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Bat schon 2008 als Werder-Spieler um himmlischen Beistand: Ivan Klasnic.
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Bat schon 2008 als Werder-Spieler um himmlischen Beistand: Ivan Klasnic.

Ivan Klasnic

Wenn der Körper Nein sagt

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Weil zwei Bremer Ärzte eine schwerwiegende Nierenerkrankung nicht erkannten und er weiter munter Schmerzmittel konsumierte, ist Ivan Klasnic heute ein Wrack. Ein Gericht hat dem Ex-Fußballer nun Recht gegeben.

Irgendwann im Laufe dieses quälend langen Gerichtsprozesses hat Ivan Klasnic eine bemerkenswerte Frage gestellt. „Hätte ich sterben können, wenn ich 2005 nicht zufällig eine Blinddarm-OP gehabt hätte?“ Diese Anmerkung ging außerhalb des Protokolls an den zuständigen Gutachter, der vor dem Landgericht Bremen einen in der Bundesliga bislang einzigartigen Fall betrachtete. Wie konnte es so weit kommen, dass erst bei einer anderen Erkrankung festgestellt wurde, dass der Stürmerstar des SV Werder bereits in seinen besten Zeiten mit einer kaum funktionsfähigen Niere kickte, die ihm dann alsbald entfernt werden musste?

Am Freitag erging nun der Urteilsspruch – und der in Hamburg lebende Klasnic war gar nicht gekommen, um persönlich von Richter Clemens Bolay zu erfahren, dass er den fast zehn Jahre dauernden Prozess gegen den früheren Werder-Mannschaftsarzt Götz Dimanski und die Internistin Manju Guha gewonnen hat. Den beiden seien „grobe Behandlungsfehler“ unterlaufen, hieß es im Urteilsspruch. Dem 37-Jährigen, der sich inzwischen dreimal wöchentlich zur Dialyse im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf einfinden muss, stehen 100 000 Euro Schmerzensgeld plus Zinsen zu. Über Dimanski und Guha folgerte der Richter, es sei „objektiv nicht mehr nachvollziehbar, dass das einem Arzt passieren kann“. Die beiden Beschuldigten ersparten sich mit ihrer Absenz die Leviten am Landgericht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, beide Parteien können Revision einlegen.

„Menschlich berührt es mich natürlich sehr“, hatte Dimanski in einer am vergangenen Sonntag ausgestrahlten NDR-Dokumentation gesagt, „sachlich gesehen gehe ich ganz gelassen an die Sache ran.“ Das Gericht ließ es nicht zu, dass sich die beiden Mediziner mit gegenseitigen Schuldzuweisungen aus der Verantwortung zu stehlen versuchten. Der ehemalige Mannschaftsarzt, der unter Klaus Allofs als unantastbar galt, aber 2014 unter Nachfolger Thomas Eichin gefeuert wurde, soll deshalb mit der beteiligten Internistin für alle anfallenden „materiellen und immateriellen“ Schäden aufkommen. Dimanski zeigte sich in einer ersten Reaktion von dem Urteil „extrem überrascht“.

Es wird eine spannende Frage, ob Klasnic nur den Verdienstausfall von rund einer Million Euro für 2007 geltend macht. Ziemlich sicher hätte die Karriere des auch abseits des Platzes recht schlitzohrigen Angreifers ja länger gedauert als bis 2013, als die aktive Zeit nach Stationen beim FC Nantes und den Bolton Wanderers beim FSV Mainz 05 eher unschön endete, weil Klasnic am Ende nicht mehr mit Trainer Thomas Tuchel konnte. Seine körperliche Verfassung war zu diesem Zeitpunkt bereits zu schlecht, um im lauf- und zweikampfintensiven Erstligabetrieb zu bestehen.

Aber ist dem in Hamburg geborenen Kroaten, der für sein Heimatland mit transplantierter Niere noch bei der EM 2008 als Torschütze in Erscheinung trat und jetzt noch einmal in der Woche mit Kumpels Indoor-Soccer spielt, ein gewisser Groll zu verdenken? Schon in der in Bremen legendären Double-Saison 2003/2004, wurde in Guhas Rehazentrum ein auf 1,87 angestiegener Kreatininwert bei Klasnic gemessen. Zur dringend notwendigen Nierenbiopsie wurde er dennoch nicht geschickt, stattdessen schluckte er Schmerzmittel. Morgens, mittags, abends. Wie Smarties habe ihr Mann diese eingeworfen, sagte seine Exfrau Patricia 2008 in der ARD-Sendung „Beckmann“.

Das Unheil nahm seinen Lauf. Die dramatischen Werte in den Folgejahren sah sich Guha teilweise gar nicht mehr an – Dimanski erklärte, er habe sich auf den internistischen Bericht verlassen, in dem stand: „keine weitere Diagnostik erforderlich“. Ein verhängnisvoller Doppelpass, durch den die Schäden alsbald irreparabel waren. 2005 lag der Kreatininwert bereits bei katastrophalen 3,14 – und mit jeder Tablette wurde alles nur noch schlimmer. Es kam der Punkt, als der Körper Nein sagte. Gutachter meinen, dass die Nierentransplantation „zu 50 bis 70 Prozent“ hätte verhindert werden können.

Die weit verbreitete Einnahmen von Schmerzmitteln im Profisport gilt immer noch als Tabuthema, das erst kürzlich wieder Niko Kovac als Trainer von Eintracht Frankfurt ansprach: „Diejenigen, die denken, dass es Profifußball ohne Schmerzmittel gibt, sind auf dem Holzweg.“ Kollege Torsten Frings, Klasnic’ ehemaliger Mitspieler in Bremen, pflichtete als Coach des SV Darmstadt 98 umgehend bei: Gegen „ein bisschen Aua“ gäbe es Mittel. Aber genau dieser leichtfertige Umgang macht die Causa so gemeingefährlich.

Robert Erbeldinger, Herausgeber der „Sportärztezeitung“, nennt es ein Hauptproblem, dass Wirkstoffe wie Paracetamol, Ibuprofen oder Diclofenac teils frei verfügbar seien. „Meist wissen die medizinischen Abteilungen überhaupt nichts über eine vermehrte eigenständige Einnahme durch die Spieler“, so Erbeldinger. Viele würden mit Schmerztabletten wie mit Nahrungsergänzungsmittel umgehen. Auch der langjährige Darmstädter Mannschaftsarzt Klaus Pöttgen warnt: „Dieser Fall zeigt, mit welcher Sensibilität die Nierenwerte kontrolliert werden müssen.“

Wenn etwas die Sinne schärft, dann die menschliche Tragik bei Ivan Klasnic: Die erste Transplantation mit der Niere seiner Mutter ging vor zehn Jahren schief. Danach spendete ihm der Vater das Organ, das allerdings seit vergangenem Spätsommer sein Blut nicht mehr ausreichend reinigt. Sein Bruder wollte sich als Lebendspender zur Verfügung stellen, doch Ivan hat inzwischen Antikörper gegen familiäre Organe gebildet. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine neue Niere beträgt sieben Jahre. Seine Situation erträgt er tapfer: „Ich glaube, Gott hat unseren Weg oder unseren Plan im Leben geschrieben. Ich muss die Situation annehmen, wie sie ist.“

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