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Wie so oft im Hinspiel: Wehens Nicklas Shipnoski (li.) ist gegen Ingolstadts Paulo Otavio zu spät dran.

SV Wehen Wiesbaden

Psychologisch wertvoll

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Ein spätes Tor lässt den SV Wehen an den Aufstieg in Liga zwei glauben, doch auch in Ingolstadt sind die Sinne geschärft

Die finale Aufgabenstellung einer langen Saison ist eindeutig, nichts anderes als ein Auswärtssieg wird verlangt, zumindest riefen das die Fans des SV Wehen Wiesbaden den Spielern des SV Wehen Wiesbaden am Freitagabend entgegen. Als die drittklassigen Berufsfußballer nach der 1:2-Heimniederlage im Relegationshinspiel zur zweiten Liga gegen den FC Ingolstadt vor ihre Anhängerschaft trotteten, die Köpfe gesenkt, die Körper sichtbar kaputt, die Hände gerade noch pflichtbewusst klatschend in die Höhe gehoben, da benötigten sie ein wenig Aufmunterung von ihren Treuesten der Treuen. Und sie bekamen sie.

Die Anhängerschaft, die schon vor dem Spiel ein Plakat entrollt hatte („Zweite Liga soll es sein – SV Wehen Taunusstein“), erwiderte die Klatscher ihrer kickenden Jungs. Das schien anzukommen. „Wir geben erst auf, wenn es vorbei ist“, sagte zum Beispiel der Wehener Trainer Rüdiger Rehm kämpferisch, kurz nachdem er seine Mannschaft auf dem Spielfeld in einem Kreis versammelt und ihr Mut zugesprochen hatte.

Und tatsächlich, aufzugeben wäre gewiss die falsche Option, die die Wehener für das Rückspiel beim Zweitligisten am Dienstag (18.15 Uhr/ZDF) wählen könnten. Viel eher sollten sie versuchen, die Chance zu ergreifen, die der 1:2-Anschlusstreffer in der sechsten Minute der Nachspielzeit von Stürmer Daniel-Kofi Kyereh ihnen einbrachte. Durch dieses späte Tor, eher durch Willen erzwungen, denn durch fußballerisches Vermögen erspielt, ist der Aufstieg in die Zweite Liga sicher noch möglich. Psychologisch war es jedenfalls eminent wichtig. Wenngleich sich die Hessen in Bayern steigern müssen, um gegen die individuell stärker besetzten Gastgeber den Bock doch noch umzustoßen. „Der Fußball ist verrückt, da ist alles möglich“, sagte Rehm: „Wir sind auswärts zu allem imstande, müssen aber einen Tick effektiver werden.“

Schäffler-Einsatz fraglich

Was der Fußballlehrer damit meint: Nur mit Kampf, Willen und Leidenschaft wird es nicht gehen, das wird nicht reichen gegen die abgebrühten Schanzer, die zwar insgesamt eine katastrophale Saison in der zweiten Liga hinter sich haben, seit der Ankunft von Trainer Tomas Oral Anfang April aber plötzlich punkteten wie ein Aufstiegskandidat. Der in Frankfurt seit einigen Jahren sesshafte Oral hob den FCI binnen kürzester Zeit auf ein höheres Niveau – im Grunde durch zwei entscheidende Kniffe: Zum einen wies er seine Mannschaft verbal stets darauf hin, was sie fußballerisch alles drauf hat, und das ist gar nicht mal so wenig im Zweitligavergleich. Zum anderen baute er das Spielsystem um und setzte konsequent auf zwei Stürmer, den langen Stefan Kutschke und den kleineren Dario Lezcano an dessen Seite.

Lezcano war dann auch in Wiesbaden mit seinen beiden Toren der entscheidende Mann auf dem Rasen. Der 28-Jährige, einst ja schon in der Bundesliga kein ganz schlechter, war von der Wehener Hintermannschaft nie richtig zu bremsen. Gerade der großgewachsene Innenverteidiger Sascha Mockenhaupt stolperte ein ums andere Mal bedenklich herum. Auch fand Rechtsverteidiger Moritz Kuhn, sonst so etwas wie der Schlüsselspieler in Reihen der Wehener, weil er ständig auf seiner Außenbahn vor und zurück marschiert, hinten den Laden dich hält und vorne den Laden öffnet, nie so richtig in die Partie hinein. Er hatte defensiv mit dem Ex-Frankfurter Sonny Kittel so viel zu tun, dass der eigene Offensivdrang litt. Die Folge: Die beste Offensivmaschinerie der dritten Liga stotterte, Top-Torjäger Manuel Schäffler hatte nur einen Abschluss, als er den Ball per Fallrückzieher über den Kasten setzte. 20 Minuten vor dem Ende musste der 30-Jährige zu allem Überfluss noch angeschlagen ausgewechselt werden, er hatte sich vorher schon einige Zeit mit dick eingewickeltem Oberschenkel über den Rasen geschleppt. „Der Muskel hat zugemacht“, sagte Rehm. Einsatz ungewiss.

Und dennoch hangelten sich die Wehener Beteiligten mit Blick auf Dienstag an der Aufgabenstellung ihrer Fans entlang, der Auswärtssieg soll es definitiv sein. „Das späte Tor gibt uns Auftrieb“, sagte etwa Keeper Markus Kolke. „Das Tor hat gezeigt, dass wir leben“, ergänzte sein Sportdirektor Christian Hock.

Blöd nur, zumindest aus Wehener Sicht, dass sie jenen Treffer auch in Ingolstadt psychologisch gar nicht mal so schlecht fanden. Tomas Oral jedenfalls, der sich über die tatsächlich zu lang anmutende Nachspielzeit fuchsteufelswild echauffiert hatte, erklärte seelenruhig: „Die Unachtsamkeit ist ärgerlich, schärft aber unsere Sinne für Dienstag. Wir werden konzentriert bleiben.“

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