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Newcastle United: Wenn Staaten einkaufen

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Von: Thomas Kilchenstein

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Dank an die Fans, für bedingungslose Unterstützung: Newcastles Spieler nach dem 0:0 bei Arsenal.
Dank an die Fans, für bedingungslose Unterstützung: Newcastles Spieler nach dem 0:0 bei Arsenal. © afp

Newcastle United ist dank Geld aus Saudi-Arabien zu einer Top-Adresse in England geworden. Es ist Blutgeld. Aber das ist ja eh allen egal. Ein Kommentar.

Als der saudi-arabische Staatsfonds im Oktober des vorvergangenen Jahres schlappe 350 Millionen Euro aus der Portokasse nahm und sich mal eben den in akuter Abstiegsgefahr dilettierenden Fußballklub Newcastle United leistete, hat Jürgen Klopp gleich geunkt: Da erwachse aus dem tristen Nordosten Englands den Arrivierten eine veritable Konkurrenz, das werde binnen kurzem „eine Supermacht“. Weil es finanziell keine Obergrenze mehr gibt, wenn potente Staaten ganze Klubs aufkaufen und Marktgesetze außer Kraft gesetzt sind. Klopp, Trainer beim FC Liverpool, einem Verein der Spitzenklasse und selbst keiner, der das Pfund zweimal herumdrehen muss, sollte Recht behalten: Newcastle United ist innerhalb dieser knapp eineinhalb Jahren in der Premier League zu einem ernsthaften Anwärter zumindest auf die Champions League geworden. Nach dem torlosen Remis gegen Ligadominator FC Arsenal rangiert der saudi-arabische Ableger auf bereits Platz drei.

Man redet wieder über diesen schmucklosen Klub, dessen größter sportlicher Erfolg der Gewinn des Messestädte-Pokals 1969 ist, lobt die gnadenlose Abwehr (elf Gegentore in 18 Partien), hält eine Ausleihe des – neuerdings gleichfalls von den Saudis alimentierten – Cristiano Ronaldo erstaunlicherweise nicht sofort für eine Schnapsidee (was sie ist!).

Und damit hat sich das Investment der saudischen Herrscherfamilie, bislang etwa eine halbe Milliarde Euro, fast schon ausgezahlt. Es geht Saudi-Arabien doch überhaupt nicht um die Magpies. Es geht für sie um Einfluss, Ansehen, Akzeptanz in Europa, es geht darum, das eigene, ziemlich miese Image aufzupolieren, es geht darum, sich mittels Sport reinzuwaschen. Sportswashing heißt der entsprechende Fachterminus.

Der Ball rollt in Blut

Natürlich weiß alle Welt, dass es Blutgeld ist, das auf die Insel strömt, dass in Riad Menschenrechte vermutlich noch weniger zählen als in Katar, dass es keine Meinungs-, gar Pressefreiheit, dafür Hinrichtungen gibt, dass der Journalist und Regimekritiker Kashoggi in Istanbul viehisch ermordet wurde im Auftrag des Staates. Doch wenn Macht und Geld zusammenkommt, wird das schön unter den Teppich gekehrt.

Das Erschreckende dabei: Dieses Prinzip funktioniert. Es hat in Katar mit der WM funktioniert, als der Ball rollte und die, die auf Missstände aufmerksam zu machen versuchten, im Grunde wie die Spielverderber dastanden. Es funktioniert mit Paris St. Germain und mit Manchester City, die Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten gehören, es funktioniert mit CR7, der frenetisch gefeiert wird in Riad für sein Engagement, und es wird, vermutlich, mit der Ausrichtung der übernächsten Fußball-WM unter anderem in Saudi-Arabien ebenso funktionieren.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, hat Bert Brecht einst geschrieben. Ist es so? Nein. Es ist ja viel schlimmer. Fußballspiele und/oder Sportevents sind wahrlich nicht lebenswichtig für die Menschheit, sie sind allenfalls ein großer Spaß, pure Unterhaltung in einem Zirkus, den (fast) jeder besucht. Sie dienen der Ablenkung, der Zerstreuung. Brot und Spiele und Opium fürs Volk. In Newcastle sind die Fans mehrheitlich hellauf begeistert über die Scheichmillionen. Egal, woher sie kommen, egal wer dafür bluten musste.

Der FC Liverpool und Manchester United übrigens sind auf dem Markt. Gebote erwünscht.

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