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Lassen sich den Mund nicht verbieten: Jonas Svensson (rechts) und Erling Braut Haaland.
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Lassen sich den Mund nicht verbieten: Jonas Svensson (rechts) und Erling Braut Haaland.

WM-Qualifikation

Norwegens Protest gegen Katar: Wikingerbrust mit Botschaft

  • Jakob Böllhoff
    VonJakob Böllhoff
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Norwegens Fußball-Nationalmannschaft protestiert gegen die Zustände im WM-Land Katar – das gefällt nicht allen

Der Fußballweltverband war dann schlau genug, Milde walten zu lassen. Gemäß ihrer Statuten, die politische Statements bei Spielen untersagen, hätte die Fifa ja durchaus Grund gehabt, gegen die Norweger vorzugehen, die am Mittwochabend mit T-Shirts die Menschenrechtslage in Katar angemahnt hatte, dem Gastgeberland der WM 2022. Doch tags drauf hieß es aus dem Headquarter in Zürich: „Die Fifa glaubt an die Meinungsfreiheit und an die Kraft des Fußballs, den positiven Wandel voranzutreiben.“ Man verzichte auf ein Disziplinarverfahren gegen den norwegischen Verband. Wohl wissend, dass alles andere einen Shitstorm provoziert hätte bei dem heiklen Thema.

Ihrer selbst ersuchten Vorreiterrolle in Sachen WM-Protest hatten die norwegischen Kicker jedenfalls alle Ehre gemacht beim ersten Qualifikationsspiel in Oslo gegen Gibraltar. Vor dem souveränen 3:0-Sieg gegen den iberischen Fußballzwerg präsentierten die Skandinavier um den Dortmunder Stürmerstar Erling Haaland T-Shirts mit der Aufschrift „Respect – On and off the pitch“ (Respekt – auf und neben dem Platz) und bei der Hymne ähnliche Shirts mit dem Schriftzug „Human rights – On and off the pitch“ (Menschenrechte – auf und neben dem Platz). Auch Trainer und Betreuer machten mit.

Protest gegen Katar: Sport und Politik „hängen zusammen“

Norwegens Nationalcoach Stale Solbakken, einst Bundesligacoach beim 1. FC Köln, wollte nicht ausschließen, den Protest auch beim Spiel am Samstag gegen die Türkei fortzusetzen. Und er verwahrte sich gegen Sichtweisen, den Sport als Insel zu betrachten, auf der politische Botschaften nichts zu suchen hätten. „Für mich hängen Sport und Politik zusammen“, sagte der 53-Jährige. Es sei ihm wichtig, dass seine Spieler die Last nicht allein trügen. „Sie haben sich heute für etwas eingesetzt, was ich für großartig halte, und dafür sollten sie Anerkennung bekommen, und dann müssen wir weiterarbeiten.“

Gleichzeitig wurde am Mittwochabend noch im Stadion klar, dass die Norweger mit ihrer Aktion auch polarisieren. So sagte Gibraltars Trainer Julio Ribas nach dem Spiel: „Ich möchte nicht, dass meine Spieler oder meine Nationalmannschaft so ein Ereignis politisieren. Es geht um Menschenrechte, aber wir wollen nicht, dass das mit Fußball vermischt wird.“ Solbakken ließ sogleich wissen, wie sehr ihn dies kümmert: „Diese Reaktion ist bedeutungslos. Vielleicht hat auch er Spieler in seiner Mannschaft, die etwas sagen möchten.“

Sonderversammlung zur Frage eines WM-Boykotts durch Norwegen

So schnell kippen die Skandinavier nicht um. Die T-Shirt-Aktion war dabei nur der erwartete nächste Zug in einer Debatte, die nun seit Wochen an Schärfe zugelegt hat, nicht nur in Norwegen, aber vor allem. Ende Februar hatte eine Reihe von norwegischen Topklubs das Nationalteam aufgerufen, die WM im Fall einer Qualifikation zu boykottieren. Der norwegische Fußballverband hält am 20. Juni eine Sonderversammlung zur Frage eines WM-Boykotts ab. Die Stimmen nach einem solchen waren zuletzt auch in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden lauter geworden. Moniert wird die Menschrechtssituation am Persischen Golf.

Zuletzt hatte die britische Tageszeitung „The Guardian“ von 6500 verstorbenen Arbeitsmigrant:innen in Katar berichtet seit der – von Korruptionsvorwürfen begleiteten – WM-Vergabe 2010. Die Zahl ist unumstritten, nicht so jedoch ihre Einordnung. Während kritische Stimmen darin den Beweis für menschenunwürdige Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen sehen wollten, erbeten sich auch hierzulande Expert:innen eine Differenzierung; denn ohne zusätzliche Informationen über die Hintergründe der Verstorbenen sei eine seriöse Beurteilung der Toten nicht möglich. Die Zahl 6500 alleine taugt nicht zur unmittelbaren Skandalisierung. Aus den betroffenen Herkunftsländern (Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka) sind aktuell rund 1,4 Millionen Menschen in Katar beschäftigt, davon geschätzt eine Million Männer. Die „Zeit“ rechnet in diesem Zusammenhang einordnend vor: „In Deutschland sterben von einer Million Männer im Alter von 20 bis 25 im Schnitt 400 pro Jahr, demnach 4000 in zehn Jahren. Von 400 000 Frauen sterben in zehn Jahren Zeit 800.“

Tatsächlich hat der internationale öffentliche Fokus durch die WM-Vergabe zu einer Verbesserung der Lage in Katar geführt, wie auch Menschenrechtler einräumen – die allerdings auch eine unzureichende Umsetzung der Reformen beklagen.

Es gibt noch viel zu tun. Menschrechte bedeuten selbstverständlich mehr als mathematische Gleichungen mit Todeszahlen. Für Homosexuelle zum Beispiel ist die Situation in einem Land wie Katar nach wie vor verheerend. Und so täte der große Sport mit seiner Soft Power gut daran, sich auch in Zukunft in politische Belange einzumischen nach Vorbild der norwegischen Fußballer. Wirklich schau wäre die Fifa, würde sie es weiter zulassen. (Jakob Böllhoff mit dpa/sid)

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