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Gerade als Vereinspräsident beim Hamburger SV zurückgetreten, aber mit guten Chancen, im Sommer auf den Posten zurückzukehren: Ex-Profi Marcell Jansen.
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Gerade als Vereinspräsident beim Hamburger SV zurückgetreten, aber mit guten Chancen, im Sommer auf den Posten zurückzukehren: Ex-Profi Marcell Jansen.

Profifußball

Wenn das Kapital den Verein attackiert

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Moderne Strukturen sollen den Profifußball vor Ungemach schützen, aber die Praxis ist oft brutaler als die Satzung – wie man in Mainz, Stuttgart und Hamburg gut beobachten kann.

Beispielloser Krach beim VfB Stuttgart, heftiger Zoff beim Hamburger SV, erhebliche Dissonanzen bei Mainz 05 und zwischen dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) – vier aktuelle Beispiele, wie sich der professionelle Fußball selbst zerlegen kann. Dabei sollten moderne Strukturen dafür sorgen, dass die Lizenzklubs sich mit der Ausgliederung von Kapitalgesellschaften professionalisieren.

Rückblick: Anfang der 1990er-Jahre nahm der seinerzeit noch für den Lizenzfußball zuständige Deutsche Fußball-Bund die Rechtsform seiner besten Fußballklubs ins Visier. Der Druck der Amtsgerichte und Finanzämter wuchs mit zunehmender Professionalisierung und steigenden Umsätzen. Die deutschen Topklubs begannen, sich Gedanken darüber zu machen, ihren Geschäftsbetrieb Profifußball auf Kapitalgesellschaften auszugliedern und selbst als Mehrheitsgesellschafter (dank der 50+1-Regel) die Kontrolle zu behalten. Dem DFB war es zudem ein Dorn im Auge, dass Mitgliederversammlungen mitunter außer Kontrolle gerieten und Leute aus einer Bierlaune heraus zu Präsidenten gewählt wurden, die dieser Aufgabe nicht annähernd gewachsen waren.

Im Oktober 1998 erlaubte der DFB den bis dahin durchweg als Vereine organisierten Bundesligisten, ihre Profiabteilung künftig auch als Kapitalgesellschaften zu managen.

Zwei Jahre später trennte der DFB auf Druck der Klubs den Ligaverband DFL als hundertprozentige Tochter ab. Was bis zum Jahr 2000 zusammengehörte und in einem Gebäude vereinigt war, ist schon lange getrennt und sich inzwischen spinnefeind. Für die professionelle Vermarktung des Bundesligabusiness war die Ausgründung hilfreich, für das Miteinander keineswegs.

Den Klubs geht es oft ähnlich. Die meisten nahmen die Vorlage aus dem Jahr 1998 an und trennten sich auf. In den Vereinen wird weiter gemeinnütziger Breitensport angeboten, in den Kapitalgesellschaften der Profisport gemanagt. Guter alter Verein für Rand-, Kinder- und Seniorensport auf der einen Seite und modernes Unternehmen für den Bundesligafußball auf der anderen Seite sind sich dabei oft fremd geworden.

Vier Erstligavereine verschließen sich bisher der Ausgliederung. Aber auch Mainz 05, Schalke 04, der SC Freiburg und Union Berlin, die bis zum heutigen Tag noch als e.V. unterwegs sind, haben ihre Satzungen angepasst, Aufsichtsräte gegründet und damit auch Forderungen der DFL nach professionellem Management und entsprechender Kontrolle erfüllt. Ruhe und Ordnung kehrt deshalb aber nicht automatisch ein: In Mainz und auf Schalke sind die Aufsichtsratschefs im Juni 2020 und Februar 2021 nach Turbulenzen zurückgetreten.

Turbulenzen gab es auch im November 1988 im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens. Der Autowaschstraßen-Besitzer Josef „Speedy“ Wolf wurde auf einer chaotischen Jahreshauptversammlung von Eintracht Frankfurt gewählt, weil die Mitglieder Vorgänger Klaus Gramlich loswerden wollten. Es war jener legendäre Abend, an dem kurz vor Mitternacht der Ordner (und Boxer) Manfred Wegner von Mitglied Heinz Jüngling per Faustschlag niedergestreckt wurde. Der abgewählte Gramlich soll sich hinterher geärgert haben: „Mein größter Fehler war, in diesem Verein die Demokratie einzuführen.“ Der völlig überforderte Wolf blieb dann nur neun Tage Vereinschef und doch eine unvergessene Episode in der bewegten Geschichte der Eintracht.

Tatsächlich ist in den modernen Strukturen der Bundesligaklubs erkennbar, dass die Basisdemokratie bei Mitgliederversammlungen geschwächt wird, damit solche Beispiele sich nicht wiederholen. Gefeit davor, Ahnungslose an die Macht zu bringen, sind sie jedoch auch dann nicht immer, wie das Beispiel Mainz 05 aus dem Jahr 2017 demonstriert: Stolz hatte der Verein, in dem zuvor jahrzehntelang eine honorige Kameradschaft unter Patron Harald Strutz regierte, seine vermeintlich sorgsam überarbeitete Satzung präsentiert. Eine mit viel Macht ausgestattete Wahlkommission sollte die Kandidaten für den Vorstandsvorsitz erst nach ausgiebiger Prüfung zulassen. Heraus kam, dass der Essigunternehmer Johannes Kaluza im Juni 2017 mit den Stimmen der Ultras gewählt wurde. Im Dezember desselben Jahres musste der irrlichternde Kaluza auf Druck der Geschäftsführung schon wieder gehen. Ein Fiasko.

Dreieinhalb Jahre später , Ende Januar 2021, wollte es die fünfköpfige Mainzer Wahlkommission im Vorfeld der Aufsichtsratswahl ganz genau machen. Sie ließ in einer Vorauswahl nur die besten zwölf statt der satzungsmäßig erlaubten 16 aus 28 Kandidaten:innen für acht Sitze zu – und sorgte mit der Streichung von vier noch amtierenden Aufsichtsräten für einen Eklat und die Absage der Mitgliederversammlung am 9. Februar. In der Folge trat Aufsichtsratschef Detlev Höhne zurück. Die Satzung soll nun in aller Eile überarbeitet und die Wahlkommission entmachtet werden: mehr Basisdemokratie, mehr Transparenz, aber auch mehr Risiko, dass die Mitglieder weniger kompetente Leute wählen.

Zoff auch beim SV Werder und dem 1. FC Köln

Es knirscht seit geraumer Zeit im Gebälk von Werder Bremen. Die Ex-Führungsfiguren Willi Lemke, Klaus-Dieter Fischer und Manfred Müller haben sich zu Wort gemeldet. Offenbar werden alte Rechnung beglichen. Fischer und Müller forderten den Klub in einem Schreiben auf, die Satzung zu ändern, dass der Präsident des Vereins nicht mehr gleichzeitig Geschäftsführer der Profi-AG sein darf, sondern Aufsichtsratsvorsitzender werden soll. Der aktuelle Präsident Hubert Hess-Grunewald will das nicht: „Wir den Mitgliedern bei der Ausgliederung versprochen, dass der Einfluss des Vereins auch im operativen Geschäft erhalten bleiben soll.“

Lemke kritisierte eine Vertragsverlängerung mit Sportchef Frank Baumann vor der wegen Corona verschobenen Jahreshauptversammlung als „Affront nicht nur gegen den neuen Aufsichtsrat, sondern auch gegen die Mitgliederversammlung“. Werder reagierte souverän mit einer Mini-Vertragsverlängerung bis 2022, um Planungssicherheit zu haben.

Weiterer Diskussionspunkt: Aufsichtsratschef Marco Bode würde sein sechsköpfiges Gremium am liebsten so belassen. Aber Ex-Starmoderator Jörg Wontorra hat seine Kandidatur für den Aufsichtsrat beim Wahlausschuss eingereicht, verbunden mit Kritik an Boss Klaus Filbry und Hess-Grunewald: „Die Geschäftsführung ist nicht optimal aufgestellt. Da fehlt es an Kompetenz. Werder muss weltmännischer werden, dafür braucht es andere Manager.“

Eine besondere Form der Basisdemokratie existiert beim 1. FC Köln. Dort hat der von den Vereinsmitgliedern gewählte Mitgliederrat die Aufgaben eines Aufsichtsrats inne. Diese 2013 gegründete mächtige Instanz überwacht den Vereinsvorstand. Zudem unterbreitet er der Mitgliederversammlung einen Wahlvorschlag für den Vorstand.

Im vergangenen Herbst trat der Mitgliederrats-Vorsitzende Stefan Müller-Römer zurück, nachdem Emails des Juristen an den „Kölner Stadt-Anzeiger“ durchgesteckt worden waren. Müller-Römer hatte unter anderem den alte Vereinsvorstand, zu dem auch Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher gehörte, und die alte Geschäftsführung (mit Armin Veh) für die „katastrophale“ Finanzsituation verantwortlich gemacht. Daraufhin erklärten die Geschäftsführer Alexander Wehrle und Horst Heldt eine weitere Zusammenarbeit mit Müller-Römer im „Gemeinsamen Ausschuss“, wo beim Effzeh die wichtigen Entscheidungen getroffen werden, sei für sie ausgeschlossen.

Ständige Auseinandersetzungen mit Müller-Römer hatte schon der überforderte Ex-Präsident Wolfgang Overath, der im Spätsommer 2020 mit weiteren berühmten Alt-Internationalen um Schumacher, Wolfgang Weber, Bernd Cullmann und Stephan Engels den Rücktritt von Müller-Römer forderte und in einem Brandbrief die Werte des Klubs anzweifelte. Es gab ein Friedensgespräch mit Held, Wehrle und Präsident Werner Wolf. jcm

Der VfB Stuttgart , gerade wieder aufgestiegen, wollte im Sommer 2017 unbedingt mit seiner Profiabteilung aus dem altertümlichen Gewand des Idealvereins raus und mit der Gründung einer Aktiengesellschaft 41,5 Millionen Euro für 11,75 Prozent der Aktien beim bereitstehenden Ankerinvestor Daimler einsammeln. Bei der Mitgliederversammlung des Vereins draußen in der Arena ging es heiß her. Ein Mitglied beschwerte sich am Mikrofon: „Durch die Pläne der Ausgliederung wird ein Keil zwischen Vorstand und Fans getrieben.“ Angeblich 84,2 Prozent der Mitglieder stimmen dennoch schließlich kurz vor Mitternacht für die AG-Gründung.

Durch Recherchen des „Kicker“ wurde im September 2020 bekannt, dass offenbar rund 40 000 vertrauliche Mitgliederdaten hinterrücks vom Verein an Dienstleister des VfB herausgegeben worden waren, um kritische Mitglieder auf Kurs zu bringen. Der „Spiegel“ berichtet zudem kürzlich, sogar die Wahl selbst sei womöglich durch den bewussten Ausfall vieler Stimmgeräte manipuliert worden.

Im Zuge der ungeheuerlichen Anschuldigungen, die der VfB auf Druck des Vereinspräsidenten Claus Vogt durch eine externe Firma intern untersuchen ließ, sind inzwischen zahlreiche Führungskräfte zurückgetreten oder geschasst worden. Vorstandschef Thomas Hitzlsperger wird zwar von weiten Teilen des Aufsichtsrates gestützt, hat jedoch enorm an Vertrauen an der Basis verloren, als er eine Kampfkandidatur gegen den unbequemen Datenskandal-Aufklärer Claus Vogt ankündigte – und die Bewerbung unter dem Druck von Fans, Mitgliedern und Medien kleinlaut wieder kassierte.

Alle Pläne, Vogt ungeniert zu entmachten, schlugen fehl. Vogt, der erklärte Mann der Basis, ist jetzt vom Beirat als einziger Kandidat für die Wiederwahl als Präsident im Verein zugelassen worden, der als 78,25-Prozent-Mehrheitsgesellschafter die von Hitzlsperger angeführte Profi-AG besitzt. Der externe Bewerber, Unternehmer Volker Zeh, wurde ignoriert. Seine Meinung dazu: „Da wurde die Demokratie mit Füßen getreten.“

Das Beispiel Stuttgart zeigt, wie sich die Verhältnisse nach einer Ausgründung verändern können, wenn das neue Kapital den alten Verein schamlos attackiert. Kein Zweifel besteht, dass Daimler-Vorstand Wilfried Porth als stellvertretender VfB-Aufsichtsratsvorsitzender dem Tun des Vorstandschef Hitzlsperger deutlich zugeneigter ist als jenem des Präsidenten Vogt. Es ist mehr als bloß ein Verdacht: Die Profifußball-AG mit dem Minderheitsgesellschafter Daimler will die fürs Geschäft nur störende Einflussnahme des Mehrheitsgesellschafters VfB Stuttgart e.V. mit seinen lästigen 71 500 Mitgliedern minimieren. Nur hat ist sie dieses Ziel maximal grobschlächtig angegangen.

Auch vom Hamburger SV sind mal wieder Misstöne zu vernehmen. Dort ist jetzt das dreiköpfige Vereinspräsidium zurückgetreten. Ex-Präsident Marcell Jansen ist heillos mit den Ex-Vizes Thomas Schulz und Moritz Schaefer zerstritten. Die beiden waren im Gegensatz zum Ex-Nationalspieler dagegen, dass vor einem Jahr der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann auch in seiner zweiten Amtszeit gestürzt wurde. Die Fehde wurde unerbittlich geführt. Mehrere Gremien des 87 000-Mitglieder-Vereins stellten einen Antrag, Jansen-Feind Schulz auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung abzuwählen. Das hat sich nun erledigt. Jansen hat nun gute Aussichten, im Sommer wiedergewählt zu werden und als großer Gewinner aus dem Scharmützel zu gehen.

Eine bedeutende Rolle spielt in der Auseinandersetzung auch Investor Klaus-Michael Kühne. Dem Multimilliardär gehören 20,44 Prozent der im Jahr 2014 zur Kapitalbeschaffung aus dem Verein ausgegründeten HSV Fußball-AG. Danach sollte alles endlich gut werden. Stattdessen: Abstieg, Ärger, Armut. Jansen hat sich mit dem sperrigen Geldgeber arrangiert, den Attacken des Kapitals ein Ende bereitet und wollte nun einen Kühne-nahen Mann neu in den vom ihm angeführten Aufsichtsrat holen, wo zwei Plätze frei sind. Schulz und Schaefer waren dagegen und in der Überzahl.

Zwischenzeitlich wurde gar gemunkelt, allein Jansen könnte gestürzt werden und Bernd Hoffmann ein drittes Mal zurück an die Spitze des HSV gelangen, laut „Hamburger Abendblatt“ womöglich gar gemeinsam mit seiner einstigen Vorstandskollegin Katja Kraus. Das Thema ist wohl vom Tisch. Hoffmanns ehemaligen Kollegen Frank Wettstein und Jonas Boldt wären not amused über eine Rückkehr gewesen, es gab am Ende keine Vertrauensbasis mehr. Boldt sagte neulich ziemlich genervt: „Es gibt eine Diskussion im HSV e.V., aber da muss ich mal klarstellen: Für den Fußball ist die AG verantwortlich.“ Aber er weiß natürlich, dass das eine mit dem anderen eng verbunden ist.

Bei Eintracht Frankfurt hat der Knockout am Rednerpult 1988 übrigens lange keine klugen Konsequenzen gehabt. Im Herbst 1996 trat Präsident Hans Joachim Otto nach 35 Tagen, sein Schatzmeister Bernd Thate nach sieben Tagen zurück. Im Sommer 2003 wurde Peter Schuster aus dem Nichts zum Klubchef der AG ernannt, fiel nur durch eine Mischung aus Großmannssucht und Geltungsdrang auf und war nach 20 Tagen wieder weg.

Da war die damals darbende Eintracht schon hübsch zerteilt in Verein und Profi-Aktiengesellschaft. Im Frühjahr 2000 nickten Mitglieder das notgedrungen ab, weil der Klub laut des Schatzmeisters Rainer Leben 20 Millionen Mark „fresh money“ zur Sicherung der neuen Lizenz benötigte. Leben war schnell wieder weg, sein Leitsatz ist geblieben: „Die Mitglieder müssen nur entscheiden: Wollen sie arm bleiben oder reich werden?“

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