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Ratlos: Florian Kohfeldt.

Werder Bremen

Werder Bremen: Willkommen im Abstiegskampf

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Werder Bremen steckt im Formtief und dem Tabellenkeller fest – diese Sinnkrise hat ein Sammelsurium an Ursachen.

Florian Kohfeldt kommt nicht ohne etwas zwischen den Zähnen aus. Für jedes Bundesligaspiel gehen beim Trainer des SV Werder mindestens zwei Packungen Kaugummi drauf. Der aus der Hosentasche seines Trainingsanzugs bediente Konsum steigt beim 37-Jährigen mit der Anspannung. Spielt seine Mannschaft im Weserstadion weiter wie am Sonntag beim Offenbarungseid gegen den SC Paderborn (0:1), könnte sich die Coaching Zone vor der Bremer Bank alsbald in eine klebrige Masse verwandeln.

Zäh wie ein Kaugummi schleppte sich die Partie dahin, ehe sich der Bremer Tiefpunkt dieser bislang missratenen Spielzeit ereignete. Bei einem Billardtor von Sven Michel (90.) hatte Schiedsrichter Sascha Stegemann zunächst auf Abseits entscheiden, doch dann ergaben die kalibrierten Linien im Kölner Kontrollraum, dass die Hacke von Linksverteidiger Ludwig Augustinsson die Abseitsstellung aufhob. Der Gegentreffer löste grün-weiße Schockstarre aus. Selten haben Trainer, Spieler und Fans eine solch böse Bescherung erlebt wie am zweiten Advent.

„Wir haben nicht genug dafür getan, um zu gewinnen. Deshalb bin ich enttäuscht und sauer“, sagte Kohfeldt in einer ersten Reaktion. In dieser Verfassung werden die Hanseaten kaum den Tabellenkeller verlassen. Nur noch zwei Punkte beträgt das Polster vor den Abstiegsplätzen und am Samstag geht es zu dem unter gehörigem Siegzwang stehenden FC Bayern. Es zeichnet sich ab, dass die Hanseaten gegen die direkten Konkurrenten Mainz 05 (17. Dezember) und beim 1. FC Köln (21. Dezember) zum Hinrundenkehraus mit dem Rücken zur Wand stehen werden. Zunächst dürfte sich die bremische Malaise in München noch verschlimmern.

„Die Leistungen der vergangenen Wochen machen mir Sorgen“, sagte Geschäftsführer Frank Baumann, der intern eine „kritische Aufarbeitung“ ankündigte. Extern kommt ja häufiger der Vorwurf auf, dieser mit vielen Angehörigen der Werder-Familie besetzte Verein gehe zu pfleglich miteinander um.

Keine Trainerdiskussion

Daher wäre eine öffentliche Korrektur des Saisonziels Europapokal angemessen: Zwei Jahre nach Kohfeldts Amtsantritt und einem Aufwärtstrend mit dem sehr respektablen achten Platz und dem Einzug ins DFB-Pokalhalbfinale aus der Vorsaison kämpft der Klub unter dem „Trainer des Jahres 2018“ wieder um den Klassenerhalt.

Während Leonardo Bittencourt, Leihgabe von der TSG Hoffenheim, bereits vom Abstiegskampf sprach, vermied sein Trainer diese Begrifflichkeit, als handele es sich dabei um das Unwort des Jahres. „Das Wort Abstiegskampf nehmen wir deshalb nicht so gerne in den Mund, weil wir eine Mannschaft sind, für die das Kämpfen, die Aggressivität und die Intensität selbstverständlich sein muss“, sagte Kohlfeldt nur. Diskussionen um seine Person hat der Trainer rund um den Osterdeich noch nicht zu befürchten hat. „Wir haben in dieser Hinrunde nie unseren Rhythmus gefunden. Es ist ein fußballerisches Problem“, gab Kohfeldt erstmals zu. Das Eingeständnis wirkt überfällig. Einem im Schnitt fast 28 Jahre alten Ensemble fehlen vor allem Kreativität und Tempo, am Sonntag auch Biss und Leidenschaft.

Lange waren die Leistungsdellen mit der Verletztenmisere erklärt worden, doch nun stand bis auf Niclas Füllkrug (Kreuzbandriss) die Bestbesetzung auf dem Hybridrasen. Kapitän Niklas Moisander feierte ein ordentliches Saisondebüt, Ballverteiler Nuri Sahin saß wegen seiner Zweikampfschwäche auf der Bank. Gleichwohl machten die Einwechselungen die Probleme deutlich. Claudio Pizarro mag zwar Kultfaktor besitzen, und viele finden die blondierten Haare ganz dufte, aber der nicht mehr austrainierte 41-Jährige bewegt sich inzwischen wie ein Altherrenkicker.

Keine Hilfe ist zudem der halb so alte Johannes Eggestein, der zwar bei der U-21-Nationalmannschaft die Kapitänsbinde trägt, aber nach seiner Vertragsverlängerung eine tiefe Talsohle durchläuft. Ähnlich Zwillingsbruder Maximilian, der zeitweise ans Tor der A-Nationalmannschaft klopfte, jedoch ebenso im anhaltenden Formtief steckt. So hat auch diese Sinnkrise ein Sammelsurium an Ursachen. Baumann und Kohfeldt müssen zugeben, dass ihr Kader nicht so schlagkräftig ist wie angenommen. Außer dem flinken Milot Rashica ist kaum jemand in der Lage, den Gegenspieler einfach mal auszuspielen oder ihm wegzulaufen. In der Vergangenheit konnte dieses Manko noch Max Kruse kaschieren, aber der Verweis auf seine unbesetzte Stelle schmeckt den Verantwortlichen noch schlechter als ein gebrauchtes Kaugummi.

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