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Noch ist schwer erkennbar, wie stark der SV Werder, hier im Trainingslager in Zell am Ziller, nächste Saison wirklich ist.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (7)

Werder Bremen: Heilsamer Schock

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Nach dem Fast-Abstieg in diesem Sommer redet an der Weser niemand mehr vom Europapokal. Eine sorgenfreie Saison wäre ein Fortschritt.

Die vergangene Saison wird niemand bei Werder Bremen so schnell vergessen. Vielleicht waren die Ereignisse für den einen oder anderen prägender als die erfolgreichen Zeiten. Der Sprung am letzten Spieltag auf Rang 16 im Heimspiel gegen den 1. FC Köln (6:1), dann der Kraftakt in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim (0:0, 2:2) haben mindestens genauso Spuren hinterlassen wie die Corona-Krise.

Wie ist die Stimmung?

Zumindest beim Trainingslager im Zillertal, wo die Grün-Weißen so oft hinfahren, dass Aufsichtsratsboss Marco Bode schon vom „Zillerdeich“ spricht, war die Atmosphäre wieder besser. Aber ist das nicht überall so? Am Anfang der Vorbereitung, ohne den Druck der Wettkämpfe, sind stets die meister guter Laune. Insofern verbieten sich Rückschlüsse für den weiteren Saisonverlauf. Was allerdings sein kann: Trainer und Mannschaft sind gemeinsam durch das Tal der Tränen gegangen, haben sich spät, aber nicht zu spät an ureigene Stärken erinnert, um nicht mit dem Makel des ersten Abstiegs seit 40 Jahren für den stolzen SV Werder leben zu müssen. Das kann zusammenschweißen.

Wie stark ist der Kader?

Sollte Milot Rahica noch zu RB Leipzig (oder einem Interessenten aus dem Ausland) wechseln, wovon ja alle ausgehen, dann verliert Werder seinen besten Stürmer. Und einer der ganz wenigen Akteure mit hohem Tempo und überraschenden Ideen und guter Technik. Der Kosovare strebt nach Höherem, das ist verständlich. Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt, die auf der Zielgeraden nicht zum Einsatz kamen, mussten gekauft werden – vor allem der ständig verletzte Toprak könnte wie ein Neuzugang gewertet werden, wenn der 31-Jährige stabil bleibt. Aber stärker als im Vorjahr ist der Kader nicht. Felix Agu (VfL Osnabrück), Romano Schmid oder der von Manchester United ausgeliehene Tahith Chong sind eher als junge Ergänzungen anzusehen. Sollte Torwart Jiri Pavlenka noch wechseln, wäre das ein herber Verlust. Der schweigsame Tscheche war ein Garant des Klassenerhalts.

Worauf steht der Trainer?

Eigentlich auf einen ballbesitzorientieren Offensivfußball in der 4-3-3- oder 4-4-2-Grundausrichtung. Dafür wollte Trainer Florian Kohfeldt in der vermaledeiten Vorsaison das Fitnesslevel anheben – und hat dabei zu viel gewollt. Bis zu zehn Verletzte in der Vorbereitung waren eine Ursache des Absturzes – aber nicht die alleinige. Auch der erst 37 Jahre alte Fußballlehrer kam zeitweise vom Weg ab. Dass ihn der Verein aus Überzeugung immer stützte – und am Saisonende nur zwei Assistenztrainer (Ilia Gruev und Thomas Horsch) gehen mussten – dafür darf ruhig auch Kohfeldt dankbar sein.

Die Bundesliga-Tipptabelle der FR-Redaktion für die Saison 20/21

PlatzVerein
1noch nicht gesetzt
2noch nicht gesetzt
3Borussia Mönchengladbach (4)
4noch nicht gesetzt
5Hertha BSC Berlin (10)
6noch nicht gesetzt
7noch nicht gesetzt
8TSG Hoffenheim (6)
9noch nicht gesetzt
10FC Augsburg (15)
11noch nicht gesetzt
12noch nicht gesetzt
13Werder Bremen (16)
14Mainz 05 (13)
15noch nicht gesetzt
16VfB Stuttgart (-)
17noch nicht gesetzt
18noch nicht gesetzt

In Klammern: Platz in der letzten Saison

Wo hapert’s noch?

Der Kader ist noch eine Baustelle, weil viel zu groß. Der Klub ist auf Verkäufe angewiesen, hat sich auf den Verlust von zwei, drei Stammspielern eingestellt, aber an der Weser wird auch nicht so schlecht verdient, dass die Kandidaten wie Ludwig Augustinsson auf einen Abschied drängen. Größte Baustelle ist das defensive Mittelfeld: eigentlich seit Jahren fehlt ein dynamischer, zweikampfstarker Sechser, der zur Not auch in der Abwehr aushilft. Kevin Vogt war eine Ideallösung, aber nur für ein halbes Jahr von der TSG Hoffenheim ausgeliehen. Kann der 1,96-Meter-Mann Patrick Erras vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg diese Lücke stopfen? Fraglich.

Wer sticht heraus?

Die Rückholaktion von Max Kruse hat nicht geklappt. Und vermutlich ist das für alle Seiten besser so. Unterschiedsspieler hat Werder nicht mehr allzu viele. Davy Klaassen, der Topverdiener, ist mehr Kämpfer als Künstler. Mit Claudio Pizarro, dessen Karriereende überfällig erschien, verliert Werder eine Identifikationsfigur. Mit Philipp Bargfrede, Sebastian Langkamp oder Fin Bartels wurden die Verträge derjenigen nicht verlängert, die für weiteren Klebstoff in der Kabine sorgten.

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Klaus Filbry, als Vorsitzender der Geschäftsführung gleichzeitig Hüter der Finanzen, ist das Gegenteils eines Bauchmenschen. Aber ob er deswegen keine Bauchschmerzen hat? Die Hanseaten, die unter Filbrys Regie die jüngere Vergangenheit eine sehr kluge Konsolidierungspolitik hingelegt hatten, hat bei der großen Saisonanalyse das sich abzeichnende Minus auf rund 30 Millionen Euro beziffert. Sinkende TV-Einnahmen, schrumpfende Sponsoringerlöse, aber auch unsichere Zuschauereinnahmen sind das eine, die recht teuren Kaufverpflichtungen für die zunächst geliehenen Toprak und Bittencourt das andere. Die Grün-Weißen müssen den Gürtel enger schnallen, und sind dennoch zunächst fast zwingend darauf angewiesen, selbst Transfererlöse zu erzielen. 25 Millionen Euro soll der Rashica-Deal bringen. Aber wenn selbst ein so potenter Klub wie RB Leipzig zögert, dann sieht es auf dem Transfermarkt düster aus. Werder muss Geduld beweisen. Immerhin haben 25 000 Dauerkarteninhaber brav ihren Obolus entrichtet. Nicht alle werden eine Rückerstattung beanspruchen. Aber für die Finanzlage ist es der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Nicht umsonst haben die Norddeutschen einen KfW-Kredit beantragt.

Was ist drin?

Allenfalls ein Mittelfeldplatz. Eher ist wahrscheinlich, dass Werder noch einmal mit dem Abstiegskampf Bekanntschaft macht, aber nicht mehr so tief in den Sumpf gezogen wird. Das braucht in Bremen keiner mehr.

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