Die Werder-Fans glauben wieder an den Klassenerhalt.
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Die Werder-Fans glauben wieder an den Klassenerhalt.

Fußball-Bundesliga

Werder Bremen: Rettungsanker Relegation

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der SV Werder springt nach einer Gala gegen den 1. FC Köln am letzten Spieltag noch auf Platz 16. Gleichzeitig stürzt Fortuna Düsseldorf böse ab – und bekommt Mitgefühl aus Bremen.

Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Katja Ebstein den Song „Wunder gibt es immer wieder“ als deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest vortrug. In den Folgejahren ereigneten sich Wunder im Fußball vorrangig an der Weser, wo der SV Werder legendäre Aufholjagden hinlegte. Die Auferstehung war eine grün-weiße Spezialität, die aber nur im Europapokal galt. Im Jahre 2020 scheint sich die Fähigkeit auf die Bundesliga zu übertragen.

Werder Bremen zeigt erstaunliche Comeback-Qualitäten 

Beim 6:1-Kantersieg gegen den indisponierten 1. FC Köln zeigten die Bremer erstaunliche Comeback-Qualitäten. Wie vorne Niclas Füllkrug, Yuya Osako und Milot Rashica wirbelten, erinnerte an beste Sturm-und-Drang-Zeiten. „Es kann sich jeder vorstellen, dass ich sehr erleichtert bin“, sagte Werder-Trainer Florian Kohfeldt, der sogleich ein „herzliches Dankeschön“ an Union Berlin richtete. Deren Sportsgeist, so Kohfeldt, verdiene größten Respekt. 

Denn nur weil die Eisernen zu Hause einen 3:0-Erfolg gegen Fortuna Düsseldorf zustande brachten, war das Bremer Schützenfest auch wertvoll: Am letzten Spieltag sprangen die Hanseaten auf Platz 16, während sich die Rheinländer als Vorletzter verabschiedeten. Der Abstieg für die Fortuna und Trainer Uwe Rösler ist bitter.  „Im Moment ist eine unheimliche Leere bei allen von uns, auch bei mir“, gestand der 51-Jährige. Einen Rücktritt schloss er aber aus: „Wir müssen jetzt eine neue Mannschaft zusammenstellen. Einen Umbruch wird es schon geben.“ Sportvorstand Uwe Klein sprach von einem „Tiefschlag“: „Wir hatten uns so viel vorgenommen. Heute war das zu wenig.“

Werder-Trainer spricht Düsseldorf sein Mitgefühl aus

„Mein Mitgefühl“, sagte Kohfeldt, der seiner Mannschaft ein Kompliment für eine „tolle Leistung, fußballerisch und kämpferisch“ aussprach. Aber mit Blick auf die Relegationsspiele am 2. Juli und 6. Juli – Gegner wird der 1. FC Heidenheim oder Hamburger SV sein – sei auch „noch nichts erreicht, wir müssen vollkommen fokussiert bleiben.“ 

Ob nun der Außenseiter von der schwäbischen Ostalb oder der stolze Nordrivale von der Elbe der bessere Gegner sei, wollte Kohfeldt am Samstagnachmittag nicht bewerten. Nur so viel: „Wir haben es jetzt in der eigenen Hand.“ Trotzdem war es sehr passend, dass die Bremer Stadionregie auch das Vereinslied von Union Berlin durchs leere Weserstadion schickte: Das wusste einer, was sich gehört.

Werder Bremen gelingt Befreiungsschlag

Die Bremer siegten nach teils fein herausgespielten Treffern von Yuya Osako (22. und 58.), Milot Rashica (27.), Niclas Füllkrug (29.), Davy Klaasen (55.) und Josh Sargent (68.) bei einem Gegentreffer von Dominik Drexler (62.) auch in der Höhe verdient. „Ich werde den Teufel tun und auf meine Mannschaft einhacken“, sagte Kölns Trainer Markus Gisdol, „uns ist es nicht gelungen, unsere normale Leistung zu zeigen.“ Hingegen brachte Werder in der verfahrenen Situation einen Befreiungsschlag an, der mit reichlich Triumphgeheul bei den Reservisten bis hin zu den Betreuern gefeiert wurde. Physiotherapeutin Laura Kersting hatte unentwegt mit einem Hammer ihren Metallkoffer malträtiert als Ausdruck des nicht ermüdenden Bremer Kampfgeistes. 

„Wir waren so häufig tot, so häufig abgeschrieben“, sagte Kohfeldt, der aber noch mal daran erinnerte: „Wir haben noch nichts geschafft. Der Druck darf nicht abfallen.“ Ihm hatte übrigens Frau Juliane am Spieltag eine aufmunternde Nachricht geschrieben, dass sie vieles an das Nachholspiel gegen den VfB Stuttgart am 2. Mai 2016 erinnere – damals hatte Werder an einem Montagabend mit 6:2 triumphiert. Kohfeldt war damals Co-Trainer. Offenbar war die Eingebung seiner Ehefrau ein gutes Omen.

Werder Bremen: Kaderplanung gehört auf den Prüfstand

Werder Bremen ist mal wieder ein gutes Beispiel, wie schnell sich die Stimmungslage dreht. Der dienstälteste Bundesligist hat in seiner 1900. Erstliga-Begegnung gerade noch den Rettungsanker Relegation ausgeworfen. Umso mehr stellt sich die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, mit einem spielerisch durchaus veranlagten Aufgebot so weit abzurutschen. Werder hat bereits in der Saison 2018/2019 einen Personalaufwand (inklusive Angestellte) von fast 72 Millionen Euro gestemmt. Nur zum Vergleich: Mainz kam mit knapp 49 Millionen, Augsburg sogar mit 38 Millionen aus.

Werders sportliche Leitung hat daher viele zu lange die Verletztenmisere als Ausrede zugelassen und die Abstiegsgefahr ausgeblendet. Daher ist es richtig, dass der Aufsichtsratschef Marco Bode ausschließt, dass es beim Klassenerhalt ein einfaches „Weiter so“ gibt. Vor allem die Kaderplanung gehört auf den Prüfstand. Geschäftsführer Frank Baumann hat zu viele Profis nach Bremen gelotst, die ihren Zenit überschritten hatten. 

Werder wird, auch wenn es gegen den 1. FC Heidenheim oder den Hamburger SV ein glimpfliches Ende gibt, in vielen Bereichen neu erfinden müssen. Sonst wird der Abstieg, siehe HSV, auch bei Werder Bremen nur aufgeschoben. (Frank Hellmann)

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