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Nicht ganz uneitel: Auch im Misserfolg stellte sich Löw in Pose.

Löw- Biografie

Weltkarriere ohne Karriereplan

Über den verschlungenen Weg des Fußball-Bundestrainers Joachim Löw.

Joachim Löw sah nicht wie der Verlierer des Jahres aus, als der 58-Jährige in der Nacht von Freitag auf Samstag bei der Weihnachtsfeier des Deutschen Fußball-Bundes in einem Frankfurter Flughafenhotel breit lächelnd Drinks für die Mitarbeiter mixte, und auch nicht am Sonntagabend, als der Bundestrainer der Preisverleihung der „Sportler des Jahres“ im Rollkragenpullover unterm Jackett in Baden-Baden beiwohnte. Die Lässigkeit ist ihm auch in der Niederlage geblieben. Diese ganz besondere innere Ruhe und Ausgeglichenheit gilt als bedeutender Baustein, der einem zurückhaltenden Jungen aus Südbaden eine Weltkarriere als Fußballtrainer beschert hat. 

Mathias Schneider beschreibt den verschlungenen Weg vom mehrfach gescheiterten Vereinscoach zum Weltmeistertrainer in einer kundigen Biografie, zu deren Ergebnissen ehrlicherweise aber auch gehört: „Wirklich in die Seele lässt Joachim Löw sich ungern blicken.“

So viel ist gleichwohl sicher: „Er liebt einen Schuss Exzentrik, doch er hasst Egozentrik.“ Eine Melange der Coolness und Teamfähigkeit, die seine Weltmeister allseits zu schätzen wussten.
 „Früher oder später“, schließt Schneider sein Buch über einen schwer ergründlichen Menschen auf Seite 334 mit einem Blick in die Zukunft, „wird der richtige Weg ihn schon finden.“

Wohlgemerkt: Der Weg wird Löw finden, nicht dieser seinen Weg. Es ist der letzte Satz in einem gründlich recherchierten Buch, das es verdient hat, noch eilig auf dem Gabentisch für Fußballfans zu landen. Auch für solche, die in diesem Sommer herb enttäuscht wurden vom DFB-Team und seinem Chefcoach. Der letzte Satz in dem Psychogramm sagt viel über einen Mann, dessen Karriere alles andere als vorbestimmt war und der fast schon im Abseits vergessen schien.

Noch im Januar 2003 erscheint auf einer der letzten Seiten im Fachblatt „Kicker“ ein Interview. „Schon der Titel“, schreibt Schneider „sprach Bände“: „Hallo Joachim Löw, was machen Sie eigentlich?“ Der spätere Bundestrainer ist zu diesem Zeitpunkt mal wieder ohne Job, erst nach einem Jahr Auszeit soll Löw im Juni 2003 Trainer von Austria Wien und neun Monate später nach einer 0:2-Niederlage gegen Schlusslicht FC Kärnten bereits wieder beurlaubt werden. Wenn so einer drei Jahre später Bundestrainer wird, kann wohl kaum von einem schlüssigen Karriereplan die Rede sein. 

Schneider hat sich kreuz und quer durchs Land und durch halb Europa aufgemacht, um mit zahllosen Wegbegleitern die Wurzeln eines ungewöhnlichen Werdegangs auszugraben. Der erfahrene „Stern“-Reporter und jahrzehntelanger journalistische Begleiter der Nationalmannschaft beschreibt Löw als einen Mann, der nie machtvoll an die Spitze strebte und es dennoch genau dahin brachte. Der Aufstieg des Sohnes eines Ofensetzers aus dem südbadischen Schönau zum Trainer des Weltmeisters 2014, dessen Vermächtnis sich vier Tage zuvor beim 7:1 in Belo Horizonte gegen Gastgeber Brasilien tief ins kollektive Fußball-Gedächtnis geprägt hat, erklärt sich auch aus dieser Gelassenheit. 

Eine Gelassenheit, die aber zunehmend Gefahr lief, in Überheblichkeit zu münden. Schneider hat erkannt, dass schon nach dem Scheitern im EM-Halbfinale 2016 gegen Frankreich in Löws „Analyse in jener Nacht bereits eine Selbstüberzeugung“ herauszuhören war, „die sich später als Teil des Saatgutes für den Niedergang 2018 herausstellen sollte“. Die „Umbewertung der Figur Löw“, so der Hamburger Autor, erfolgte nach dem blamablen Aus gegen Südkorea prompt: „Vieles von dem, was zehn Jahre als unverschämt lässig gepriesen wurde, verkam nun zum Zeichen von Überheblichkeit.“ 

Die Wochen des Sommers 2018 werden gegen den Erfolg vier Jahre zuvor gespiegelt, und Schneider zieht ein Fazit, das verdächtig der Beschreibung eines Ex-Bundestrainers Joachim Löw ähnelt: „Er wirkt wie ein Mann, der nicht mehr getroffen werden kann. Die großen Kapitel seiner Bundestrainergeschichte sind geschrieben, ganz oben und ganz unten ist er nun gewesen.“ 

Kritik prallt an ihm ab

Aber Bundestrainer ist Joachim Löw dennoch nach wie vor, wohl auch deshalb, weil er sich mit seiner Art der emphatischen Menschenführung und Sozialkompetenz nicht abgenutzt hat, wiewohl, analysiert Schneider, „die Lautstärke der Kritik an seiner Person gefährlich zugenommen“ habe. Der Trainer habe „seine Elf nicht emotionalisieren können in einem Turnier der Emotionen“. Löw nimmt das laute Murren, man weiß das inzwischen und hat es kaum anders erwartet, mit der ihm eigenen Nonchalance zur Kenntnis. Das Erscheinen und den Inhalt dieser Biografie vermutlich auch. 

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