Aufstiegskampf

Wenn Schildkröten rennen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Altmeister Hamburger SV und VfB Stuttgart mühen sich um die Rückkehr ins Oberhaus. Sicher ist das angesichts schwankender Leistungen keineswegs.

Zwei Schildkröten krabbeln mit ihren viel zu schweren Panzern gen Ziellinie. Aber werden sie dort jemals ankommen? Die einst ruhmreichen deutschen Ex-Meister Hamburger SV und VfB Stuttgart können im Dreikampf mit dem 1. FC Heidenheim noch direkt aus der Zweiten Fußball-Bundesliga zurück in den Sehnsuchtsort Oberhaus aufsteigen. Oder zumindest die Relegation erreichen. Oder scheitern und ein weiteres Spieljahr in Liga zwei erleben müssen. Für den einstigen Bundesliga-Dino HSV wäre es das dritte in Folge. Ist es die Last der Tradition, die den Panzer so schwer macht?

Mit viel Ruhm bekleckert haben sich die beiden mit weitem Abstand am besten finanzierten Zweitligaklubs zuletzt jedenfalls viel zu selten. Deshalb ist Underdog Arminia Bielefeld mit einem Viertel des Etats längst Meister, und deshalb hofft auch der nächste Hamburger Gegner Heidenheim, ebenfalls nicht annähernd so gut betucht, mit zwei Zählern Rückstand auf den HSV und drei auf den VfB noch aussichtsreich. Für die Hanseaten droht die mühselige Anreise auf die Ostalb zum Deja-vu zu werden. Vor einem Jahr unterlagen die Norddeutschen am vorletzten Spieltag der Zweiten Fußball-Bundesliga 1:4 beim SC Paderborn. Die Ostwestfalen gingen hoch, der HSV blieb unten.

Er hat sich seitdem schon wieder nach Art des Hauses gehäutet. Trainer Hannes Wolf musste gehen, für ihn kam Dieter Hecking, Sportchef Ralf Becker musste gehen (und wurde durch Jonas Boldt ersetzt), Vorstandsboss Bernd Hoffmann musste gehen, geblieben ist die fehlende Konstanz. Trotz eines Kaders, den in dieser Tiefe und offensiver Wucht kein anderer Verein zusammenstellen konnte.

Kompliziertes Umfeld

Trainer-Oldtimer Hecking - zuweilen bei öffentlichen Auftritten auffällig dünnhäutig, meist jedoch souverän und intern noch unumstritten - verzweifelte zuletzt an den Gegentreffern, viele sehr tief in der Nachspielzeit, nach eigener Führung: 2:2 nach 2:1 in Fürth, 2:3 nach 2:0 in Stuttgart, 3:3 nach 3:1 gegen Kiel, 1:1 nach 1:0 zuletzt gegen Osnabrück im wohl schwächsten Spiel dieser unsteten Saison. Es scheint, als würde das Schildkrötenrennen zu einem belastenden Kopfkino.

Auch einzelne Formschwächen sind offenkundig: Adrian Fein, die Entdeckung der Hinrunde, steckt in einem Loch, Sonny Kittel und Bakery Jatta ergeht es nicht besser. Ganz grundsätzlich mangelt es am Defensivverhalten. Zudem ist die klare Linie nach vorn, die vor allem der vom FC Bayern ausgeliehene Stratege Fein dem Hamburger Spiel verlieh, verlustig gegangen. Auch die knappen Siege gegen Wehen und Dresden ließen manchen Wunsch offen, allein das 0:0 gegen Meister Bielefeld gehörte nach der Corona-Pause zu den sehenswerteren Auftritten.

Und der VfB Stuttgart? Hat - den 5:1-Sieg vom Mittwoch gegen Sandhausen und die Reanimation nach unterirdischer erster Hälfte Ende Mai gegen den HSV ausgenommen - noch mehr enttäuschende Auftritte in Serie hingelegt. Tiefpunkt: das 1:2 einer verängstigt und leidenschaftslos wirkenden schwäbischen Mannschaft im prestigeträchtigen Duell beim Abstiegskandidaten Karlsruher SC vor einer Woche. Die „Stuttgarter Zeitung“ urteilte danach gnadenlos: „Das Derby zeigt endgültig, dass der VfB in der Bundesliga nichts zu suchen hat.“ Statt wütender Leserbriefe über so viel Fundamentalkritik hagelte es unzählige emotionale Bestätigungsschreiben an die zuständige Redaktion. Und der Eindruck schien sich zu verfestigen, dass die Stimmung beim leidgeprüften VfB und dessen komplizierten Umfeld noch nie so mies war wie jetzt. Bis Sandhausen kam und mit einer auf sechs Positionen neubesetzten VfB-Mannschaft zerlegt wurde. Aber was sagt das für das nächste Stuttgarter Auswärtsspiel in Nürnberg? Wohl eher nichts.

Trainer Pellegrino Matarazzo, anders als Kollege Hecking unerfahren, hatte nicht mehr viel zu verlieren gehabt diese Woche. Der im Klub beliebte Italo-Amerikaner, ein gebildeter Mensch mit abgeschlossenem Mathematikstudium in New York, darf sich der Unterstützung der mächtigen Männer im Klub, Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger und Sportchef Sven Mislintat, sicher sein. Um ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wurde der ohnehin bis 2021 laufende Vertrag mit Matarazzo ohne Not just nach Wiederaufnahme der Saison und zwei Niederlagen beim SV Wehen Wiesbaden (1:2) und Holstein Kiel (2:3) bis 2022 verlängert. Ein Statement, dessen Haltbarkeit zu überprüfen sein wird.

Eine klare Spielidee sucht der 42-Jährige jedenfalls noch. Immerhin hat sich der junge Argentinier Nicolas González, nicht nur gegen Sandhausen bester VfB-Profi, prächtig entwickelt. Die Altmeister Mario Gomez und Holger Badstuber mussten die Partie derweil von draußen verfolgen. Ex-Nationalspieler Gomez, dessen Vertrag ausläuft, droht ein tristes Ende seiner Laufbahn: auf der Tribüne in einem leeren Stadion. Allein der Aufstieg könnte dem 34-Jährigen den Abschied noch ein wenig erträglich gestalten.

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