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Musste für einen Faustschlag nach Abpfiff gegen Argentinien im Halbfinale der WM 2006 zusehen: Torsten Frings (mitte).

Historie

Wenn die Besten fehlen

Die Geschichte deutscher Ausfälle bei Welt- und Europameisterschaften ist lang.

Von Jan Christian Müller

So dicke, wie es jetzt kommt, ist es für eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei einem großen Turnier selten gekommen. Die FR stellt die berühmtesten Fälle vor, mal ging es gut, meistens nicht:

1982 wird Kalle Rummenigge bei der WM in Spanien im Halbfinal-Drama gegen Frankreich mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel in der Verlängerung für Hans-Peter Briegel eingewechselt, schießt in der 102. Minute sogar den wichtigen Anschlusstreffer zum 2:3 und trifft später im siegreichen Elfmeterschießen. Im Finale gegen Italien kann sich Rummenigge praktisch nur im Zuckeltrab bewegen. Er hält 70 Minuten durch. Deutschland, vom Halbfinale völlig erschöpft, ist beim 1:3 chancenlos.

1996 liegt vor dem EM-Endspiel gegen Tschechien fast die halbe Mannschaft danieder: Jürgen Klinsmann, Jürgen Kohler, Mario Basler, Fredi Bobic, René Schneider, Thomas Häßler, Thomas Helmer, Dieter Eilts. Der DFB lässt sicherheitshalber die Namen der Ersatzkeeper Kahn und Reck auf weiße Feldspielertrikots mit den Nummern 12 und 22 drucken und setzt bei der Uefa durch, dass Jens Todt außerplanmäßig nachnominiert werden darf. Der wird dann, außer beim Siegerfoto, gar nicht gebraucht. Wunderdoktor Müller-Wohlfahrt zaubert binnen weniger Tage den Muskelriss aus Jürgen Klinsmanns Oberschenkel weg. Oliver Bierhoff, kerngesund, macht das Golden Goal.

2002 foult Michael Ballack (Bild) im WM-Halbfinale in Seoul kurz vor dem Strafraum den Südkoreaner Chun-Soo Lee, Schiedsrichter Urs Meier bleibt gar nichts anderes übrig als für das taktische Foul Gelb zu zeigen. Ballack beschwert sich noch nicht einmal über seine zweite Verwarnung, drei Minuten später erzielt er das entscheidende 1:0 für Deutschland und weiß: Er als mit Abstand bester deutscher Feldspieler fehlt im Finale gegen Brasilien. In der Kabine weint Ballack. Jens Jeremies spielt im Endspiel für ihn. Deutschland hält sich wacker und verliert, eingeleitet durch einen Fehler des zuvor im Turnier tadellosen Oliver Kahn 0:2. Der Fall Ballack hat Auswirkungen: Die Uefa ändert die Regel ab der EM 2008, die Fifa ab der WM 2010. Spieler, die im Halbfinale das zweite Gelb sehen, dürfen im Endspiel seitdem trotzdem mitmachen.

2006 muss Bundestrainer Klinsmann im Halbfinale gegen Italien auf Torsten Frings (Bild) verzichten. Der hat sich unvorsichtigerweise per Faust in die von argentinischen Spielern nach dem verlorenen Elfmeterschießen im Viertelfinale angezettelte Hauerei gemischt. Die Fifa sperrt den bis dahin Besten im deutschen Team im Eilverfahren. Sebastian Kehl kann Frings auf dessen damaligen Top-Niveau nicht vollständig ersetzen. Deutschland scheidet aus.

2008 zieht sich Frings im letzten Vorrundenspiel gegen Österreich einen Rippenbruch zu. Löw stellt um, bringt Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger und schlägt so Portugal und die Türkei. Im Finale darf Frings wieder von Beginn an mittun. Und der an der Wade verletzte und daraufhin sichtbar gehemmte Ballack auch. Rückblickend findet Löw, Ballacks Einsatz sei ein Fehler gewesen.

2010 beim 4:0 gegen Argentinien in Kapstadt gibt es eine aberwitzige Gelbe Karte gegen Thomas Müller. Dem wird der Ball aus kurzer Distanz gegen den Körper geköpft, von wo er an den linken Arm springt. Schiedsrichter Ravshan Irmatov aus Usbekistan zieht sofort Gelb. Da Müller schon im letzten Gruppenspiel gegen Ghana verwarnt worden ist, fehlt er im Halbfinale gegen Spanien. Und zwar an allen Ecken und Enden. Piotr Trochowski spielt an seiner Stelle. Er gibt sich Mühe. Aber Mühe allein reicht nicht. Deutschland verliert 0:1.

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