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Kennte jede Zahl jedes Lizenzklubs: Werner Möglich. 

Fußball

Der Hüter der Gerechtigkeit

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Der Fußballfinanzexperte Werner Möglich checkt seit einem halben Leben die Bundesligisten auf Herz und Nieren. 

Es gibt Fälle, da kann selbst Werner Möglich nichts mehr möglich machen. Aber dazu später.

Gerade hat der 58-Jährige wieder ein paar harte Wochen hinter sich gebracht. Das macht ihm nicht viel aus, er ist ein erfahrener Mann. „Ich bin im 29. Jahr dabei, also quasi die Hälfte meines Lebens“, sagt der aus der Handballhochburg Hüttenberg stammende Fußballfinanzexperte und lächelt. Das „quasi“ hätte der Direktor Lizenzierung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) auch weglassen können. In seinem Job ist der gelernte Bankkaufmann und studierte Betriebswirt ein Mann der Zahlen, also weiß er natürlich, dass 29 genau die Hälfte von 58 ist.

Fast drei Jahrzehnte lang schaut Möglich als Hüter der Gerechtigkeit auf die Anträge der Klubs zur Teilnahme an der kommenden Spielzeit in Erster und Zweiter Fußball-Bundesliga. Ein 15-köpfiges Team hilft ihm dabei, die anspruchsvollen Anforderungen, die die DFL an die Vereine und Kapitalgesellschaften stellt, präzise zu überprüfen. Bis zum gestrigen Dienstag gab es mal wieder Post aus Frankfurt an 50 Antragsteller. Inhalt: Die Bestätigungen, dass ihre auf Herz und Nieren geprüften Lizenzanträge entweder gestattet wurden oder die bedrückendere Nachricht, dass noch Bedingungen erfüllt werden müssen, wenn sie kommende Saison mitspielen wollen. Diese Klubs, welche die DFL weder namentlich noch zahlenmäßig nennt, können innerhalb einer Woche Beschwerde einlegen.

Bis zum 15. März, spätestens 15.30 Uhr, hatten sämtliche 36 Erst- und Zweitligisten ihre Bewerbungen um Teilnahme an der Saison 2019/20 bei der DFL einzureichen, entweder per Boten oder der Einfachheit halber besser noch über das eigens eingerichtete Portal zum Hochladen aller Dokumente. Der letzte Antrag trudelte dieses Jahr um 14.20 Uhr, also 70 Minuten vor Toreschluss, bei der DFL im Frankfurter Westend ein. Möglich kennt seine Pappenheimer, es sind meist dieselben, die unter dem Last-Minute-Syndrom leiden.

Bewerber aus der Dritten Liga hatten gar nur bis zum 1. März Zeit, sich für die zweite Liga anzumelden. Potenzielle Auf- oder Absteiger aus der ersten in die zweite Liga und anders herum mussten ihre Dokumente erst bis zum 1. April liefern. Es gilt: Wer überraschend aus der ersten Liga absteigt und es versäumt hätte, zeitig einen Antrag auf eine Lizenz in der zweiten Liga zu stellen, wäre raus. Da kennt Werner Möglich keine Gnade. Passiert ist das aber noch nicht.

Passiert sind dafür andere betrübliche Dinge. Möglich erinnert sich noch ziemlich genau. Er befand sich seinerzeit noch in Diensten des Deutschen Fußball-Bundes, die Deadline zur Abgabe der Unterlagen war damals nicht 15.30 Uhr, sondern Mitternacht. „Ich wartete mutterseelenallein in der DFB-Zentrale auf wichtige Formulare des SV Wilhelmshaven für die Regionalligalizenz. Um 23.55 Uhr sprang das Faxgerät an. Heraus kamen sechs Seiten. Aber die letzte Seite mit der Unterschrift fehlte.“ Möglich rief direkt bei den Wilhelmshavenern an, aber die erforderliche fehlende Seite erreichte ihn erst um 0.05 Uhr. Zu spät, Wilhelmshaven hatte die Ausschlussfrist verpasst.

Auch den Offenbacher Kickers ging es 1989 nicht besser. Präsident Lothar Hardt, berichtet Möglich, sei erst morgens um acht Uhr im DFB aufgetaucht und habe einen Geldkoffer mit 800 000 Euro in bar überreichen wollen. Die Geldübergabe wurde abgelehnt, denn die Abgabefrist war um acht Stunden überschritten worden. Die Kickers mussten sich deshalb aus dem Profifußball verabschieden. Wochenlang habe danach die Polizei wegen Drohungen auf Leib und Leben vor der DFB-Zentrale und den Privathäusern der zuständigen Verbandsmitarbeiter, dem inzwischen verstorbenen Wilfried Straub und seines damaligen Assistenten Wolfgang Holzhäuser, patrouillieren müssen. Unschöne Begleiterscheinungen eines Lizenzentzuges, von dem sich die Kickers nie wieder erholt haben.

Insgesamt wurden seit Einführung der Lizenzierung 20 Klubs die Lizenz entzogen, angefangen mit Hertha BSC im Jahr 1965, weil die Berliner unerlaubt Handgelder an Spieler gezahlt hatten und somit das erlaubte Monatsgehalt von 1200 Mark für einen Bundesligaprofi aushebelten. Werner Möglich persönlich musste 13 Klubs mitteilen, dass sie keine Lizenz erhalten, zuletzt dem MSV Duisburg im Jahr 2013. „Das ist auch für mich kein schöner Moment, aber die Statuten sind zum Schutz des Spielbetriebs und Wettbewerbs von den Klubs selbst so erstellt worden.“

Die Anwärter haben finanzielle, administrative, rechtliche, infrastrukturelle, medientechnische und sportliche Kriterien zu erfüllen. Es geht also bei weitem nicht nur darum, genug Geld in der Kasse bis zum Ende der kommenden Saison nachweisen zu können. Einige Beispiele: Es gehört zu Pflicht, zwölf deutsche Lizenzspieler unter Vertrag zu haben. Die Umkleidekabinen müssen mindestens 40 Quadratmeter groß sein, sechs Duschen und zwei Sitztoiletten sind ebenso vorgegeben. Das Flutlicht benötigt ab nächster Saison eines Stärke von 1400 Lux, derzeit reichen noch 1200 Lux. Die Breite eines Sitzplatzes: mindestens 50 Zentimeter, die Höhe der Sitzschale zum Anlehnen: mindestens 30 Zentimeter, der Abstand zum Nebenmann oder der Nebenfrau: mindestens 40 Zentimeter. Auch die Größe der Maschen im Tornetz ist präzise vorgegeben.

Als Werner Möglich 1991 beim DFB anfing, nachdem er auf eine Anzeige in der Frankfurter Rundschau hin seine Bewerbung an den Verband geschickt hatte, gab es bei manchen Bundesligaklubs noch nicht einmal ein Faxgerät in der Geschäftsstelle. „Die Arbeit wurde mancherorts vom Küchentisch aus verrichtet“, erinnert er sich. Es waren andere Zeiten. Der durchschnittliche Personalaufwand pro Lizenzspielermannschaft in Liga eins belief sich auf 4,5 Millionen Euro, „soviel, rechnet Möglich vor, „verdient inzwischen ein besserer Bundesligaspieler allein“. Vom Fernsehen gab es für eine volle Saison und alle Vereine zusammen umgerechnet 30 Millionen Euro, „das bekommt heute der Tabellenletzte der Bundesliga nur für sich“.

Entsprechend komplexer ist über die Jahre das Lizenzierungsverfahren geworden. Seit fast zehn Jahren gibt es beispielsweise einen Sanktionskatalog, Klubs, die ihre Planzahlen verfehlen, müssen zehn (zweite Liga: fünf) Prozent der Verfehlungssumme als Strafe obendrauf zahlen. So sollen sie lernen, sich zu disziplinieren und nicht mit Phantasiezahlen zu verfahren. Werner Möglich, der alte Hase, lässt sich ohnehin nicht so leicht ins Bockshorn jagen.

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