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Schiedsrichter Christian Dingert (Mitte) spricht mit Spielern von Hoffenheim und München, während die Münchner Fans auf der Tribüne ein beleidigendes Spruchband zeigen.

Ultras beleidigen Hopp

Wenn das Spiel zur Farce wird

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Weil Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp aus der Bayern-Kurve heraus beleidigt wird, schließen beide Mannschaften am Schluss einen Nichtangriffspakt.

Drei Minuten waren um, da erklang das Ticken der Hoffenheimer Stadionuhr durch die Lautsprecher. „Noch zehn Minuten bis zum Abpfiff“ stand in großen Lettern auf den Anzeigentafeln. Bei einem normalen Heimspiel in Sinsheim ist dieser Einspieler eine Randnotiz. An diesem Samstag aber, an dem halt nichts normal war, sorgte er für wohlwollendes Gelächter – das in tosenden Applaus überging.

Zehn Minuten waren noch übrig in diesem Spiel, das längst kein Spiel mehr war, sondern ein Statement. An Dietmar Hopp, an den Fußball, an die Gesellschaft. Joshua Zirkzee warf sich in Zeitlupe in einen Ball, Thiago jonglierte die Kugel an der Mittellinie. Philippe Coutinho passte zu Sebastian Rudy, Manuel Neuer hielt längst einen Plausch. Bayern-Spieler und ihre Hoffenheimer Gegner vereint, um die Partie ad absurdum zu führen, in der das Ergebnis von 6:0 längst nicht mehr war als eine Nebensache.

Und dann war Schluss. Das Kollektiv ging in die Kurve – in eine Kurve, wohlgemerkt. Die mitgereisten Bayern-Fans, unter ihnen diejenigen, die mit ihren Schmähplakaten gegen Dietmar Hopp und den Deutschen Fußball-Bund für zwei Unterbrechungen und letztlich den Nichtangriffspakt gesorgt hatten, konnten nur die Rücken der Spieler und Verantwortlichen sehen. Profis in roten und blauen Trikots vereint, und Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, der Hopp in den Arm nahm und versuchte, zu entschuldigen, was an diesem – nach eigener Aussage – „schwarzen Tag für den Fußball“ passiert war und „eigentlich nicht zu entschuldigen ist“.

Rummenigge stand sinnbildlich für die Stimmung der überwiegenden Mehrheit im Stadion, die zwischen Entsetzen, Wut und Stolz über die gezeigte Solidarität lag. „Ich habe größten Respekt für das, was in den letzten 13 Minuten des Spiels passiert ist“, sagte der Chef des Tabellenführers. Darauf, dass einige Bayern-Ultras sich am Protest gegen die vom DFB verhängte Kollektivstrafe gegen Dortmunder Fans beteiligen würden, war man vorbereitet. Auf das denkwürdige Ende dieses Bundesliga-Gastspiels aber nicht. „Es ist Zeit, dass man sich wehrt“, sagte Hansi Flick, aufgewühlt, gezeichnet, sauer.

„Alles beim Alten, der DFB bricht sein Wort, Hopp bleibt ein Hurensohn“, stand auf dem Plakat, das zur ersten Unterbrechung geführt hatte. Zehn Minuten nach Wiederanpfiff wurde ein zweites Transparent mit dem Wort ausgerollt, das Rummenigge „nicht über die Lippen kommen mag“. Die Banner waren übrigens erst im Stadion angefertigt worden, Einsatzpolizisten berichtete, Fans hätten größere Mengen Klebebänder mit in die Arena genommen, um aus einzelnen Plakaten Banner zu basteln. Mittlerweile hat das Polizeipräsidium Mannheim eine Ermittlungsgruppe eingerichtet; zudem werden Videoaufzeichnungen ausgewertet. Auch in anderen Stadien, etwa in Köln, Dortmund und am Sonntag in Berlin gab es ähnliche Schmähungen.(Siehe weitere Berichte)

Hansi Flick, Hasan Salihamidzic, Oliver Kahn, Rummenigge und die Spieler eilten in die Kurve, gestikulierten, wie der Rest des Stadions fassungslos. Sie verschwanden schnell in den Katakomben. 15 Minuten blieben sie, und der sogenannte „Drei-Stufen-Plan“ des DFB hätte ein normales Spiel nach Wiederanpfiff vorgesehen. Im Kollektiv wurde entschieden, die Uhr beim lockeren Kick runter ticken zu lassen. Den Impuls gab Manuel Neuer. „Wir wollten ein Zeichen setzen und nicht das Spiel abbrechen“, sagte sein Hoffenheimer Pendant Benjamin Hübner. Das gelang.

„Ich schäme mich“, sagte Rummenigge trotzdem und bezeichnete die Verantwortlichen als „hässliches Gesicht des FC Bayern“. Am Samstag habe es mal wieder Hopp getroffen, „einen feinen Ehrenmann“, dem der Bayern-Boss ab der 66. Minute nicht mehr von der Seite wich. Die letzten 13 Minuten verfolgte das Duo gemeinsam an der Seitenlinie, Rummenigge nahm den gezeichneten Milliardär immer wieder an der Hand, redete ihm zu. „Es ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir alle klare Kante zeigen müssen.“ Er werde sich „nicht mehr wegducken“.

Hinter den Kulissen an der Säbener Straße brodelt es gewaltig. Auf der Aufsichtsratssitzung heute wird ausführlich darüber beratschlagt, wie man mit den Fan-Chaoten umgeht. Die grobe Marschrichtung ist klar: „Jeder einzelne, der sich heute als einer der Täter geoutet hat, ist beim FC Bayern nicht mehr erwünscht und wird kein Spiel mehr von uns sehen“, sagte Rummenigge.

Mitverantwortlich für die Aktion zeichneten unter anderen die Ultra-Gruppierungen „Schickeria“ und „Red Fanatic“. Noch am Samstag schrieb die Südkurve auf ihrer Homepage: „Die Unterbrechung heute war einfach nur überzogen und absurd. Fußball bleibt dreckig – Fans bleiben rebellisch – Gegen Kollektivstrafen – Fick dich DFB!“

Die Fanclub-Vereinigung Club Nr. 12 hingegen distanzierte sich von den Spruchbändern, bezeichnet die anschließenden Reaktionen innerhalb der Liga allerdings als übertrieben: „Sollten DFB und DFL künftig mit gleicher Konsequenz gegen jedwede diskriminierende, beleidigende, rassistische, homophobe, antisemitische und sexistische Äußerungen vorgehen, hätte der gestrige Tag einen positiven Aspekt.“

Dietmar Hopp meldete sich am Tag danach zu Wort. „Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen, das zu verstehen. Ich kann mir nicht erklären, warum die mich so anfeinden. Das erinnert an ganz dunkle Zeiten. Personen, die das anrichten, müssen weg bleiben.“ Er sehe aber keinen Grund, warum er nicht mehr ins Stadion gehen sollte.

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