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Sträflich im Stich gelassen: Werders Torwart Jiri Pavlenka, der inzwischen 40 Gegentore kassiert hat.

Vor dem Abstieg

Werder Bremen am Tiefpunkt

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Werder Bremen taumelt Richtung zweite Liga. In Köln steht das Vertrauen in Trainer Kohfeldt auf dem Prüfstand.

Noch gibt es diese Bilder am Weserstadion nicht: Auf dem Parkplatz gegenüber dem Profitrakt steigt Florian Kohfeldt in seinen Dienstwagen, versteckt sich hinter der getönten Scheibe und braust zwischen den Spundwänden für Hochwasserschutz Richtung Osterdeich davon. Vorerst geht die Szenerie weiter so wie am Mittwochmorgen, als der Trainer von Werder Bremen seine Spieler wieder auf den Platz führte. Genauso wie es der 37-Jährige am Dienstagabend nach der 0:5-Demontage gegen den FSV Mainz 05 angekündigt hatte. Obgleich extrem konsterniert, hatte er sehr genau zugehört, was am Zaun der Ostkurve die Fans ihm zugerufen hätten: weitermachen, nicht weglaufen. Sein Versprechen: „Es ist eine unfassbare Wut in mir. Ich werde mit allem kämpfen, was ich habe. Und ich bin mir sicher, dass man mich lässt.“

Tatsächlich verweigert sich Geschäftsführer Frank Baumann den branchenüblichen Mechanismen. „Wir diskutieren hier nicht über, sondern mit dem Trainer. Florian ist nach wie vor davon überzeugt, dass er und wir gemeinsam mit der Mannschaft da rauskommen. Die Mannschaft ist gefordert, einiges an den Trainer zurückzugeben, an einen Trainer, der sich mit jedem beschäftigt und jeden vorangebracht hat.“ Wenn schon die Spieler den Fight nicht annehmen, kämpft wenigstens jetzt der Manager.

Wie das Kellerduell beim 1. FC Köln am Samstag den Umschwung bringen soll, erscheint unklar. Die Hanseaten taumelten wie betäubt über den Hybridrasen, als hätte es wenige Stunden zuvor einen Mannschaftsabend am Feuerzangenbowle-Stand auf dem schönen Bremer Weihnachtsmarkt gegeben. Die Auflösungserscheinungen wirken so krass, dass Kohfeldt ankündigte: „Wir werden ganz sicher so nicht weitermachen.“ Wie geschockt er selbst war, verriet diese Aussage: „Heute muss man über die reden, die auf dem Platz standen. Heute hätte es eigentlich gar keinen Trainer gebraucht.“

Eine solche Anklage war die Kehrtwende um 180 Grad. Dass Schutzschild wegzuziehen, ist indes überfällig, weil die Schönrednerei der sportlichen Leitung zu lange ein Teil der Problematik ergab. Irgendwann muss mit den Alibis Schluss sein. Eine in Einzelteile zerbröselte Mannschaft hat sich drei Offenbarungseide binnen zehn Tagen geleistet – 0:1 gegen den SC Paderborn, 1:6 beim FC Bayern, nun 0:5 gegen Mainz 05. Jedes sah für sich wie ein eigenes Bewerbungsspiel für die zweite Liga aus.

Baumann klagt Spieler an

Wobei der Dienstagabend nach Dafürhalten eines sehr glaubwürdigen Augenzeugen den Tiefpunkt bildete: Aufsichtsratschef Marco Bode sprach von „einem der bittersten Momente als Spieler und Verantwortlicher“ – und der 50-Jährige ist seit fast drei Jahrzehnten dabei. Selbst dem ansonsten so besonnenen Baumann platzte der Kragen.

„Vor dem Spiel und in der Halbzeit motivieren sich die Jungs, dass die Wände wackeln. Aber dann ist es ein Alibi-Gekicke. Ich muss mich nicht drinnen anschreien und draußen alles über mich ergehen lassen.“ Der 44-Jährige wirkte erzürnt hoch zehn. „Jeder lässt den Kopf hängen, trabt vor sich hin.“ Sätze wie Peitschenhiebe, die an die Traumtänzer mit dem Weihnachtsbaum auf dem Trikot gerichtet waren.

In Bremen steht mit 40 Gegentoren die Schießbude der Liga – Keeper Jiri Pavlenka gibt eine beinahe bedauernswerte Figur ab, weil die laxe Verteidigungshaltung seiner Vorderleute sich wie ein roter Faden durch eine „Scheiß-Saison“ (Kohfeldt) zieht. Einiges erinnert bereits an die historisch schlechte Abstiegssaison 1979/80, in der Dieter Burdenski sogar 93 Mal hinter sich greifen musste. Vier Jahrzehnten später ist die Versetzung erneut akut gefährdet. Stellvertretend gestand Kapitän Niklas Moisander: „Wir müssen uns schämen.“ Aber das allein reicht nicht mehr.

Kohfeldt muss Präzedenzfälle schaffen. Nur die Liste ist verdammt lang: Nuri Sahin, nach 27 Minuten vom Feld geholt, hat mit seinen schlaffen Auftritten jedwede Ansprüche verspielt, Yuya Osako legt ein Zweikampfverhalten wie bei den F-Junioren an den Tag, Maximilian Eggestein braucht dringend eine Denkpause, Michael Lang hat kein Bundesliganiveau. Nur: So üppig ist das Angebot bei den U19-Junioren und der U23 nicht, dass hungrige Talente schlappe Profis ersetzen, wie es Kohfeldts Kollege Markus Gisdol gerade in Köln vormacht.

Dass es am Samstag zum Hinrundenkehraus am Rhein um Grundsätzliches für die Grün-Weißen geht, steht fest. Der Trainer mag vom Manager vernommen haben, es werde auch „auf Strecke“, also auch in der Rückrunde, noch keine Diskussionen um seine Person geben, aber Bode öffnete die Tür bereits einen winzigen Spalt: „Ich würde es immer noch so beschreiben, dass wir mit dem Trainer da rauskommen.“

Wird dieser Glaube nicht wenigstens hauchzart vor Weihnachten unterfüttert, könnte der Kontrollchef für eine Vereinsikone plädieren, die inzwischen als Technischer Direktor angestellt ist: Thomas Schaaf. Man sollte sich nur noch einmal vergegenwärtigen, dass dessen Rettermission bei Hannover 96 vor vier Jahren mit einer miserablen Rückrunde schnurstracks in den Abstieg mündete.

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