Marco Bode.
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Interview Marco Bode

Marco Bode: „Florian ist ein Kämpfer - und wir kämpfen mit ihm“

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Ex-Nationalspieler Marco Bode erklärt, warum Werder Bremen trotz der enttäuschenden Saison am Trainer festhält und warum ihn die Spielverschiebung ärgert.

Marco Bode ist seit fünfeinhalb Jahren Aufsichtsratschef von Werder Bremen als Nachfolger von Willi Lemke. Der ehemalige Nationalspieler (40 Länderspiele) absolvierte seine letzte Begegnung als Fußballprofi beim WM-Finale 2002 in Yokohama gegen Brasilien. Der Linksfuß gehörte zu den fairsten Spielern der Bundesligahistorie und sah in 15 Jahren in 379 Einsätzen, allesamt für Werder Bremen, nur 13 Gelbe Karten. In Bremen ist der 50-jährige gebürtige Harzer hoch geachtet.

Herr Bode, welche Bedeutung hat für Werder Bremen das Pokalspiel in Frankfurt im Vergleich zur Bundesliga?

Das ist ja gleich zu Beginn eine böse Frage ( lacht). Natürlich wissen wir, dass wir uns in der Bundesliga in einer äußerst kritischen Lage befinden. Nichtsdestotrotz nehmen wir das Pokalspiel sehr ernst und hoffen sehr darauf, ins Halbfinale einzuziehen.

Werder spielt eine beispiellos schwache Saison und hält dennoch weiter zum Trainer. Warum verhält sich der Klub völlig branchenuntypisch?

Weil wir nach wir vor überzeugt sind, dass Florian Kohfeldt für uns der richtige Trainer ist. Natürlich sind wir alle miteinander auch sehr unglücklich mit den Ergebnissen in dieser Saison, teilweise auch mit den Leistungen. Aber wir versuchen, differenziert zu beurteilen, wo die Ursachen dafür liegen. Wir wollen es uns nicht so einfach machen und den Trainer als alleinverantwortlich für die Entwicklung betrachten.

Wie groß ist dabei auch der persönliche Druck auf Ihnen als Aufsichtsratschef angesichts der Aussicht, dass ein Abstieg nahezu 50 Millionen Euro kostet?

Es wird manchmal so getan, als sei es in unserer Situation vernünftig, in jedem Fall noch einen Trainerwechsel vorzunehmen – mit dem Hinweis darauf, sonst hätte man nicht alles versucht. Das ist aus meiner Sicht keine überzeugende Argumentation. Denn es kann ja gerade richtig sein, am Trainer festzuhalten, zumal dann, wenn zu spüren ist, dass er nach wie vor die Kraft für die schwierige Aufgabe besitzt und die Mannschaft zu ihm steht.

Und weil Sie ein so gutes persönliches Verhältnis haben?

Ich habe gelesen, wir würden nur deshalb an Florian festhalten, weil wir so gut befreundet seien. Tatsächlich ist es aber so: Die Nähe und der respektvolle Umgang sind sehr professionell. Gerade wegen dieser Vertrautheit können wir sehr offen miteinander sprechen. Florian ist ein Kämpfer, deshalb bin ich der Meinung, wir sollten mit ihm kämpfen.

Kann man sich auch darüber unterhalten, dass Werder mit Kohfeldt in die zweite Liga geht und dort mit demselben Trainer einen direkten Wiederaufstieg anstrebt, so wie das der SC Freiburg mit Christian Streich und Mainz 05 mit Jürgen Klopp getan haben?

Ja, das kann eine Option sein. Aber ich möchte betonen, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht auch nur im Ansatz einen Abstieg akzeptieren würden.

Könnten Sie nicht jetzt verkünden, Kohfeldt bleibe auf jeden Fall auch in der kommenden Saison Trainer, und daraus gemeinsam Kraft saugen?

Es kann sein, dass es zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich auf eine solche Entscheidung hinausläuft. Aber derzeit sehen wir das noch nicht.

Wäre es eine denkbare Variante, den Technischen Direktor Thomas Schaaf für einige Wochen übernehmen zu lassen, um Kohfeldt zu schützen, und dieser kehrte dann zur neuen Saison als Chefcoach zurück?

Nein. Das halte ich für keine Option.

Wie unterstützen Sie als Ex-Nationalspieler den ja noch jungen Trainer Kohfeldt persönlich? Rücken Sie näher ran?

Ja, das kann man schon sagen. Ich versuche, für Florian und Frank (Sportchef Baumann, die Red.) ansprechbar zu sein. Wir als Aufsichtsrat von Werder Bremen sehen unsere Rolle zwar durchaus auch als Kontrolleur, aber auch darin, der Geschäftsführung beratend zu Seite zu stehen. Da schließe ich den Trainer mit ein.

Sieht man Marco Bode in einer Brandrede vor der Mannschaft?

Nein, natürlich nicht. Mit der Mannschaft spricht vor allem der Trainer und manchmal der Geschäftsführer Fußball Frank Baumann, aber sicher nicht der Aufsichtsrat. Ich spreche allenfalls mal im Trainingslager eher zwanglos mit dem einen oder anderen Spieler, um sie kennenzulernen und sie zu unterstützen.

Werder Bremen hat die Bundesliga im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends mitbestimmt. Jetzt wirkt der Verein auf Naht gestrickt und von den Top sieben abgehängt, erst recht von den Top vier. Stimmt dieser Eindruck?

Die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation nach dem Verlust der Champions League vor fast zehn Jahren hat tatsächlich dazu geführt, dass Werder nicht mehr in der Lage ist, finanziell mit dem oberen Drittel der Bundesliga mitzuhalten. Wir wollen uns jetzt aber auch nicht kleiner machen, als wir sind.

Das heißt?

Insbesondere in diesem Spieljahr sind wir bisher deutlich unter unseren sportlichen Möglichkeiten geblieben. Ich sehe da neben vielen verletzten Spielern auch die psychologische Komponente: Negativergebnisse haben in einen Teufelskreis hineingeführt. Die vergangene Saison hat gezeigt, dass wir Europa angreifen können, wenn alles passt. Aber in dieser Saison wissen wir alle schon seit geraumer Zeit: Es geht nur noch um den Klassenerhalt.

Eintracht Frankfurt hat für diese Saison einen Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro angekündigt. Es ist noch gar nicht so lange her, als Werder Bremen die Eintracht am letzten Spieltag in die Relegation bugsierte. Inzwischen ist die Eintracht heftig gewachsen und Werder stagniert. Macht das Beispiel Frankfurt Ihnen Hoffnung, es der Eintracht nachtun zu können, oder bräuchte Werder dafür Investoren von außen?

Ich glaube schon, dass wir auch ohne Investor in der Liga mithalten können. Mönchengladbach und Frankfurt zeigen, wie es auch für uns laufen könnte. Aber vom Konzert der ganz Großen haben wir uns ehrlicherweise ein ganzes Stück weit entfernt. Und in dieser Saison ist es nun mal so: Das Ziel Klassenerhalt wäre aus jetziger Sicht ein großer Erfolg. Das sollte für uns alle die Ambition für den Rest der Saison sein.

Werder Bremen hat sich beschwert, dass die DFL nicht bereit war, das Bundesligaspiel am vergangenen Sonntag gegen die Eintracht am ursprünglichen Termin zu belassen. Sehen Sie sich von der DFL benachteiligt, weil das Land Bremen mit der DFL wegen der Polizeikosten im Clinch liegt?

Nein. Das würde ich nicht in Zusammenhang bringen. Richtig ist, dass wir eine andere Auffassung zu der Verschiebung haben. Unser Hauptargument lautet: Wenn man ein Spiel verlegt, braucht es eine realistische Option für eine sinnvolle Neuansetzung. Die gibt es nicht, so dass es so weit kommen könnte, dass wir in der letzten Woche der Saison eine Englische Woche absolvieren müssen. Natürlich haben wir ein gewisses Verständnis für die Situation der Frankfurter gehabt. Schließlich waren wir mit Werder Bremen schon in einer ähnlichen Situation …

,,,Werder spielte im Februar 2008 an einem Donnerstag bis nach Mitternacht in den Freitag hinein im portugiesischen Braga und am Samstag dann bereits in Frankfurt und verlor dort 0:1 …

… aber die mögliche Alternative, eben die Englische Woche ganz am Ende, kann nicht im Sinne der Sache sein. Es wurde mit Rücksicht auf die Eintracht und deren verschobenes Spiel in Salzburg mit der Integrität des Wettbewerbs argumentiert. Diese Integrität sehen wir nun zu unserem Nachteil nicht mehr gewährleistet. Es ist schließlich nicht ganz falsch, die beiden letzten Spieltage grundsätzlich parallel laufen zu lassen. Davon muss man nun mit einiger Wahrscheinlichkeit abweichen.

Nach den Ereignissen vom Wochenende hat der DFB-Präsident Fritz Keller den Klubs vorgeworfen, die Fans hätten zu viel Macht bekommen. Fühlt Werder Bremen sich da angesprochen?

Nein, tun wir nicht. Wir gehören zu den ersten Klubs in der Bundesliga, die sich um Fanthemen überhaupt gekümmert und einen Dialog in Gang gebracht haben. Bei uns in Bremen gab es zum Beispiel das erste Fanprojekt ligaweit. Auch in Bremen gibt es Konflikte zwischen Ultra-Gruppen und dem Klub. Aber wir sind der Meinung, dass es zu einem – manchmal auch mühevollen – Dialog keine einfache Alternative gibt.

Interview: Jan Christian Müller

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