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Ewig junger Torjäger: Claudio Pizarro (l.).

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Triumph der alten Männer

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Allerorten wird gelobt, wie toll das Bremer Team in dieser Saison Fußball interpretiert. Selten wird erwähnt, welch hoher Anteil Erfahrung das Ganze orchestriert.

In Bremen strahlen die Helden der Vergangenheit besonders stark in die Gegenwart. Allgegenwärtig ist in den Gängen, Räumen und Ecken des mehrfach umfunktionierten Weserstadions – vorerst letzte Baumaßnahme war hier rundherum der Einzug von Spundwänden gegen Hochwasser – die ruhmreiche Geschichte. Hier eine Schwarz-Weiß-Kampfszene von Horst Höttges, dort ein Vierfarb-Jubelbild mit dem schnauzbärtigen Mirko Votava unter der Meisterschale, nebendran der selig lächelnde Otto Rehhagel. An anderer Stelle die Überleitung ins nächste Jahrtausend zu Thomas Schaaf mit seinen bis heute vergötterten Größen in orange-grünen Jerseys, die mehr als ein halbes Jahrzehnt mit dem FC Bayern auf Augenhöhe fußballerten. Ist gar nicht so lange her. Doch jeder Name aus der Double-Elf von 2004 produziert heute beim SV Werder fast Nostalgiegefühle in Überdosis.

Einer der Helden des Abends und nicht so alt: Jiri Pavlenka, Jahrgang 1992.

Die Macher der zum 120-jährigen Jubiläum herausgebrachten Werder-CD mit dem Titel „Lauter“ haben deshalb die Kulthymne „Lebenslang Grün-Weiß“ nicht im Original gepresst, sondern mit aktuellen Passagen von Florian Kohfeldt oder Max Kruse verflochten. Nach dem Motto: Es kann nicht sein, dass immer noch die Zaubertore von Johan Micoud, Ivan Klasnic und Ailton zum damaligen Meisterschaftstriumph im Münchner Olympiastadion bejubelt werden. Irgendwann ist auch mal gut.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass das sehr unerwartete Ausrufezeichen im DFB-Pokal – ein sagenhaftes Achtelfinaldrama mit 7:5-Happyend im Elfmeterschießen beim Bundesliga-Spitzenreiter Borussia Dortmund – von einer Figur maßgeblich beeinflusst wurde, die wie eine alterslose Klammer alles überwölbt: Claudio Pizarro. Den ewig jungen Torjäger, der im BVB-Tempel zweimal kalt wie Hundeschnauze zuschlug, vergöttern sie am Osterdeich, weil er bei den Grün-Weißen (fast) alles erlebt hat.

Gut, beim Double vor 15 Jahren war das Schlitzohr mal wieder beim FC Bayern angestellt, aber ansonsten hat er die meisten Höhen instinktsicher mitgenommen. Es wäre die Pointe für den Peruaner, sollte er mit 40 Jahren noch mal ein Pokalfinale erleben. Was auch passen würde: Werders Aufwärtsentwicklung ist nicht allein dem noch jungen und entsprechend impulsiven Fußballlehrer Florian Kohfeldt zuzuordnen, sondern ist auch ein Triumph der alten Männer. Der 36-jährige Trainer vertraute am Dienstag einer Ü30-Abwehr mit Niklas Moisander (33), Theodor Gebre Selassie (32), Sebastian Langkamp (31) und Nuri Sahin (30).

Davor hielt der bald 30-jährige Philipp Bargfrede das Mittelfeld und der bald 30-jährige Freigeist Max Kruse den ganzen Rest zusammen. Und kaum Zufall, dass der 31-jährige Joker Martin Harnik kurz vor Ende der Verlängerung zum 3:3 einnickte. Allerorten wird gelobt, wie toll das Bremer Team in dieser Saison Fußball interpretiert; selten wird erwähnt, welch hoher Anteil Erfahrung das Ganze orchestriert. Nur der Kader des FC Bayern ist noch älter – wie es scheint übrigens der einzige Gegner, den der SV Werder bei seiner tief verankerten Sehnsucht nach einem weiteren Titel wirklich noch fürchtet.

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