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Antonio Candreva von Inter Mailand begeht seine Torpremiere mit entblößtem Oberkörper.

Champions League

Zu wenig Ellenbogen

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Der deutsche Fußball hat sich vom internationalen Anspruch weit entfernt. Der Kommentar.

Antonio Candreva gab sich erst gar keine Mühe, seine Freunde zu unterdrücken. Wer mit bald 33 Jahren noch nie in der Königsklasse getroffen hatte, der muss seine Torpremiere gebührend feiern. Also riss sich der gebürtige Römer das schwarz-blaue Trikot vom Leib und posierte mit seinem gestählten Oberkörper vor den Tifosi. Dann schrie der 54-fache Nationalspieler, der bei der Neuausrichtung der Squadra Azzurra keine Rolle mehr spielt, so laut er konnte. Ein Beleg, wie wichtig Inter Mailand das 2:0 in der Champions League gegen Borussia Dortmund war. Und der nächste Beweis, wie weit der deutsche Fußball sich vom internationalen Anspruch entfernt.

Wie oft hatte sich der als Mittelstürmer aufgebotene Julian Brandt in Zweikämpfen wie ein scheues Reh verhalten? Wie oft hatte der Linksverteidiger Nico Schulz seine Vorstöße wie ein verängstigtes Kaninchen abgebrochen? Und Verteidiger Mats Hummels? Verschuldete in einem Laufduell mit dem 17-jährigen Sebastiano Esposito einen Elfmeter, weil er nicht hinterherkam. Während Inter mit seiner Körperlichkeit und Klarheit fast an beste Zeiten unter Großmeister José Mourinho erinnerte, stieß der BVB an natürliche Grenzen. Dafür konnte Lehrmeister Lucien Favre wirklich am wenigsten.

Hielt noch einen Elfmeter und konnte die Niederlage dennoch nicht verhindern: BVB-Torhüter Roman Bürki.

Sein Gegenüber Antonio Conte besaß im San Siro nicht die bessere Spielidee, sondern das bessere Spielermaterial, was Durchsetzungsvermögen und Behauptungswillen anging. Jadon Sancho führte zwar zwei, drei atemberaubende Tricks vor, aber wie Spiele auf diesem Niveau entschieden werden, hätte sich der junge Engländer vom Argentinier Lautaro Martinez abschauen können. Lassen sich in der Bundesliga schnell in den Himmel gehobene Überflieger auch deshalb international so leicht abkochen – Kai Havertz fiel bei Bayer Leverkusen übrigens auch wieder nur als Mitläufer auf –, weil sie hierzulande erfahren, dass fast jeder ihrer Faller mit Freistoß belohnt wird? Die rauere Gangart in Mailand, Madrid oder London scheint manch einen dann zu überraschen.

Wenn sich Oliver Bierhoff als Chef der Fußballentwicklung beim DFB an die neuesten Projekte macht, darf das Thema Widerstandsfähigkeit nicht fehlen. Viel davon wird auf Bolzplätzen gelehrt, in denen Jüngere die Ellenbogen der Älteren abbekommen. Und wer sich hier durchsetzt, schafft es nach ganz oben. Es scheint, als hätten deutsche Nachwuchsleistungszentren zuletzt diesem Aspekt wenig Beachtung geschenkt. Nicht umsonst macht ein deutscher Nationalspieler seit Wochen in internationalen Vergleichen den besten Eindruck, der sich lieber als Jugendlicher in England durchgebissen hat: Serge Gnabry.

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