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Einer gegen alle: Der Wolfsburger Grafite umdribbelt 2009 beim sagenhaften 5:1 gegen die Bayern sämtliche Münchner Verteidiger und trifft per Hacke.

Bayern München

Wenn sich der Wind dreht

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Vor dem Auswärtsspiel in Wolfsburg treibt Bayern München die Sorge vor einem stürmischen Herbst um.

Es war der 4. April 2009, als der VfL Wolfsburg sein wohl spektakulärstes Spiel der Vereinsgeschichte ablieferte und die Arena am Mittellandkanal in ihren Grundfesten erschüttert schien, so sehr trampelten, hüpften und jubelten die Menschen damals vor Glück. Der Wolf mit seinen giftgrünen Augen schien bei jedem Treffer noch lauter von der Videowand zu jaulen, weil von dort am Ende ein 5:1 gegen den FC Bayern leuchtete. Die Torjäger Edin Dzeko und Grafite hatten je einen Doppelpack geschnürt, und der Trainer Felix Magath hat in der Schlussminute noch seinen Ersatztorhüter André Lenz eingewechselt. Aber die größte Demütigung war der Ball, der in der 77. Minute in das von Michael Rensing gehütete Bayern-Tor gekullert war.

Der tollkühne Hackentrick des brasilianischen Mittelstürmers Grafite zählt längst zur Ligageschichte. An jenem 26. Spieltag übernahmen die „Wölfe“ die Tabellenführung, die sie bis zum Ende nicht mehr abgeben sollten. 

Zur damaligen Meistermannschaft gehörte Marcel Schäfer, der als Linksverteidiger auch in der Nationalmannschaft wohl viel häufiger gebraucht worden wäre, hätte es nicht Philipp Lahm gegeben. Seit dieser Saison ist der gebürtige Aschaffenburger bekanntlich Sportdirektor beim VfL Wolfsburg, und als früherer 1860-Spieler („Löwe“) darf er sich eine Spitze gegen die Bayern leisten. „Ich glaube, dass es ein guter Zeitpunkt ist, sie nach einer Länderspielpause zu Gast zu haben“, sagte Schäfer dem Sportinformationsdienst. Der 34-Jährige verspürt Vorfreude auf das anstehende Duell (Samstag, 15.30 Uhr). „Wenn man in 17 Jahren als Spieler gegen München schöne Siege gefeiert hat und die eine oder andere Niederlage einstecken musste, kann man damit gut umgehen.“ 

Selbst der zweimal in die Relegation strafversetzte Werksverein hat gegen die vor nicht allzu langer Zeit noch als übermächtig geltenden Bayern also Blut geleckt. Logische Folge, wenn der Immer-Meister nach sieben Spieltagen nur auf Rang sechs steht – sogar einen Platz schwächer als die SPD bei den Landtagswahlen in Bayern, wie Spötter meinen. Bei der Nationalmannschaft verging deswegen kaum ein Tag, an dem bayerische Repräsentanten nicht mit der Schaffenskrise im Verein konfrontiert worden waren. „Man sieht, wie schnell sich der Wind dreht. Eben waren wir noch unbesiegbar, dann haben wir eine tiefgreifende Krise. Es kann auch schnell wieder in die andere Richtung gehen“, sagte Thomas Müller. Mats Hummels stellte noch fest, dass die mit zwei weiteren Niederlagen konfrontierten Nationalspieler nunmehr sechs Spiele in Folge nicht gewonnen hätten. Aber: „Die Qualität ist da. Ich glaube, dass wir das hinkriegen werden.“

Vor allem der Druck auf Niko Kovac steigt, denn die Länderspielpause hat die Debatten um seine Verantwortung an vier sieglosen Partien nicht zwangsläufig abebben lassen. Im Gegenteil: Auf einmal hieß es, dass den Stars das viele Fahrradfahren stinken würde, welches der Bayern-Coach zu Regenerationszwecken regelmäßig ansetzt. Nach der angeblichen „Rad-Revolte“ wurde nun beim Üben an der Säbener Straße demonstrativ auf gute Laune gemacht – es soll partout nicht der Eindruck aufkommen, Trainerstab und Mannschaft könnten nicht gut miteinander. 

Der prinzipientreue Fußballlehrer Kovac hat bereits bei Eintracht Frankfurt seine Spieler mit harter Hand angepackt. Akribisch wurde beispielsweise darauf geachtet, dass es in der Kabine nur lauwarmes Wasser zum Trinken gab. Für den nach der Krisensaison 2009 zum FC Bayern gekommenen Arjen Robben sind nach außen gedrungene Interna in dieser Phase normal. „Wenn du gewinnst, hörst du gar nichts. Wenn du verlierst, kommt eins nach dem anderen. Einmal ist es das Fahrradfahren, dann die Ernährung oder das Training.“ 

Aus Sicht des 34-Jährigen müsse der neue Cheftrainer gar nicht viel ändern, aber: „Okay, wir müssen einen Tick flexibler werden.“ Denn die Bayern haben zwar mit 69 Prozent Ballbesitz einen Spitzenwert, aber häufig war nur ein ermüdender Breitwandfußball die Folge. Was der niederländische Flügelmann nun im Fachmagazin „Kicker“ verlangt: „Wir brauchen viel Leidenschaft, mehr Bewegung und Überraschung.“

Kovac, „der ehrgeizige Gewinnertyp“ (Robben), muss dazu entscheiden, ob er seinen Kritiker James Rodríguez, der gerade im Länderspiel ein Traumtor für Kolumbien erzielt hat, aufstellt; ob er analog zu Joachim Löw lieber Niklas Süle und Serge Gnabry einsetzt als Jérôme Boateng und Müller. Nach vier sieglosen Auftritten verlangen seine Bosse jedenfalls rasch Resultate. Dass die Bayern für den Turnaround in drei Wettbewerben viermal nacheinander auswärts antreten – nach Wolfsburg in der Champions League bei AEK Athen, in der Liga beim FSV Mainz und schließlich im DFB-Pokal beim SV Rödinghausen –, muss speziell für den 47-Jährigen kein Nachteil sein. Als er am Donnerstag der vergangenen Woche mit dem Präsidenten Uli Hoeneß die Bayern-Basketballer besuchte, quittierte das Publikum seine Begrüßung durch den Hallensprecher mit Pfiffen und Buhrufen. Kovac nahm den Unmut mit versteinerter Miene zur Kenntnis – als Vorbote eines stürmischen Herbstes?

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