Damals im Mai: Der Frankfurter Makoto Hasebe (am Boden) schimpft gegen den damaligen Bremer Zlatko Junuzovic.

Werder Bremen - Eintracht Frankfurt

Werders Wellenbewegung

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Seit dem Endspiel gegen Frankfurt 2016 um die Relegation sucht Bremen Anschluss nach oben, der nächste Gegner hat ihn schon geschafft.

Eigentlich ist das Weserstadion nicht als reines Stehplatzstadion ausgelegt. Aber sitzen konnte am 14. Mai 2016 kaum jemand. Selbst die Reporter auf der Pressetribüne verfolgten die finalen 90 Bundesliga-Minuten fortwährend stehend, weil sie ansonsten am letzten Spieltag von der Begegnung Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt wenig mitbekommen hätten. Die Gastgeber brauchten einen Sieg für den direkten Klassenerhalt, den Gästen genügte ein Remis. Je länger das Spiel dauerte, desto mehr verbarrikadierte sich die Eintracht. Es kam, was kommen musste: Nach einem Freistoß von Zlatko Junuzovic in vorletzter Minute – verursacht vom gerade eingewechselten Frankfurter Luc Castaignos – bugsierten Anthony Ujah und Papy Djilobodji die Kugel in einem Gemeinschaftsakt über die Linie. 1:0. Die Rettung für Bremen – und die Relegation für Frankfurt.

Bei den Hausherren lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, fluteten alsbald den Innenraum, bauten Tore auseinander, rissen Rasenstücke heraus. Derart entrückt waren nicht einmal die viel zitierten „Wunder von der Weser“ in magischen Europapokalnächten gefeiert worden. Auf der Tribüne saß Frank Baumann, der bald sein neues Amt als Geschäftsführer Sport antreten sollte. Werders Ehrenspielführer, Kapitän beim Doublegewinn 2004, sollte bald einen bemerkenswerten Satz sagen: „Unser Anspruch kann nicht sein, den Klassenerhalt am letzten Spieltag zu feiern wie einen Champions-League-Sieg.“

Baumann und Bobic sind anerkannt

Es sollte das Startsignal für ein anderes Denken sein, Werder Bremen nach jahrelangem Abstiegskampf wieder eher als Anwärter auf die Europapokalplätze zu verorten. Fast 25 Millionen Euro hatte Baumann für den ersten Umbau zur Verfügung, weil die von seinen Vorgängern Thomas Eichin und Rouven Schröder verpflichteten Leistungsträger Jannik Vestergaard und Ujah so viel Ablöse einbrachten. Ungleich schlechter waren die Startvoraussetzungen, als zeitgleich Fredi Bobic in Frankfurt begann, der nach dem unter Trainer Niko Kovac errungenen Ligaverbleib mit einem Budget von 2,8 Millionen Euro auskommen musste.

Mittlerweile sind die Baumeister Baumann und Bobic anerkannte Gesichter ihrer Klubs. Vor dem Topspiel am Samstagabend (18.30 Uhr) sind die Europapokalambitionen in beiden Lagern verbürgt, aber die Ausgangslage hat sich nicht zum Bremer Vorteil verändert. Sportlich: Die Eintracht ist Fünfter, liegt fünf Punkte vor Werder. Und wirtschaftlich: Die Bremer vermeldeten zuletzt knapp 119 Millionen Euro Umsatz, während Frankfurt auf eine Größenordnung von 160 Millionen + X zusteuert – abhängig davon, wie weit die Adlerträger noch in der Europa League kommen.

Mit dem DFB-Pokalsieg wurde ein entscheidender Wachstumstreiber angestoßen, aber das ist es nicht allein, was den Vorsprung ausmacht: Gewiss, die Hanseaten beschäftigen mit dem tschechischen Torhüter Jiri Pavlenka, dem schwedischen WM-Teilnehmer Ludwig Augustinsson oder dem aufstrebenden Maximilian Eggestein gewisse Werte, aber die Hessen verfügen mit dem als Büffelherde titulierten Trio Sébastien Haller, Ante Rebic und Luka Jovic einen Sturm zusammen, der locker mehr als 150 Millionen einbringen würde. Der Vergleich beim Portal transfermarkt.de weist 131 Millionen für den einen (Werder), aber 208 Millionen für den anderen Kader aus.

Spielerische Entwicklung

Und auch bei Internationalisierung, Auslands- oder Eigenvermarktung und sogar dem Ausbau der Arena schlägt die Eintracht gerade wichtige Pflöcke ein. Ein neues Domizil als Geschäftsstelle und Profitrakt entsteht, während in Bremen über solche Pläne erst diskutiert wird. Dafür ist das Weserstadion immerhin von einer Spundwand gegen Hochwasser geschützt. Schließlich liegt die Spielstätte direkt dort, „wo die Weser einen Bogen macht“, wie es in einem alten Vereinslied heißt.

Aber die Entwicklung verlief auch in dieser Saison wieder in einer Wellenbewegung: einem furiosen Start folgte ein Einbruch mit nur einem Sieg aus den letzten acht Partien der Hinrunde. Eine spielerische Aufwärtsentwicklung ist gleichwohl unter Trainer Florian Kohfeldt unübersehbar - und mit dem Abstieg dürften die Grün-Weißen endlich mal wieder von Anfang bis Ende nichts zu tun haben. Erstmals hatte Manager Baumann vor Saisonbeginn das Ziel Europa ausgegeben. Ob es wirklich realisierbar ist, dafür wird der letzte Januar-Samstag 2019 Fingerzeige liefern. Kohfeldt kann die Herausforderung kaum erwarten. Sein Versprechen: „Es lohnt sich richtig, ins Stadion zu kommen.“ Seine Botschaft: Das Stadion muss brennen.“ Vielleicht wird ja wieder viel gestanden.

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