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Manuel Neuer gibt sich bei der PK optimistisch.
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Manuel Neuer gibt sich bei der PK optimistisch.

Kommentar

Welke Weltmeister

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Bei aller Enttäuschung über den missratenen WM-Auftakt: Dass sich Mannschaft und Trainerteam in einem Krisentreffen der offenen Aussprache stellten, weist in die richtige Richtung. Ein Kommentar.

Die medialen Aufgeregtheiten um die Nationalmannschaft nehmen seit Tagen das bei einer Fußballweltmeisterschaft routinierte Übermaß an. Die „Bild“-Zeitung entblödet sich nicht, Lothar Matthäus vorzuschicken, um Mesut Özil in das zu schicken, was man in der Indianersprache die „ewigen Jagdgründe“ nennt. Dazu passt das Tiefstniveau eines Mario Basler, der Özil in der Sendung „Hart aber fair“ die Körpersprache eines „toten Frosches“ unterstellt. Dafür hätte es Plasbergs Diskussionsrunde aus dieser Woche verdient, nachträglich in „Blöd, aber Basler“ umgetitelt zu werden. 

Wenn der Furor der Untoten aus verblichenen Fußballtagen nicht so derart perfide wäre, ausgerechnet jetzt auf denjenigen einzutrampeln wie eine in Panik geratene Elefantenherde, der ohnehin am Boden liegt, könnte man kommentarlos drüber hinweggehen, dass die Zombies so einen Stuss verbreiten. Das Dumme ist nur: Sie tun das in Medien mit einer großen Meinungsmacht und treffen dabei gezielt niedere Instinkte in einem Klangraum, aus dem man die Menschen besser rausholen als noch reintreiben sollte. 

Zuvor war „Bild“ glücklicherweise mit dem Versuch gescheitert, Julian Brandt dafür zu dissen, weil dieser nach der Niederlage gegen Mexiko einem jungen Fan dessen Wunsch auf ein Selfie erfüllt hatte. Eine nette Geste vom Blondschopf Brandt, der sich sein aufgeräumtes Wesen nicht durch derartig dämliche Kampagnen kaputt machen lassen sollte. Gut nur, dass der jüngste Spieler im deutschen Kader danach viel Verteidigung in den sozialen Netzwerken erfuhr. 

Andere Blätter fordern in der allgemein um sich greifenden Hysterie, Joshua Kimmich müsste vom Bundestrainer ins zentrale Mittelfeld gezogen werden, auch um ein Zeichen der Erneuerung zu setzen. Dabei hat der kleine Kimmich die gesamte vergangene Saison auf dem rechten Außenverteidigerposition verbracht und aktuell also gar keine Matchpraxis im Zentrum. Zudem gehörte er zu jenen negativ auffälligen Spielern gegen Mexiko, die sich taktisch besonders unklug verhielten. Weshalb nun ausgerechnet so einer noch befördert werden soll, bleibt, erst recht angesichts der Kopfballstärke des nächsten Gegners Schweden, wenig nachvollziehbar. 

Der „willkommene Tapetenwechsel“ (Kapitän Neuer) vom abgelegenen Watutinki ins pulsierende Urlauberparadies nach Sotschi mag zur rechten Zeit kommen. Er zeigt den deutschen Spielern aber auch, was sie für viele Wochen verpassen bei dieser WM. In Sotschi öffnen sich Herzen, die in Watutinki verschlossen bleiben. Nicht auszudenken, was dort los wäre, würde Deutschland am Samstagabend ausscheiden und dann nächtens in den Birkenwald nach Watutinki zurückkehren müssen. Ein Zechgelage – wie noch nach dem Desaster bei der EM 2000, als die Herren Babbel, Linke, Jeremies, Matthäus, Nowotny, Scholl, Ziege und Konsorten es auf der Terrasse des Teamhotels in Vaals bei Liedgut von „Anton aus Tirol“ laufen ließen – dürfte es mit dieser Mannschaft kaum geben. Eher Mineralwasser ohne Kohlensäure nach einem Vollbad in der Eistonne. 

Aber es ist ja ohnehin noch zu früh für derartig eisige Aussichten. Zumal die Atmosphäre am Schwarzen Meer genau das Gegenteil erspüren lässt. Vielleicht wird eines Tages nicht vom „Geist von Watutinki“ gesprochen, wenn der Turnaround im DFB-Team im Sommer 2018 beschrieben wird, sondern vom „Zauber von Sotschi“. Zu blöd nur, dass Manager Oliver Bierhoff jetzt nicht mehr eilig umbuchen kann. 

Bei aller Enttäuschung über den missratenen WM-Auftakt: Dass sich Mannschaft und Trainerteam in einem Krisentreffen der offenen Aussprache stellten, weist in die richtige Richtung. Und auch die Tatsache, dass niemand im DFB versucht hat, das möglicherweise reinigende Gewitter unter dem Birkenwald in Watutinki leise auslaufen zu lassen, sondern offen über Kapitän Manuel Neuer zu kommunizieren, zeugt von Realitätssinn, den man bei der mit hohlem Marketingsprech überladenen „Mannschaft“ nicht immer auffindet. Die Slogans „Best never rest“, „#Zsmm“, „Here to create“ finden wahrscheinlich nur die Agenturen gut, die sich den Unsinn ausgedacht haben. 

Alle Augen auf Löw

Der Druck vor der Partie gegen Schweden könnte nun größer nicht sein. Eine Niederlage zum WM-Start ist diese Generation nicht gewöhnt, Zittern bis zum Ende der Vorrunde allerdings schon. 2010 musste die Partie gegen Ghana in Soccer City eine Entscheidung bringen. Mesut Özil (!) traf aus 18 Metern zum entscheidenden 1:0 und bereitete so die Saat für die aufblühenden Weltmeister 2014, die nun welk wirken. Seinerzeit in Südafrika wollte der Teampsychologe Hans-Dieter Hermann im Vorfeld glauben machen, die Stimmung sei heiter. Es war nur eine Beruhigungspille. Denn später räumte der Fachmann ein, dass der Druck fast unerträglich gewesen war. 

Auch der Bundestrainer dürfte in diesen Tagen am Schwarzen Meer zu spüren bekommen, dass der Ruhm eines Weltmeistercoaches einen nicht davor schützt, die Last des Gewinnenmüssens schwer wie einen Panzer sowjetischer Bauart auf den breiten Schultern zu spüren. Das Szenario für ein unrühmliches Ausscheiden mit einer Niederlage gegen Schweden ist nach Stand der Dinge zwar unwahrscheinlich, umso wahrscheinlicher ist jedoch, dass Löw für diesen Fall persönliche Konsequenzen ziehen würde: den sofortigen Rücktritt. Es wäre, so schmerzlich sie für den 58-Jährigen auch sein dürfte, die logische Reaktion. Sein Lebenswerk, die Entwicklung eines Teams, das ein ganzes Jahrzehnt im Weltfußball prägte, bliebe gleichwohl bestehen. Das zählt mehr als ein frühes Aus in Russland. 

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