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Tritt in große Fußstapfen: Niclas Füllkrug.

Bundesligatipp

Stagnation an der Weser: Werder Bremen versinkt im grauen Mittelmaß

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Für den nächsten Schritt braucht Werder Bremen mehr Einnahmen und das geht nur über den Europapokal - aber ohne Max Kruse funktioniert das kaum.

Butter bei die Fische. So heißt eine beliebte Rubrik im vereinseigenen TV von Werder Bremen, bei der selbst abgebrühte Profis ins Schwitzen kommen. In den mehrminütigen Trailern müssen sich die Spieler zwischen zwei Antworten entscheiden. Max Kruse zwischen Thomas Schaaf und Florian Kohfeldt, Claudio Pizarro zwischen Pizza oder Pasta, Davy Klaassen zwischen Fischbrötchen oder Stroopwafel. Die schlagfertigen Sequenzen hatten stets Abrufzahlen im sechsstelligen Bereich.

Butter bei die Fische könnte allerdings generell das Motto für die kommende Spielzeit lauten: Mittelfeldplatz oder Europapokalrang ist nämlich die Kardinalfrage, die maßgeblich die weitere Entwicklung der Grün-Weißen bestimmt. Werder ist nach einem sehr ordentlichen achten Rang und dem unglücklichen Ausscheiden im DFB-Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern (2:3) nach einer der wohl größten Pannen mit dem Videobeweis – der sogar von oberster DFB-Schiedsrichterstelle gerügten Elfmeter-Fehlentscheidung – an der Weggabelung angekommen. Geht noch mal mehr bei den Norddeutschen?

Werder Bremen: Wie ist die Stimmung?

Zeitweise wirkte die Werder-Familie irritiert: Dass ihr Weserstadion neuerdings nach einem Immobilienunternehmer benannt ist, auch wenn die Holding überwiegend mit Gewerbeimmobilien Gewinne macht, hat viele enttäuscht. Doch die gemeinsam von Verein und Stadt betriebene Bremer Weserstadion GmbH hatte keine andere Wahl, weil Geld fehlte. Drei Millionen Euro können nun in den nächsten zehn Jahren pro Spielzeit in die Tilgung der Kosten des Stadionumbaus fließen. Das DFB-Pokalspiel gegen den Nachbarn Atlas Delmenhorst ist aus Kapazitätsgründen just in jenes Stadion verlegt worden, gegen dessen Umbenennung 500 Fans sogar einen Protestmarsch initiierten.

Wie stark ist der Kader von Werder Bremen?

Der Abgang von Max Kruse wird kleingeredet. Der Allesmacher mit dem Pokerface ist jedoch nicht zu ersetzen. Und erst recht nicht durch den an seine Ausbildungsstätte zurückgekehrten Niclas Füllkrug, für den die Bremer einen sehr stolzen Preis von 6,5 Millionen Euro an Hannover 96 überwiesen. Dabei ist nach einer schwerwiegenden Knieverletzung nicht sicher, ob der Mittelstürmer noch mal richtig ins Rollen kommt. Kruse war aufgrund seines Instinkts für Raum und Zeit immer wieder der Türöffner. In drei Jahren gelangen ihm 35 Pflichtspieltore.

Werder Bremen: Worauf steht Trainer Florian Kohfeldt?

Florian Kohfeldt ist ein Bessermacher und Überzeugungstäter in Personalunion. Der 36-Jährige versteht sich als Teil der Gruppe, der die Spieler hinter seine Idee bringen will. Seit Amtsantritt hat sich Werder beharrlich weiterentwickelt – auch weil längst nicht mehr der Sturm-und-Drang-Stil früherer Zeiten angewandt wird, sondern das Team viel besser verteidigen kann. Grundsätzlich schwebt Kohfeldt viel Ballbesitz vor, er wechselt gerne die Systeme, will eine aktive Mannschaft sehen. Aber wenn es gegen die ganz starken Gegner geht, darf auch mal mit einer Fünferkette gemauert werden. Fußball ist ein Ergebnissport. Das weiß auch der mit dem Trainerpreis des Jahres 2018 ausgezeichnete Fußballlehrer.

Wo hapert’s noch bei Werder Bremen?

Vor allem an Tempo. Abgesehen vom flinken Milot Rashica, der bei anhaltender Entwicklung im Sommer 2020 für eine zweistellige Millionensumme wechseln dürfte, hat der Kader ein Geschwindigkeitsproblem. Geschäftsführer Frank Baumann argumentiert gerne damit, dass technisch starke und schnelle Spieler das Budget sprengen würden. Eklatant sind die Defizite bei Nuri Sahin. Der von Borussia Dortmund geholte Deutsche-Türke kann die Erwartungen deshalb nur sehr bedingt erfüllen, weil er zu oft überlaufen wird. Niemand hat ligaweit einen geringeren Topspeed-Wert und weniger Sprints in 90 Minuten geleistet als der 30-Jährige. Der Klub braucht wegen der ungewissen Zukunft des verletzungsgeplagten Abräumers Philipp Bargfrede dringend noch einen dynamischen defensiven Mittelfeldspieler. Vermutlich wartet Baumann mit diesem Deal bis kurz vor Transferschluss. Auch einen starken Innenverteidiger kann Werder noch brauchen.

Wer sticht bei Werder Bremen heraus?

Anlässlich seines 50. Geburtstags hat Bremens Aufsichtsratschef Marco Bode verraten, er wäre gerne so einer wie Josh Sargent gewesen. Da hat Werders Ehrenspielführer etwas gut beobachtet: Nicht alle im Verein verstehen, dass so viele Vorschusslorbeeren auf Johannes Eggestein herabprasseln und der erst 19-jährige US-Amerikaner so wenig beachtet wurde. Der Youngster hat viel Dynamik, einen starken Willen und echten Torriecher. Bei entsprechender Förderung kann das schon in der US-Nationalmannschaft eingesetzte Talent zur Entdeckung der neuen Saison werden. Mit seinem roten Wuschelkopf fällt er sofort auf, wenn er spielt.

Wie geht’s dem Schatzmeister von Werder Bremen?

Den Umständen entsprechend. Große Rücklagen hat der Verein nicht mehr, ein Investor wird grundsätzlich abgelehnt, Großsponsoren stehen nicht Schlange. Insofern ist es bemerkenswert, wie der für die Finanzen zuständige Geschäftsführer Klaus Filbry die vergangenen Jahre die Konsolidierung hinbekommen hat. Der häufig unterschätzte Vereinschef pflegt fast zu viel Understatement, aber wohin Großmannssucht führt, belegt der Bremer Erzrivale Hamburger SV. Die Bremer haben in der vergangenen Saison beim Personalaufwand den 13. Platz belegt und knapp 600 000 Euro Gewinn gemacht. Weiter muss jede Ausgabe genau geprüft werden. Mal eben neun, zehn Millionen Euro für Wunschspieler Michael Gregoritsch (FC Augsburg) ausgeben, geht nur bei Spielerverkäufen. Zumal auch noch ein Millionenbetrag für die eigenen Hochrisikospiele zurückgelegt werden muss. Der Rechtsstreit des Bremer Senats mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) um die Beteiligung der Polizeikosten schadet letztlich nur dem ausgewiesenen Imageträger einer von vielen Nöten geplagten Stadt.

Was ist drin für Werder Bremen?

Ein Europapokalplatz wäre ein viel zitiertes Wunder von der Weser. Auch Platz acht zu wiederholen, wird kaum möglich sein. Die Grün-Weißen landen im grauen Mittelmaß.

Werder Bremen: Zu- und Abgänge

Zugänge: Marco Friedl (SV Werder Bremen, nach Leihe fest verpflichtet), Simon Straudi (SV Werder Bremen II), Benjamin Goller (FC Schalke 04), David Philipp (eigene Jugend), Niclas Füllkrug (Hannover 96), Ilia Gruev (eigene Jugend), Luc Ihorst (eigene Jugend), Robert Bauer (1. FC Nürnberg, Leihe beendet), Michael Zetterer (Austria Klagenfurt, Leihe beendet)

Abgänge: Jean-Manuel Mbom (KFC Uerdingen, Leihe), Michael Zetterer (PEC Zwolle, Leihe), Romano Schmid (Wolfsberger AC, Leihe, zuvor auch an Wolfsberger AC verliehen), Ole Käuper (FC Carl Zeiss Jena, Leihe, zuvor an den FC Erzgebirge Aue verliehen), Jan-Niklas Beste (FC Emmen, Leihe), Niklas Schmidt (VfL Osnabrück, Leihe), Thore Jacobsen (1. FC Magdeburg), Max Kruse (Fenerbahce SK), Aron Johansson (Hammarby IF), Thanos Petsos (unbekannt)

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