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Der Interimstrainer bei Werder: Florian Kohfeldt.

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Wie Florian Kohfeldt Werder Bremen kurzfristig helfen will.

Die Zeiten liegen nicht so lange zurück, da konnte Florian Kohfeldt unerkannt im VIP-Bereich des Weserstadions zum Tresen schlendern. Oder auf der Mitgliederversammlung in der Werder-Halle zur Toilette gehen. Weil selbst langjährige Mitglieder den jungen Mann mit dem freundlichen Grinsen und dem gepflegten Dreitagebärtchen nicht sofort zu verorten wussten. Er hat eben keine Vita wie die vielen anderen Ex-Profis, die alle noch in irgendeiner Funktion an den Bundesligisten gebunden sind. Kohfeldt hütete in aktiven Zeiten nur das Tor der dritten Mannschaft des SV Werder, Bremen-Liga. Dort gelangt kein Fußballer in den Prominentenstatus. Selbst als Assistent unter Viktor Skripnik lief der gebürtige Siegener noch locker unter dem Radar hindurch.

Die gestiegene Aufmerksamkeit habe er damals durchaus mitbekommen, „da wurde aber das Auto vor und hinter mir fotografiert.“ Am Donnerstag nun hockte der 35-Jährige selbst im Blitzlichtgewitter, das fraglos seiner Person galt. „Die Pressekonferenz beginnt drei Minuten später“, scherzte Mediendirektor Michael Rudolph, obgleich weder Lucien Favre (dessen Berater schon halb abgesagt hat), Bruno Labbadia (den Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer befürworten würde) oder Andreas Herzog (der sich selbst ins Spiel gebracht hat) als Werder-Trainer erschienen waren. Sondern nur der Interimscoach, der die Kurzfristigkeit seines Engagements zuvorderst „als Chance“ sieht.

Werder will nicht mehr so ängstlich agieren

Kohfeldt machte vor seiner Feuertaufe am Freitagabend im Frankfurter Stadtwald mit einem überzeugenden, weil selbstbewussten und meinungsfreudigen Auftritt eine recht gute Figur; eine viel bessere übrigens, als der floskelhafte Vorgänger Alexander Nouri zu solchen Anlässen. „Florian ist ein sehr, sehr großes Talent“, erklärte Geschäftsführer Frank Baumann in Kohfeldts Beisein, solch ein intelligenter und innovativer Trainer werde „so oder so eine große Zukunft haben.“ Dummerweise spricht die jüngere Historie dagegen, ihn vorschnell von der Übergangs- zur Dauerlösung zu machen. Eigentlich kann Baumann keinen dritten Versuch mit einem U23-Coach aus eigenen Reihen wagen, nachdem der 42-Jährige zwei Nachwuchstrainer binnen 13 Monaten entlassen musste. „Die wichtigste Position im Klub“ (Baumann) bestmöglich zu besetzen, ist aufgrund der Besorgnis erregenden Lage („sind in keiner Top-Situation“) Pflicht. Baumann beschreibt es als „diffizile Entscheidung“.

Immerhin macht ihm das Eigengewächs keinen Druck. „Wir alle wissen nicht, was Montag ist. Das ist aber nicht schlimm“, sagte Kohfeldt, der von der Mannschaft zuerst in puncto Mentalität und Bereitschaft „eine Reaktion“ einfordert. Dass er selbst eine Zehn-Spiele-Sieglos-Serie in der Dritten Liga hingelegt hat, ließ der grün-weiße Mutmacher, den Skripnik immer liebevoll „meinen Studenten“ nannte, nicht gelten. Der Vergleich tauge nicht: „Das ist eine Ausbildungsmannschaft, die gegen erwachsene Profis antritt.“

Der ambitionierte Kohfeldt („irgendwann möchte ich Bundesliga trainieren“) hat seine Lehre abgeschlossen: 2013 machte er seinen Master in Sport und Gesundheitswesen, 2015 seine Fußballlehrerlizenz als Jahrgangsbester. Und der Primus war so klug, den destruktiv-defensiven Stil seines Vorgängers zwar nicht zu kritisieren, um gleichwohl eine konstruktiv-offensive Ausrichtung zu versprechen, die er mit seinen Helfern Thomas Horsch und Tim Borowski („ihn zu holen, war meine Entscheidung) bei den ersten Einheiten hinter verschlossenen Türen im Weserstadion erarbeitet hat.

Harakiri werde er sicher nicht befehligen, „aber wir sollten so schnell wie möglich hinter die gegnerische Kette kommen, weil es sich da etwas befreiter spielt als 20 Meter vor dem eigenen Tor“. Im Frankfurter Stadtwald sollen sich bitte nicht wieder zehn ängstliche grün-weiße Männlein am eigenen Strafraum verbarrikadieren.

Zur mutigeren Herangehensweise benötigt der nach eigener Aussage „zielorientierte Typ“ nicht einmal sein Sturmtalent Johannes Eggestein. Den 19-Jährigen rief Kohfeldt direkt an, um dem U21-Nationalspieler die Rückversetzung zur zweiten Mannschaft zu erklären. Zum einen, um dessen nachhaltige Entwicklung nicht zu gefährden. Zum anderen brauche auch die zweite Mannschaft gerade jede Hilfe. Die trägt ihr Drittligaspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach nämlich fast zeitgleich aus.

Gut möglich, dass das bald auch wieder Kohfeldts Betätigungsfeld ist. Darauf vorbereitet ist er: „Sollte ich nächste Woche wieder die U23 übernehmen, kehre ich dort auch in einen Traumjob zurück.“

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