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1970 nimmt Marokko erstmals an einer WM teil - und verliert unter anderem gegen Deutschland um Kapitän Seeler mit 1:2.
1970 nimmt Marokko erstmals an einer WM teil - und verliert unter anderem gegen Deutschland um Kapitän Seeler mit 1:2. © Horstmüller/Imago

Das politische Spiel - der Fußball im Nahen OsteN - Teil 2: Wie der Sport vereinnahmt wird von Königshäusern, Regimen, Revolutionären

Nach der umkämpften Phase der Dekolonisierung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts streben viele arabische Staaten nicht nur in die Vereinten Nationen, sondern auch in die Fifa. Aus dem Protestmedium Fußball wird staatlich gelenkter Patriotismus. In Algerien drängt Präsident Houari Boumedienne den Einfluss der alten Kolonialmacht zurück, er lässt Beziehungen zu französischen Unternehmen kappen und wertet die arabische Sprache in Schulen und Verwaltung auf.

Straßen, Plätze und Sportstätten erhalten Namen, die an die Revolution erinnern, etwa das „Stadion des 5. Juli 1962“ in Algier, benannt nach dem offiziellen Tag der Unabhängigkeit. Dort finden 1975 die Mittelmeerspiele statt. Im Fußballfinale liegt Algerien ausgerechnet gegen Frankreich zur Halbzeit 1:2 zurück. Staatschef Boumedienne will die Demütigung vermeiden und verlässt das Stadion kurz vor Schluss. Der Jubel nach dem Ausgleichstreffer treibt ihn zurück. Algerien gewinnt letztlich den Titel löst einen landesweiten Jubel aus.

In den Siebzigerjahren breitet sich Ernüchterung in Nordafrika aus. Nach den Unabhängigkeitsfeiern setzen Regime auf Repression, vielerorts treiben Wirtschaftskrisen die Menschen in Armut. In Marokko lässt König Hassan II, im Amt seit 1961, auf Demonstranten schießen und Kritiker aus dem Exil entführen. Die Ablehnung gegen die Monarchie wächst, doch Hassan II schafft auch durch Fußball Ablenkung. 1970 nimmt die marokkanische Nationalmannschaft erstmals an einer Weltmeisterschaft teil, 1976 gewinnt sie ihre bislang einzige Afrikameisterschaft. Die staatsnahen Medien porträtieren den König als Vater des Erfolges.

„Unislamischer“ Fußball

Doch der politische Wert des Fußballs kann einem Staat schnell abhandenkommen, zum Beispiel in Iran. Ende der 1960er Jahre, als Urbanisierung und Industrialisierung alte Milieus durchbrechen, bieten die großen Vereine in Teheran Ablenkung und Identifikation. Das iranische Nationalteam gewinnt ab 1968 dreimal die Asienmeisterschaft hintereinander. Spieler zeigen sich mit dem Schah und steigen zu Prominenten auf. Das Regime lässt für neue Fußballplätze sogar Moscheen abreißen.

Nach der Islamischen Revolution 1979 steht jedoch auch die Freizeitkultur vor einem Umbruch. Kinos, Bars und Theater müssen schließen. Einige Geistliche bezeichnen Fußball als „unislamisch“. Doch sie müssen einsehen, dass ein Verbot des Spielbetriebs jene Gruppen aufwiegeln könnte, denen sie die Revolution mit zu verdanken haben: den konservativen Bauern und weniger gebildeten Arbeitern.

Stattdessen etabliert das Regime ein dichtes Kontrollnetz: Taj, der einstige Verein aus dem Umfeld des Schahs, wird dem Bildungsministerium unterstellt und in Esteghlal umbenannt, Unabhängigkeit. Persepolis, der zweite große Klub in Teheran, kommt in die Obhut des Industrieministeriums. Bald darauf übernehmen Kommandeure der Revolutionsgarden Posten in den Vereinsvorständen.

Viele Regime im Nahen Osten und in Nordafrika stärken mit Fußball ihre Seilschaften in Militär, Verwaltung und Wirtschaft. In Ägypten errichten militäreigene Baufirmen mehr als zwanzig Stadien. Ministerien und Sicherheitsorgane in Kairo übernehmen die Kontrolle über Klubs, ihre Mannschaften tragen Namen wie „Grenzschutz“, „Kriegsproduktion“ oder „Marine“. Hosni Mubarak, ab 1981 Staatspräsident, deutet Siege des ägyptischen Nationalteams bei der Afrikameisterschaft als Symbol für die historische Bedeutung des Landes.

Wie sehr Autokraten den Fußball als Spielzeug betrachten, wird 1982 im spanischen Valladolid deutlich. Bei ihrer ersten WM überhaupt trifft das Nationalteam aus Kuwait auf Frankreich. In der 80. Minute ertönt ein lauter Pfiff von der Tribüne. Viele Spieler sind irritiert und glauben, der Schiedsrichter habe unterbrochen. Der französische Spieler Alain Giresse lässt sich nicht ablenken und trifft zum 4:1 für den Favoriten. Ein Mitglied der kuwaitischen Herrscherfamilie stürmt den Rasen. Scheich Fahad Al-Ahmed Al-Jaber Al-Sabah leitet auch den kuwaitischen Fußballverband. Nun fordert er seine Spieler auf, den Platz zu verlassen. Der Schiedsrichter wirkt eingeschüchtert und annulliert das Tor.

Es ist eine historische Einmischung im Fußball, der noch viele weitere folgen werden.

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