der Betrieb ist spürbar mehr Freizeitpark denn museale Kulturstätte. Ein kommerzieller Erfolg wäre andernfalls auch noch schwerlicher zu schaffen, als dass ohnehin der Fall ist.

Idee von Zwanziger

Theo Zwanziger, der ehemalige Boss des Deutschen Fußball-Bundes, hat die Idee, ein solches Projekt voranzutreiben, nach der WM 2006 im eigenen Land geboren. Die Emotionen des Sommermärchens erschienen ihm groß genug, um wachgehalten zu werden. Knut Hartwig hat einige Jahre im Büro von Zwanziger in der Frankfurter DFB-Zentrale gearbeitet. Jetzt gehört er der Kommunikationsabteilung des Fußballmuseums an. Man könnte kaum einen besseren Mann dafür finden. Der ehemalige Essener Regionalligaspieler gab in Sönke Wortmanns Film „Das Wunder von Bern“ den Fritz Walter. Hartwig, 47, kennt also die Vergangenheit des deutschen Fußballs, und er kennt die Gegenwart. Er kennt auch die Kritik an dem Projekt. Falscher Standort – die Hauptstadt Berlin wäre besser gewesen oder Frankfurt als Sitz des DFB und der DFL? –, zu hohe Kosten, zu viel Risiko beim Steuerzahler, zu wenig beim Deutschen Fußball-Bund, unrealistische erwartete Besucherzahlen von 250 000 im Jahr. Rote Zahlen programmiert.

Nach einem Jahr und offiziell verkündeten „mehr als 200 000 verkauften Eintrittskarten“ sprechen sie im Fußballmuseum von einer „erfolgreichen Markteinführung“. Der Betrieb sei „kostendeckend“, das „Umsatzziel erreicht“. Will heißen: Es hätte schlimmer kommen können. Befürchtungen, die Besucherzahlen könnten nach dem Eröffnungsjahr drastisch zurückgehen, versucht Hartwig unter Verweis auf das große Einzugsgebiet zu entkräften. Acht Millionen Fußballfans lebten in der Nähe des Museums, und nicht nur beim Länderspiel gegen England vergangene Woche in Dortmund kämen auch Gäste von der anderen Seite des Ärmelkanals.

Fehlende Mühen, das Museum mit Leben zu füllen, kann man den Machern um Geschäftsführer Manuel Neukirchner wohl kaum vorwerfen: Sonderausstellung Herberger, Kulturprogramm mit Lesungen und Matinees, Pressetermine, Konferenzen, Firmen-events – auch abseits des Regelbetriebs herrscht stets Betriebsamkeit auf den drei Ebenen.

Wer dort genau hinschaut, wundert sich, wie teuer Lothar Matthäus seine Telefonate vor und während der WM 1990 in Italien gekommen sind, eine Kopie der Originalrechnung aus dem Hause DFB an den Rekordnationalspieler ist in einem der Schaukästen ausgestellt: 6706,20 Mark (umgerechnet rund 3350 Euro) wurden Matthäus von den Prämien abgezogen. Ein Stockwerk tiefer, wo die Geschichte der Bundesliga erzählt wird, finden sich Fußballweisheiten wie die von Trainerlegende Ernst Happel: „Ist der Vorstand überzeugt von den Qualitäten des Trainers, dann sind die Herren verpflichtet, ihm das Rückgrat zu stärken. Wenn nicht, so muss der Trainer weg.“

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