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Die Werder-Profis feiern den Erfolg in Dortmund mit den mitgereisten Fans,

Sieg gegen BVB

Werderaner mit Wucht und Willen

Warum Bremen den Ligaprimus im DFB-Pokal in die Knie zwingt.

Michael Zorc hatte nach Mitternacht keine große Lust mehr, sich den Fragen der Journalisten zu stellen. „Der Abend wird nicht mehr schön. Geht doch nach Hause“, teilte der Dortmunder Sportdirektor den Medienvertretern nach dem Pokalaus gegen Werder Bremen mit. Kurz und knapp analysierte Zorc aber noch, warum der BV Borussia das Viertelfinale durch ein 5:7 (3:3, 1:1) nach Elfmeterschießen vor 81 365 Zuschauern (ausverkauft) verpasste. „Wir haben in den entscheidenden Momenten nicht konsequent verteidigt, haben zweimal geführt, waren beim 2:2 und 3:3 nicht aufmerksam genug. Das ist einfach ärgerlich.“

Nach eher biederen 90 Minuten, in denen der BVB in der Nachspielzeit der ersten Hälfte durch einen genialen Freistoß aus 19 Metern von Marco Reus die frühe Bremer Führung durch Milot Rashica (5.) egalisiert hatte, folgte eine turbulente Verlängerung, in der der Bundesliga-Spitzenreiter zweimal dank der Tore von Christian Pulisic (105.) und Achraf Hakimi (113.) vorn lag, aber jeweils den Ausgleich durch die List des Claudio Pizarro (108.) und die Wucht von Martin Harniks Powerkopfball (119.) kassierte. Im Elfmeterschießen wurde Jiri Pavlenka zum Bremer Helden, als er gleich die ersten beiden Bälle von Paco Alcácer und Maximilian Philipp parierte, während anschließend alle Bremer verwandelten.

Kein Vorwurf war Richtung Dortmunds Torhüter Nummer drei, Eric Oelschlägel, zu hören. Der junge Mann, der der erst vor Beginn der Saison von Bremens Amateuren zum BVB gewechselt war., durfte kurzfristig zwischen die Pfosten, weil sowohl Roman Bürki als auch Marwin Hitz gippegeschwächt passen mussten. „Eric hat ein paar sehr gute Bälle gehalten. Die Niederlage ist nicht an seiner Leistung festzumachen“, beteuerte Zorc. „Dafür, dass er zum ersten Mal vor über 80.000 Zuschauer gespielt hat, war das eine gute Vorstellung.“ Dass er im Elfmeterschießen chancenlos war, nahm der Ersatzmann des Ersatzmannes gelassen hin. „Die waren alle sehr gut geschossen. Das muss man auch anerkennen.“

Auch Marco Reus, der schon bei seinem Freistoßtreffer vor der Pause muskuläre Probleme im Oberschenkel spürte und deshalb zur Pause ausgewechselt wurde, fand andere Gründe für den Pokal-K.o.. „Wir haben uns einfach dumm angestellt“, sagte Dortmunds Kapitän. „Wenn man in der Verlängerung zweimal führt, dann muss man cleverer, vielleicht auch dreckiger spielen“, echauffierte sich Dortmunds erfolgreichster Stürmer.

Seine Auswechslung sei eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, bevor etwas reißt, so Reus. „Wir haben in der Pause entschieden, dass wir kein Risiko eingehen.“ Schließlich brauchen die Dortmunder ihn am Samstag im Bundesliga-Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr) und am Mittwoch im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Tottenham Hotspur (21 Uhr).

Um Reus Tatkraft einzudämmen, hatte Werder-Trainer Florian Kohfeldt dem gelernten Mittelfeldspieler und Ex-Dortmunder Nuri Sahin eine Rolle zugewiesen, die absolutes Neuland darstellte. Zentraler Innenverteidiger in einer Fünferkette – Sahin hatte diese klar festgelegte Position noch nie zuvor in seiner schon mehr als 13 Jahre andauernden Profikarriere gespielt. „Aber ich könnte mich daran gewöhnen“, sagte er nach der Premiere, die absolut überzeugend verlaufen war.

Die spontane Kabinenparty erreichte um kurz nach Mitternacht ihren Höhepunkt. Aus den Boxen dröhnte lautstarke Musik, ein Kasten Pils wurde für die Bremer Pokalhelden um Elfmeter-Killer Jiri Pavlenka hineingetragen. Mit dem Coup von Dortmund sollen die Feierlichkeiten aber noch nicht beendet sein. Jetzt träumt Werder Bremen vom ersten Titel seit zehn Jahren.

„Das Finale in Berlin ist etwas Besonderes. Ich habe allen in der Mannschaft davon erzählt. Da wollen wir jetzt hin“, sagte Oldie Claudio Pizarro, der ebenso wie Maximilian Eggestein, Davy Klaassen und Max Kruse vom Punkt keine Nerven gezeigt hatte und beim Showdown des Spektakels eiskalt verwandelte.

Die Emotionen waren an einem denkwürdigen Abend schon nach dem letzten Schuss von Kruse aus den Spielern und Kohfeldt herausgebrochen. Kruse und Pavlenka ließen sich auf den Schultern ihrer Mitspieler vor den Fans feiern.

„Es waren 120 Minuten purer Willen und pure Leidenschaft. Für diesen Aufwand haben wir uns belohnt“, sagte ein stolzer Kapitän Kruse. Besonders in der Verlängerung bewiesen die Norddeutschen enorme Willensstärke, als sie durch die Joker Pizarro und Martin Harnik die Dortmunder Führung zweimal ausglichen. „Ich muss meiner Mannschaft ein riesiges Kompliment machen, wie sie mit den Rückschlägen umgegangen sind“, lobte Kohfeldt. Sein Team habe den Kampf mit „Cleverness und Leidenschaft“ angenommen.

Beim bisher letzten Pokalsieg 2009 gewannen die Bremer im Achtelfinale übrigens ebenfalls in Dortmund. „Der BVB ist derzeit die beste deutsche Mannschaft. Was soll da noch passieren?“, fragte Maximilian Eggestein mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Peter Schwennecker (mit sid)

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