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WM 2022: Knöchelverletzung und Pause – Wieder Drama um Neymar

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Von: Frank Hellmann

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Musste viel einstecken, viel immer: Neymar. Foto: AFP
Musste viel einstecken, viel immer: Neymar. Foto: AFP © afp

Brasilien sorgt sich um den verletzten Knöchel von Superstar Neymar, der in der Gruppenphase nicht mehr zum Einsatz kommen wird. Gibt es Parallelen zur WM 2014?

Frankfurt – Die Inszenierung ist Teil seines Tuns. Auch wenn sein Haar derzeit fast auffällig unauffällig frisiert ist, trug Neymar goldene Kopfhörer beim Abgang aus dem Lusail Stadium. Dazu ist der Goldpokal als Bildschirm-Hintergrund auf seinem Handy hinterlegt, was ja ein schönes Motiv ist, wenn eine Weltmeisterschaft läuft, bei der Brasilien den sechsten Titel herbeisehnt. Welche Rolle der 30-Jährige bei der Mission in Katar spielt, nachdem im goldfarben schimmernden Endspielstadion zum Auftakt ein 2:0-Sieg gegen Serbien gelungen war, ist jedoch nicht so ganz klar.

Nationaltrainer Tite lud gleich einige Schuld auf sich, dass er vom Spielfeldrand nicht sah, was die mehr als 88 000 Zuschauende vor Ort ohnehin im Detail kaum erkennen konnten: Wie sich Neymar bei einem der vielen Fouls des serbischen Abwehrrüpels Nikola Milenkovic so böse den Fuß einklemmte, dass Standbilder das Schlimmste vermuten ließen. Elf Minuten spielte die Nummer zehn noch weiter, ehe es nicht mehr ging. „Es ist bewundernswert, dass er so lange noch weitergemacht hat“, sagte Tite, der am Abend Spekulationen über ein vorzeitiges WM-Aus seiner prominenten Schlüsselfigur abwendete. „Wir sind zuversichtlich, dass er bei dieser WM weiterspielen kann“, sagte der 61-Jährige, die Frage ist nur, wann. Nach der Partie sagte Teamarzt Rodrigo Lasmar, man könne wegen der Schwellung noch keine genaue Expertise abgeben. Am Freitag hieß es, Neymar sei zur weiteren Untersuchung ins Aspetar-Hospital in Doha gebracht worden.

Drama um Neymar – Erinnerungen an 2014 und 2018 werden wach

Diese Zuversicht war offensichtlich verfrüht. Am gestrigen Spätnachmittag wurde bekannt, dass Brasiliens Hoffnungsträger doch schwerer verletzt war als zunächst befürchtet. Er hat sich eine Bänderverletzung im Sprunggelenk zugezogen. Ganz sicher wird er für das nächste Spiel am Montag gegen die Schweiz (17.00 Uhr) ausfallen, auch sein Einsatz im dritten Gruppenspiel gegen Kamerun ist sehr unwahrscheinlich. Die erste Diagnose lautete noch: Fußgelenk geschwollen und ein Ödem. Auch Rechtsverteidiger Danilo erlitt eine Bänderverletzung, auch er wird gegen die Schweiz nicht spielen können.

In der Nacht zuvor war die Stilikone zwar ohne Krücken zum Bus gelangt, dennoch erinnerte einiges an den Ablauf vom 4. Juli 2014. WM-Viertelfinale Brasilien gegen Kolumbien. Es war ein erbitterter Abnutzungskampf in Fortaleza, als der Kolumbianer Juan Camilo Zúñiga sein Knie in den Rücken des brasilianischen Idols rammte. Neymar, damals noch Anker eines Landes, weil er sich nicht vor politische Karren spannen ließ, musste in einer Plastikwanne – sein Oberkörper festgeschnallt – aus dem Stadion getragen worden. Es folgten Standleitungen, Liveschalten und Expertengespräche vom Hospital, ehe die Nachricht vom Wirbelbruch die Runde machte. Eine Tragödie der Heim-WM.

Den Schock schüttelte die Seleção bis zum Halbfinale gegen Deutschland nicht ab. Das ominöse 1:7. Trauma bis heute. Schon damals stieg Lasmar zum wichtigsten Doktor vom Zuckerhut auf. Auch jetzt verbreiteten sich die Aufnahmen von dem dick geschwollenen Knöchel in Windeseile; viele brasilianischen Fans, die auf den Rolltreppen zur überfüllten Metrostation so fröhlich gesungen hatte, drehten sich beim Anblick entsetzt weg. Nicht schon wieder. Und warum Neymar, der doch 2018 nach einem Mittelfußbruch vor der WM auch schon so lange im Krankenstand verbrachte und nun diesen Sommer in seiner Strandvilla in Mangaratiba an der Baía de Sepetiba im Bundesstaat Rio de Janeiro dazu nutzte, um mit einem Privat-Coach an seiner Fitness zu arbeiten. Diese WM soll seine Bühne werden. Schließlich speist sich sein fürstliches Gehalt bei Paris St. Germain aus einem katarischen Staatsfonds.

Die Seleção bei der WM – Notfalls auch ohne Neymar

Die Voraussetzungen für reiche Beute mit dem Nationalteam scheinen günstig. Neymar hat hinter den Spitzen Vinicius Junior, Raphinha und Richarlison einen Platz bekommen, der ihm die Freiheiten lässt, aber die Alleinverantwortung nimmt. Neymar ist heute nicht mehr unersetzlich. In der zweiten Halbzeit war das gut zu sehen, als neben dem pfeilschnellen Vinicius Junior natürlich Doppeltorschütze Richarlison die Lorbeeren erntete. Sein 2:0 wird in jedem WM-Rückblick auftauchen: Nachdem der 25-jährige erst den Ball hochnahm, um ihn dann mit einem Seitfallzieher in die Maschen zu schmettern, schien der riesige Tempel auf dem Wüstensand zu beben.

„Ein wunderschönes Tor, akrobatisch – wahrscheinlich eines der schönsten meiner Karriere und auch des Turniers“, lobte sich der Angreifer von Tottenham Hotspur, der in der Premier League noch auf den ersten Saisontreffer wartet. Weil ihm in der Nationalelf die Nummer neun zugeteilt wurde, war schon vermutet worden, dass er wie seine Vorgänger Fred und Gabriel Jesus bei der WM torlos bleiben würde. Der blondierte Matchwinner lächelte solche Spekulationen ebenso locker weg wie die Besorgnis um Neymar. „Ich habe ‚Ney‘ kurz in der Kabine gesehen. Er soll Eis rauftun, damit wir ihn bald wieder bei 100 Prozent haben. Er muss auf sich und seinen Knöchel aufpassen.“ Wirklich besorgt klang er nicht. Notfalls geht’s auch mal ohne Neymar. Und das wird es auch gehen müssen. (Frank Hellmann)

Guter Nachrichten gibt es unterdessen, für die Personalsituation beim DFB-Team vor dem Duell mit Spanien. So steht Leroy Sané nach Verletzung wieder zur Verfügung.

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