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Wenn die Zukunft verliert

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Von: Frank Hellmann

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So sieht tiefe Leere aus;: Kylian Mbappé.
So sieht tiefe Leere aus;: Kylian Mbappé. Foto: dpa © dpa

Frankreich hat zwar das WM-Finale verloren, doch die Richtung stimmt: Vor allem Kylian Mbappé kann eine Ära prägen.

Emmanuel Macron hat ziemlich schnell erfahren müssen, dass ein Staatspräsident aus Frankreich bei einem Turnier, bei dem der Weltverband Fifa und die Herrscherfamilie aus Katar in jeder Hinsicht die Deutungshoheit besitzen, sich hintenanstellen muss. Es dauerte also ein bisschen, bis der Staatsmann des entthronten Weltmeisters auf dem Podest seine Position gefunden hatte, um nach diesem flirrenden Finale einem Mann besonders viel Zuspruch zu erteilen: Kylian Mbappé, der sich lange nicht so viel Mühe machte wie Lionel Messi, um diesem Endspiel seinen Stempel aufzudrücken, um dann doch dreimal, davon zweimal vom Elfmeterpunkt, zuzuschlagen. Damit stockte der 23-Jährige sein Konto auf acht WM-Treffer auf, der Goldene Schuh als Torschützenkönig ging an ihn, aber Mbappé konnte damit wenig anfangen. Der Wunderstürmer mit dem Turboantritt wirkte arg geknickt – auch Macrons Worte halfen nicht wirklich. Sogar von der Ikone Pelé, dem einzigen Spieler mit drei WM-Titeln, gab es Trost. „Mein lieber Freund, vier Tore in Endspielen. Was für ein Geschenk es war, dieses Spektakel anzuschauen“, schrieb der 82 Jahre alte Brasilianer auf Instagram. Es ist möglich, dass die Legende nicht mehr erlebt, wie dieser Irrwisch die Grenzen neu definiert. Seine Geschwindigkeit ist ein Genuss – und das Faustpfand für weitere Titel. Ganz sicher.

Mbappés Miene schwankte am Sonntag zwischen Entsetzen, Enttäuschung und Fatalismus. Am Montag schrieb er kurz vor seinem 24. Geburtstag: „Wir werden zurückkommen.“ Was hätte er noch tun sollen? Er hatte die Effizienz für die Equipe Tricolore schließlich auf die Spitze getrieben, zumal Frankreichs Nummer zehn auch im Elfmeterschießen – im Gegensatz zu Kingsley Coman und Aurelien Tchouameni – die Nerven behalten hatte. „Kylian hat seinen Fußabdruck in diesem Finale hinterlassen, aber nicht so, wie er es gerne getan hätte. Deshalb ist er so traurig“, sagte Nationaltrainer Didier Deschamps, übrigens deutlich gefasster.

Was passiert mit Deschamps?

Ihn ärgerte, dass die „Bleus“ diesen Showdown lange so wenig weltmeisterlich bestritten. Damit soll es aber nicht zusammenhängen, dass er seine eigene Zukunft offen ließ. Seinen auslaufenden Vertrag wollte er abermals nicht thematisieren: „Auch wenn wir gewonnen hätten, hätte ich diese Frage nicht beantworten können“, sagte der 54-Jährige auf der Pressekonferenz schmallippig. Fest steht, dass ihm der Fußball in Frankreich deutlich mehr vielversprechende Perspektivspieler, hoffnungsvolle Talente anbietet als in Deutschland. „Ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht. Wir haben richtig Tiefe, da hat man die Qual der Wahl“, gab Deschamps zu, der aber persönlich für sich ausloten muss, ob er einen Job noch weiter ausüben möchte, den er in Katar tadellos erledigt hat. Mit teils väterlichen Fürsorge, aber auch strenger Führung. Dass er noch vor Ende der indiskutablen ersten Hälfte in Ousmané Dembélé und Olivier Giroud zwei Stammkräfte aus der Sturmabteilung vom Feld holte, war ein Wachrüttler für schläfrige, vielleicht auch vom Virus geschwächte Franzosen.

Dazu stellte der „General“ fast pausenlos um, wechselte sieben Mal aus (wegen Kopfverletzung und Verlängerung erlaubt) und hatte schließlich bei den Argentiniern so viel Verwirrung gestiftet, „dass wir am Ende auch hätten gewinnen können“ (Deschamps). Diese allerletzte Chance besaß Randal Kolo Muani, der eingewechselte Angreifer von Eintracht Frankfurt, der schon den ersten Elfmeter herausholte. Und dem sich kurz vor Schluss eine historische Gelegenheit bot: Nach Vorlage von Dayot Upamecano machte der 24-Jährige mit seiner Direktabnahme nicht viel falsch, aber die Fußabwehr von Emiliano Martinez war ebenso sensationell wie historisch, so dass Argentiniens Tormann noch die Auszeichnung zum besten WM-Torhüter erhielt, die eigentlich an den Marokkaner Bono hätte gehen sollen. Immerhin: Kolo Muani verwandelte nervenstark seinen Elfmeter, kurz nach der vergebenen Großchance. Chapeau.

Zwei Tage vorher hatte der wie Mbappé aus der nicht bestens beleumundeten Paris Vorstadt Bondy stammende Stürmer gesagt, diese WM sei eine magische Erfahrung für ihn: „Hier zu spielen, macht mich unglaublich stolz.“ Ähnlich äußerte sich auch sein Arbeitgeber. „Frankfurt ist so stolz auf dich, Randal!“, twitterte die SGE. Sportvorstand Markus Krösche richtete aus: „Randal hat ein sehr starkes Finale gespielt. Nach seiner Einwechslung ist Frankreich zurück ins Spiel gekommen. Jeder hat gesehen, was für ein starker Spieler er ist. Zudem hat er Eintracht Frankfurt hervorragend repräsentiert.“

Das allerdings hat nun auch der letzte Topverein in Europa mitbekommen, was Krösche in den nächsten Wochen beschäftigen könnte. Kolo Muanis Berater hatten zwar angekündigt, er spiele mindestens noch ein weiteres Jahr in Frankfurt. Das war freilich vor dem WM-Finale.

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