Kann Werder Bremen in der Krise auch nur bedingt Halt geben: der aktuell angeschlagene Kevin Vogt. afp
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Kann Werder Bremen in der Krise auch nur bedingt Halt geben: der aktuell angeschlagene Kevin Vogt. 

Gegen Mainz

Werder Bremen droht der Sturz ins Bodenlose

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Heute kann Werder Bremen zum zweiten Male nach 1980 aus der Bundesliga absteigen.Was das bedeuten würde, blenden Trainer und Geschäftsführer vor dem Spiel in Mainz aus.

Mittlerweile sind die Abläufe eingeübt. Ein Sitzhocker an einem weißen Tisch, auf dem Getränkeflaschen stehen. Ein Mikrofon mit Werder-Emblem, das mit einer Plastikfolie überzogen ist. Nacheinander setzten sich Florian Kohfeldt, der Cheftrainer von Werder Bremen, und Frank Baumann, der Geschäftsführer, am Freitagmorgen vor die Werbewand, um Auskunft über das nächste Bundesligaspiel unter Auflage der Hygieneregeln zu erteilen. Die Journalisten waren aus dem Homeoffice zugeschaltet, aus Bremen oder Weyhe, Hamburg oder Frankfurt. Erste Frage: Rouven Schröder, der Sportvorstand des FSV Mainz 05, Gastgeber für das nächste Entscheidungsspiel (Samstag 15.30 Uhr), hat gesagt, dass es für Werder um alles geht. Hat er Recht?

„Es geht in der Tat um alles, und wir brauchen definitiv noch einen Tick mehr als gewöhnlich. Es zählt nur ein Sieg“, erklärte Kohfeldt, ohne dabei selbst auch nur ansatzweise verkrampft zu wirken. Selbstzweifel sind beim 37-Jährigen so gut wie gar nicht vorhanden. Dabei kann das 1899. Bundesligaspiel für den 1899 gegründeten SV Werder schicksalhaft sein: Bei einer Niederlage in Mainz und einem Sieg von Fortuna Düsseldorf gegen Augsburg wäre der Dritte der Ewigen Tabelle – nur Bayern München und Borussia Dortmund sammelten über die Zeitachse mehr Punkte – zweitklassig. Sechs Punkte und acht Tore fehlen auf den Tabellen-15. Nie war der zweite Abstieg nach 1980 näher.

Kohfeldt entgegnete, immer noch recht entspannt, dass man bereits zwei „Druckspiele“ beim SC Freiburg (1:0) und SC Paderborn (5:1) gewonnen hätte. „Ich kann nicht erkennen, dass der Mannschaft nicht bewusst ist, was dieses Spiel für Stadt und Verein bedeutet.“ Er lebt unweit des Weserstadions, kennt die identitätsstiftende Verbindung. Oft genug gelang der Ligaverbleib, weil sich alle in der Not zusammengerauft haben. Werder und Bremen waren dann so fest verschweißt wie Esel, Hund, Katze auf der Bronze-Statue der Stadtmusikanten am Rathaus. Diese Bindung gibt es nur in wenigen Bundesligastädten.

Es gehört bereits zur besonderen Geschichte dieser für Werder von Anfang an gespenstisch anmutenden Saison, dass man erst in Corona-Zeiten konkurrenzfähig geworden ist – und wo die Fanunterstützung kein Faktor mehr ist. Die erschreckenden Fitnessdefizite sind aufgearbeitet, fast alle der vielen Verletzten zurück. „Leider erst die letzten Wochen“ sieht Kohfeldt ein Kollektiv, das körperlich präsent und psychisch stabil auftrat und bis auf eine Ausnahme – beim Re-Start gegen Bayer Leverkusen (1:4) – gar nicht wie ein Absteiger spielte. Auch in Mainz werden die Bremer fußballerische Lösungen suchen, denn für eine andere Herangehensweise ist der Trainer des Jahres 2018, der über seine Zukunft erst nach der Saison reden will, nie zu haben gewesen. Das Problem nur: Fehlt diesem Kader die Wehrhaftigkeit, dann geht es böse aus: Das Hinspiel gegen die Nullfünfer verlor Werder mit 0:5. Wenn Bremen absteigt, dann wegen seiner chronischen Heimschwäche in dieser Spielzeit.

Noch ist Geschäftsführer Baumann von der Rettung überzeugt – zumindest gibt er das vor. Der Bremer Ehrenspielführer, der als junger Profi 1999 mit dem 1. FC Nürnberg auch wegen seines Fehlschusses abstieg, hat sich dagegen gestemmt, seinen Trainer zu schassen. Bisweilen wirkt der gebürtige Franke in der Außendarstellung ein bisschen blass, aber seine Ruhe nimmt ihm jeder ab. Das Wandeln am Abgrund sei nichts Neues: „Wir kennen die Situation aus fast jeder Saison, in der wir uns noch aus der Sorgenzone befreit haben.“ Der 44-Jährige spürt, „dass sich der eine oder andere Verantwortliche Bremen in der Bundesliga wünscht.“

Bayerns neuer Meistertrainer Hansi Flick hat nach der Kür vor vier Tagen im Weserstadion beteuert, dass ihm Werder in der Bundesliga fehlen würde. Flick, 55, gehört zu denjenigen, der Bremens Rolle als graue Maus (70er Jahre), die Rehhagel-Ära (80er und 90er Jahre) bis hin zum Bayern-Rivalen (2000er Jahre) aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen hat.

Weil der Verein nie zu Größenwahn neigte, sammelte er über die Stadtgrenzen hinaus Sympathien. Wenn die Bremer auf Schalke oder in Berlin spielen, ist erstaunlich, wie viele Menschen auf den Tribünen grün-weiße Utensilien tragen. Die Liste der Sympathieträger wurde mit den Jahren immer länger: über Rudi Völler und Wynton Rufer, später Ailton und Johan Micoud, Miroslav Klose oder Diego, auch Mesut Özil und natürlich der immer noch aktive Claudio Pizarro haben hier ihre besten Zeiten erlebt.

Es ist kein Zufall, dass kürzlich die Basketball-Ikone Dirk Nowitzki auf einer Veranstaltung der DFB-Akademie erzählte, er sei als Jugendlichen Werder-Fan gewesen: „Mein Fußballinteresse hat in den 80er-Jahren angefangen, als ich mit meinem Vater geschaut habe. Werder Bremen ist dann Europapokalsieger der Pokalsieger geworden. Uli Borowka, Rune Bratseth, Frank Neubarth. Und Pannen-Olli (Oliver Reck, Anm. d. Red.) – die habe ich alle parat.“

Das ist nur verdammt lang her. Am Ende der 57. Bundesligasaison könnte Bremen der nächste traditionsreiche Standort sein, der ruhmreiche Vergangenheit mit einer tristen Gegenwart tauscht. Sich mal eben schnell wie vor 40 Jahren einer Generalüberholung in der zweiten Liga zu unterziehen und sogar Nationalspieler wie damals Dieter Burdenski an Bord zu behalten, geht heute nicht mehr.

Vielmehr befeuern die Einschnitte und Beschränkung durch die Pandemie etwa bei Zuschauer- und Medieneinnahmen zusätzlich die Furcht, dass ein Sturz ins Bodenlose droht. Wie schwer es ist, nach einem Abstieg wieder erstklassig zu werden, erlebt zum Beispiel gerade der Hamburger SV. Sollte sich Werder in die Relegation retten, könnte das ewige Nordduell zustande kommen. Viele Bremer wissen gar nicht genau, was sie davon genau halten sollten. Nur eines scheint sicher: Kohfeldt und Baumann säßen selbst dann Anfang Juli wieder ganz ruhig nacheinander auf demselben Stuhl.

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