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Auf dem Weg zum Weltstar

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Von: Frank Hellmann

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Gibt den Takt bei Olympique Lyon an: Dzsenifer Marozsan
Gibt den Takt bei Olympique Lyon an: Dzsenifer Marozsan © imago

Dzsenifer Marozsan will mit Olympique Lyon die Women?s Champions League gegen Paris St. Germain gewinnen und eine tolle Saison krönen

Es passierte noch in der tristen Jahreszeit, dass die Regisseure in der Frankfurter Arena aus dem Staunen nicht heraus kamen. Es lief ein aufwändiger, fünfstündiger Werbedreh der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, als Dzsenifer Marozsan damit beauftragt wurde, die Kunststoffkugel zielgenau in den Winkel zu hämmern, in dem auch eine Kamera angebracht worden war. Doch was geschah? Mit einem knallharten Schuss zerschmetterte die Kapitänin die teure Technik. Das Gelächter war groß, der Fernsehspot trotzdem im Kasten – und eigentlich hatte Deutschlands beste Fußballerin nur Zeugnis ihrer besonderen Fähigkeiten abgeliefert. „Sie ist krass drauf, so gut spielt sie derzeit. Sie bringt alles mit: vereint Übersicht mit Spielwitz, zeigt dazu ein gutes Defensivverhalten und ist für jede Offensive eine Bereicherung“, sagt Steffi Jones. Kaum jemand auf der Welt könne ein Spiel so gut lesen.

Davon will sich die Bundestrainerin im Cardiff City Stadium selbst überzeugen, wo das Finale der Women’s Champions League zwischen Olympique Lyon und Paris St. Germain (Donnerstag 20.45 Uhr/ Eurosport) steigt. Marozsan nimmt im Gegensatz zu den EM-Kandidatinnen Pauline Bremer und Josephine Henning beim Titelverteidiger Lyon eine Schlüsselrolle ein und kann überdies das zweite Mal – nach 2015 mit dem 1. FFC Frankfurt in Berlin – die weibliche Königsklasse gewinnen. Geleitet wird der innerfranzösische Showdown übrigens von der designierten Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus.

Eine deutsche Prägung hat auch das französische Topteam erfahren: Kürzlich hat die 73-fache Nationalspieler die Trophäe zur „meilleure joueuse“, zur besten Spielerin der französischen Liga empfangen. Die Fachzeitschrift „L‚Equipe“ veröffentlichte vor dem Pokalfinale gegen PSG (7:6 nach Elfmeterschießen) die Story „Marozsan, c’est pas Morgan“ (Marozsan ist nicht Morgan), in der die These vertreten, dass die deutsche Strategin mit ihrem filigranen Stil inzwischen einen größeren Einfluss besitze als der amerikanische Weltstar Alexis Morgan mit ihrer athletischen Komponente.

Tatsächlich hat nach sieben wechselhaften Jahren beim 1. FFC Frankfurt eine Weiterentwicklung stattgefunden, die nicht alle mehr von der Tochter des ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan erwartet hätten. „Wir können messbare Ergebnisse liefern, dass sie seit ihrem Wechsel nach Frankreich schneller und athletischer geworden ist“, sagt Jones. Die 44-Jährige hat dem wohl größten Talent des deutschen Frauenfußballs rasch die Kapitänsbinde übertragen und damit jenes uneingeschränkte Vertrauen erteilt, das die Edeltechnikerin unter Silvia Neid nicht immer bekam – das sie aber zur vollen Entfaltung benötigt.

Die 25-Jährige gilt als Familienmensch, spielt mannschaftsdienlich – und ist eine, die nicht aufgibt. Speziell bei Auftritten im Nationaltrikot wurde sie häufig extern weniger wertgeschätzt als intern. Wie sehr sich die Nummer zehn inzwischen selbst in der Verantwortung sieht, war jüngst beim Test-Länderspiel gegen Kanada (2:1) zu beobachten: Über die Spielmacherin lief jeder Angriff, sie forderte und verteilte die Bälle. In der Champions League war sie in den acht K.-o.-Partien an acht Toren beteiligt.

Sollte es mit der finalen Krönung klappen, „wäre es wirklich ein großartiges erstes Jahr für mich in Lyon gewesen“, sagt sie. Auch menschlich habe sie der Wechsel nach vorne gebracht. „Ich fühle mich unendlich wohl.“ Lyon bietet ja nicht nur den weltbesten Kader und lukrative Verdienstmöglichkeiten, sondern auch die denkbar größte Unterstützung innerhalb eines Männervereins. Sollten Lyons Fußballerinnen an der Leckwith Road wieder als Europas Königinnen im Konfettiregen jubeln, wäre es das zweite Triple hintereinander perfekt. Und gleichermaßen ein Volltreffer, wie ihn Dzsenifer Marozsan beim Werbedreh schon hinbekommen hat.

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