1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Die WM der weiten Wege

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Eigenwillige Konstruktion: die Hintertortribüne des Zentralstadions in Jekaterinburg.
Eigenwillige Konstruktion: die Hintertortribüne des Zentralstadions in Jekaterinburg. © dpa

Russland wird reisetechnisch zur Herausforderung für alle Protagonisten ? Fans müssen sich auf Abenteuer mit ungewissem Ausgang einstellen.

Die Erinnerung an die Schwarz-Weiß-Bilder manch verblasster (Fußball-)Epoche war unvermeidlich, als der Weltverband Fifa dieser Tage das offizielle Poster präsentierte, das zur WM 2018 (14. Juni bis 15. Juli) die Metro in Moskau zieren wird: ein hagerer Tormann mit schwarzen Stutzen, schwarzer Hose, schwarzem Shirt und schwarzer Kappe. In seiner linken Pranke ein Spielgerät aus echtem Leder. Mit dem Konterfei wird des legendären Lew Jaschin gedacht; jenes russischen Torwarts, der nicht nur vier WM-Turniere (1958, 1962, 1966 und 1970) spielte, sondern mit seinem erhabenen Stil auch weltweite Nachahmer fand. 

Im Fifa-Pressetext heißt es zudem, die Symbolik leite auf Russlands historische Erfolge bei der Eroberung des Weltraums über. Darauf muss man erst mal kommen, denn eher würde man doch sagen: Mehr Retro geht kaum. Ankündigungsplakate auf die von Jaschin geprägten Weltmeisterschaften sahen vermutlich nicht viel anders aus. 

Kein Aufbruch in die Moderne

Vielleicht dient das Konterfei des Keepers nur als Zeichen, dass von der WM 2018 kein Aufbruch in die Moderne ausgeht. Und die Reise ins Riesenreich eine gewisse Anpassung an Raum und Zeit erfordert. Weil eine Bahnfahrt zwischen zwei Städten, die keine 500 Kilometer voneinander entfernt liegen, schon mal acht, neun Stunden dauert, und die Gäste in Sechserabteilen auf ihren Pritschen vor sich hindösen, weil der Zug an einem unbekannten Unterwegsbahnhof mal wieder eine halbe Stunde lang angehalten hat.

Das Gastgeberland steht eben für andere Gepflogenheiten. „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land“, sagte Fjodor Tjutschew bereits im Jahre 1866. Das Bonmot des Dichters und Diplomaten, der sich in eine Münchnerin verliebte und später Verse von Heinrich Heine und Friedrich Schiller übersetzte, beschreibt bis heute den Nationalcharakter treffend, sagen selbst Einheimische, die in New York, London oder Frankfurt ihren Lebensmittelpunkt haben. 

Viele von ihnen strotzen vor Hilfsbereitschaft, wenn es darum geht, ihre Heimat einem Ausländer näherzubringen. Auch wenn sie keine Erklärung haben, warum beispielsweise zwischen Kasan und Samara keine Direktflüge angeboten werden. Sondern nur absurde Umsteigeflüge mit mehrstündigem Zwischenhalt in Moskau oder St. Petersburg. Das wäre etwa so, als würden Flüge zwischen Frankfurt und München mit Zwischenstopp in Madrid oder Barcelona geleitet. Kasan und Samara sind stolze Städte mit 1,2 Millionen Einwohnern, Leuchttürme ihrer Region. Ob die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot wirklich noch Abhilfe schafft? Selbst die unter Fifa-Obhut tätige Agentur Match, die Unterkünfte in großem Stil zu stolzen Preisen vermittelt, reagiert mit Schulterzucken. 

Die elf Spielorte liegen weit voneinander entfernt – sollten aber irgendwie doch miteinander verknüpft werden. Wer sich nur auf Moskau und seinen Großraum mit zwölf Millionen Einwohnern, den Kreml, die Arena von Spartak Moskau und das renovierte Luschniki-Stadion beschränkt, bekommt die Vielfalt des Turniers gewiss nicht mit. Ganz im Süden ist der Badeort Sotschi eingebunden, der durch die Olympischen Winterspiele 2014 und als Basis der deutschen Confed-Cup-Mission größere Bekanntheit erlangte.

Hinauf in den Norden bis in die betörende und an lauen Sommertagen von Touristen teils schon überlaufene Zarenstadt St. Petersburg, das frühere Leningrad, sind es knapp 2000 Kilometer. Wegen seiner vielen Kanäle und seines schönen Ambientes wird die zweitgrößte Stadt Russlands auch das „Venedig des Nordens“ genannt. 

Der Spielplan wird dafür sorgen, dass die WM-Touristen zwangsläufig den Rest des Landes erkunden: Nischni Nowgorod, die Stadt an der Mündung der Oka in die Wolga, eine frühere Handelsdrehscheibe. Rostow am Don, das Tor zum Kaukasus, mit engen Verbindungen in die Ukraine und zu den prorussischen Separatisten. Wolgograd, der Verkehrsknotenpunkt am Unterlauf der Wolga, das frühere Stalingrad, eine bis 1961 völlig zerstörte Stadt, die mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte für immer verbunden sein wird. Saransk, die Wahlheimat des französischen Schauspielers Gérard Depardieu, mit nur 344.000 Einwohnern der kleinste Spielort und mit bescheidener Infrastruktur.

Es zeichnet sich ab, dass diese WM vor allem reisetechnisch ein echtes Abenteuer wird. Aber galt für Brasilien 2014 nicht dasselbe? Und offenbar schreckt es viele Anhänger nicht: Vor der Auslosung sind 750 000 Tickets abgesetzt, knapp die Hälfte davon ging ins Ausland, vor allem in die USA, Brasilien, Deutschland, Mexiko, Israel, Argentinien, Australien und England. Am Freitag haben alle Klarheit, wer wann wo spielt – dann startet auch die Verkaufsphase für die Teamtickets. Obwohl das Turnier um die Weiten Sibiriens einen Bogen macht, wird Russland an die Teilnehmer und ihre Gefolgschaft nochmals eine besondere Herausforderung stellen. Zwischen Kaliningrad, dem früheren Königsberg, als Anlaufpunkt an der Ostsee und Jekaterinburg an der Grenze zu Asien liegen eben in Ost-West-Richtung auch noch einmal 2500 Flugkilometer. 

Alles nur ein visueller Effekt

Apropos Jekaterinburg: Bemerkenswertes geschah im Herzen der Heimatstadt von Boris Jelzin beim Stadionumbau. Ein besonderes Bauteil sorgte für Verwunderung. Die beiden 45 Meter hohen Hintertortribünen wurden in das denkmalgeschützte Zentralstadion mit seiner antik anmutenden Außenfassade integriert, doch ein Anbau überragt die Außenwände des Stadions und das Dach augenscheinlich um einige Meter.

„Glückliche Besitzer von Eintrittskarten für diese Sektoren werden eine einzigartige Gelegenheit haben, den Rand des Daches im Detail zu studieren. Es wird schwierig sein, zu sehen, was auf dem Spielfeld passiert“, kritisiert ein Stadtbewohner. Eine Sprecherin des Gouverneurs der Region Swerdlowsk widersprach umgehend: Alles nur ein visueller Effekt, hieß es beschwichtigend. Darin sind viele Institutionen ohnehin Weltmeister: im Abwiegeln.

Mit der eigenwilligen Konstruktion ist zumindest sichergestellt, dass die Mindestkapazität von 35 000 Plätzen erfüllt wird. Und wer weiß: Vielleicht ist es auch nur das sichtbare Zeichen, dass in Russland im nächsten Sommer keine genormte Veranstaltung stattfindet.  (mit dpa/sid)

Auch interessant

Kommentare