+
Hightech in Kienbaum: Im Werferhaus können die Athleten an den Abläufen feilen.

DDR-Spielstätten

Wo der Westen neidisch ist

  • schließen

Wenn es dem Leistungssport dienlich ist, wird investiert. Wesentliche Einrichtungen aus der ehemaligen DDR wurden übernommen.

Bayern war neidisch. Solch eine Sportstätte hätte man auch gerne gehabt: einen Skitunnel. Fürs Langlauf- und Biathlon-Training, das ganze Jahr. Ewiger Winter auf einer Länge von 1754 Meter, sogar mit Steigung und Gefälle von zwölf Prozent. Plus vier Schießstände.

Der Deutsche Ski-Verband, der in Planegg bei München seinen Sitz hat, wollte eine solche nordische Halle unbedingt, und seit zehn Jahren gibt es sie auch. Nur nicht in dem Bundesland, das sich als Kernregion des Wintersports versteht und in dem der Bayerische Rundfunk sich selbstbewusst als „Schneeflockensender“ bezeichnet. Gebaut wurde sie in Thüringen, das mit Bayern im Wettstreit steht, wessen Produktion für die deutsche Medaillenschmiede in den kalten Sportarten die größere ist. 14,4 Millionen Euro kostete der Skitunnel von Oberhof, finanziert vom Freistaat Thüringen – und dem Bund. Eine Richtungsentscheidung: Die neue spektakuläre Sportstätte kam in den Osten des vereinigten Deutschlands.

Kein Einzelfall. Zwar wird auch in den neuen Ländern über den Verfall und die Schließung etwa von Schwimmbädern geklagt – doch wo es dem Leistungssport dienlich ist, wird investiert. Und wesentliche Einrichtungen des DDR-Sports wurden übernommen.

Sportforum Oberschönhausen:  Man kann es vom Berliner Alexanderplatz mit der Straßenbahn anfahren – und wenn man an der falschen Station aussteigt, hat man lange Wege zu bewältigen. Denn das Gelände ist 50 Hektar groß und hat 35 Teilanlagen. Fußballfelder (im Stadion spielt Regionalligist BFC Dynamo), Hallen für Eishockey, Eiskunstlauf, ein Eisschnelllauf-Oval, für Hand- und Volleyball, Judo, Fechten, mit 50-Meter-Schwimmbahn und Sprunganlage, Beachvolleyballfelder, eine Rollschuhbahn. So etwas wie die Aspire Academy in Doha entstand im Osten Berlins schon in den 50er-Jahren mit sukzessiven Erweiterungen.

Beheimatet im Stadtteil Hohenschönhausen, der auch berüchtigt ist für seinen Stasi-Knast, war das Sportforum ein der bedingungslosen Entwicklung des DDR-Leistungssports gewidmetes Zentrum – und nach der Wende stellte sich die Frage nach dem Umgang mit dem Komplex. Ihn abzureißen war keine Option, denn das Ensemble wurde unter Denkmalschutz gestellt. Heute ist es der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport unterstellt und beherbergt den vom Bund getragenen Olympiastützpunkt Berlin.

Das ehemalige Kongresshotel am Rand des Sportforums, in dem früher Ost-Stars übernachteten, verfällt – doch die Sportanlagen sind belebt. Die Eisschnelllaufbahn taugt für Weltcups, im Wellblechpalast haben die Eisbären Berlin ihr Trainingsdomizil, 2018 fand sogar ein Eishockey-Länderspiel in der wegen ihrer Akustik legendären Halle statt. Die Handballer der Füchse Berlin trainieren in Hohenschönhausen ebenso wie der Basketballnachwuchs von Alba.

Trainingszentrum Kienbaum:  Davon hat jeder schon mal gehört, beispielsweise vor der Leichtathletik-Europameisterschaft 2018 in Berlin. Die Tage davor verbrachten die nominierten deutschen Läufer, Werfer und Springer in Kienbaum. „Olympisches und Paralympisches Trainingszentrum für Deutschland“ heißt es offiziell und liegt 35 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Richtung Osten. Kienbaum war wegen seiner idyllischen Lage am Liebenberger See zunächst ein Erholungsheim; 1952 übernahm es der Deutsche Turn- und Sport-Bund der DDR. Der westdeutsche Bundestag beschloss 1990 die Fortführung. Kienbaum mit 187 Zimmern in den Wohnpavillons ist nun Trainingszentrum für 18 Sportarten und besonders wichtig für Rennkanuten, Judoka, Tänzer. Der Deutsche Leichtathletik-Verband liebt das Werferhaus: Aus dem Überdachten heraus kann man sein Gerät ins Freie schleudern. Das ganze Jahr.

Wer da war, redet warmherzig über Kienbaum. Kanute Ronald Rauhe: „Es ist ein Ruhepol, ohne Lärm der Stadt, nur Natur.“ Sein Sportsfreund Andreas Dittmer: „So viele Nationalmannschaften, die sich auf ihre Jahreshöhepunkte vorbereiten, trifft man kaum woanders.“ Boxtrainer Ulli Wegner: „Die Turnhalle ist Weltklasse.“ DOSB-Präsident Alfons Hörmann: „Kienbaum ist eine Marke.“

FES:  Drei magische Buchstaben im deutschen Sport. Man findet sie auf dem Rahmen von Rennrädern, auf den Seitenwänden von Bobs, FES-Technologie steckt auch in Schlittschuhen, Segelbooten. Im Eingangsbereich des Gebäudes, den man von der Straße aus ungehindert betreten kann, sind auf Tafeln all die Medaillengewinner Olympischer Spiele verewigt, die ihre Erfolge auch den Forschern im Stadtteil Oberschöneweide im Osten Berlins zu verdanken haben. Weiter kommt man erst, wenn man einen Termin hat, dann wird man von einem Mitarbeiter abgeholt. Die Werkstätten des Instituts, das seit der Wende aus Bundesmitteln finanziert wird, sind öfter schon das Ziel von Spionage geworden. Moderner Spitzensport ist Materialschlacht. Und die bei der FES, die sich als in ihrer Art weltweit einmalig versteht, angestellten Ingenieure sind Techniknerds.

IAT:  Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig arbeitet mit 22 Sportverbänden zusammen, wie das FES ist es eine Tüftlerbude. Es entsprang nach der deutschen Wiedervereinigung aus dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport. Das stand für den hochwissenschaftlichen Ansatz, mit dem in der DDR versucht wurde, sportliche Leistungen zu optimieren – allerdings auch mit staatlich gelenktem Doping. Einige Zeit nach der Übernahme durch den Westen haftete der Einrichtung noch der Makel an, ein „SED-Institut“ zu sein. Mittlerweile gilt das IAT als unverzichtbar und leistungsfähig – auch wenn von einst 600 Mitarbeitern nur 120 übrig geblieben sind.

Wesentliche Zentren des Sports in der DDR wurden also erhalten. Der Westen blickt fast neidisch hinüber. In der alten Bundesrepublik kamen seit 1990 allerdings auch einige hübsche Bauten dazu: Die Fußball-WM 2006 sorgte für einen Investitionsschub bei den Stadien, die zu Arenen umgebaut wurden, das Berliner Olympiastadion wurde grundlegend renoviert, in Köln, Hamburg und Mannheim entstanden Multifunktionshallen nach US-amerikanischem Vorbild. Am Berliner Ostbahnhof wurde groß gebaut – von der Anschutz Entertainment Group aus Los Angeles. Zwei Welten kamen zusammen.

Auch im Fußball. Ein neues Stadion, eine Arena, bekam Leipzig, Gründungsort des DFB. Der Filmhändler Michael Kölmel („Kinowelt“, „Sportwelt“), der sich Ende des 20. Jahrhunderts bei angeschlagenen Traditionsvereinen einkaufte, forcierte den Bau der heutigen Red Bull Arena (43 000 Plätze) – sie wurde in die ausladende Betonschüssel Zentralstadion („Stadion der Hunderttausend“) hineingebaut. Eine Vereinigung der besonderen Art.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion