1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Wengers Trauerspiel

Erstellt:

Von: Jakob Böllhoff

Kommentare

Nicht mehr der, der er einmal war: Arsène Wenger.
Nicht mehr der, der er einmal war: Arsène Wenger. © Mike Egerton/dpa

Der Arsene Wenger von heute würde den Arsene Wenger von früher – einen kritischen, tendenziell antikapitalistischen Geist – verrückt machen. Ein Kommentar.

Der alte Fußballmann Arsène Wenger hat der deutschen Nationalmannschaft gerade Mut zugesprochen. „Zwar braucht die DFB-Elf noch ein bisschen Zeit, um wieder ganz oben mitzuspielen“, hat der Franzose, 73, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gesagt: „Aber bei der EM 2024 zu Hause wird sie mit Sicherheit wieder zu den Favoriten gehören.“

Ja, da wird sich die deutsche Mannschaft natürlich freuen, von so einem renommierten, gut beleumundeten Fachmann in den Kreis der … Moment. Kurz rüber zu Stale Solbakken, dem dänischen Trainer, der neulich über Wenger sagte: „Es ist erschütternd zu sehen, dass der klügste Mann der Welt, Arsène Wenger, zu dem man jahrelang aufgeschaut hat, irgendwie einer Gehirnwäsche unterzogen wurde und nun die dümmsten Aussagen macht.“

Banales und krude Thesen

Es ist ein bisschen schwierig geworden mit dem guten Arsène. Einerseits möchte man ihn weiter bewundern, als einen der einflussreichsten Fußballtrainer der letzten 50 Jahre, als „den Professor“, der ungeheure Erfolge in 22 Jahren bei Arsenal London feierte. Andererseits möchte man bald eine Betreuungsvollmacht für ihn beantragen. So viel Blödsinn hat er zuletzt verzapft. Wobei man den Blödsinn immer relativ sehen muss zu seiner Rolle als Direktor beim Weltverband Fifa.

Bei der Fifa ist der Elsässer für die „globale Fußballförderung“ verantwortlich. Außerdem ist er Vorsitzender der Technischen Studiengruppe, die seit 1966 alle Fifa-Turniere analysiert. Das sind ein paar alte Fußballer wie zum Beispiel Jürgen Klinsmann, die bei der WM in Katar auf eine große Bühne gesetzt wurden und dann zu Weisheiten aufgeblasene Banalitäten vom Stapel ließen. Die deutsche Mannschaft hatte in der Vorrunde mit Abstand die meisten Torschüsse aller Teams (67), ist aber ausgeschieden, weil zu wenige Schüsse ins Tor hineingingen. Okay, danke für diese Erkenntnis.

Wenger ist eine wichtige Figur für die Fifa, ihr Gandalf, wie der „Guardian“ schrieb, eine schroffe, alles legitimierende Präsenz im neuesten Vintage-Trainingsanzug von Ausrüster Adidas, in dem er nur an schlechten Tagen aussieht, als würde er an der Haltestelle auf einen Bus warten, der aber nie kommt.

Wenger wird ja neben dem regelmäßig anfallenden Fußballblabla auch gerne dann von der Fifa vor die Mikrofone gesetzt, wenn Schwierigeres zu verkünden gilt. Eine WM im Zweijahresrhythmus? Sag du es ihnen, Arsène, und behaupte, es war deine Idee. Sehr beiläufig streute Wenger in Katar die These ein, dass jene Teams reüssierten, die „nicht auf politische Demonstrationen fokussiert“ gewesen wären. Ein Seitenhieb natürlich gegen das deutsche Team mit seiner klaren Haltung gegenüber Menschenrechtsverletzungen der Gastgeber. Vor allem aber faktisch falsch. Wofür etwa ein Team wie Marokko steht, das jeden Erfolg bis zum Einzug ins Halbfinale mit Flaggen Palästinas feierte.

Der Wenger von heute würde den Wenger von früher – einen kritischen, tendenziell antikapitalistischen Geist – verrückt machen. Zusammengeschrumpft nunmehr zur Handpuppe von Fifa-Präsident Gianni Infantino, die alles plappert und nachplappert und forciert, was der Organisation mehr und immer noch mehr Profit verspricht.

Arsène Wengers Fußball ist, wie die ganze Fifa, ein einziges Trauerspiel.

Auch interessant

Kommentare