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WM in Katar: Wegducken verboten

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Von: Jan Christian Müller

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Nicht unsere WM. Kritiker diskutieren mit Arbeitern vor Ort. Foto: AP
Nicht unsere WM. Kritiker diskutieren mit Arbeitern vor Ort. Foto: AP © AP

Debatte zur WM in Katar in Frankfurt mit Arbeitern aus Nepal und Kenia. Kritiker wünschen sich kreative Proteste beim Torjubel.

Auf ihrer zehnteiligen Veranstaltungstour „WM in Katar - Foulspiel mit System“ durch Deutschland haben migrantische Arbeiter aus Nepal und Kenia am Samstag Station in Frankfurt gemacht. Im Haus am Dom waren rund 80 Gäste gekommen, um der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und mehreren Fanorganisationen organisierten Podiumsdiskussion beizuwohnen, die gleichzeitig live gestreamt wurde. Es diskutierten auch ARD-Reporter Benjamin Best, einer der profiliertesten Rechercheure zur bevorstehenden Weltmeisterschaft, und der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Andreas Rettig, einer der schärfsten Kritiker des Turniers.

Rettig sagte in Richtung des Deutschen Fußball-Bundes: „Die Zeit des Wegduckens ist vorbei. Das kann sich kein DFB-Präsident mehr leisten.“ Er sei „sehr optimistisch“, dass der seit März amtierende Verbandschef Bernd Neuendorf das verstanden habe. Von den Spielern würde er sich auch symbolkräftige non-verbale Statements wünschen, etwa einen „kreativen Protest“ beim Torjubel, denn: „Die Macht der Bilder darf man nicht unterschätzen.“

Benjamin Best kritisierte, dass neue Arbeitsschutzgesetze in Katar „von den Unternehmen oft nicht angewendet werden“, weil „die Strafen nicht hoch genug“ seien. Der profilierte Journalist glaubt aber auch, die jüngere Bevölkerung in Katar sei sich „bewusst, wie mit Gastarbeitern umgegangen wird“. Das sei eine Chance für die Zukunft nach der WM, wenn das Emirat nicht mehr im Fokus der Welt steht.

Die Fifa ist gefordert

„Werden wir diesen Druck aufrecht erhalten können?“ Katja Müller-Fahlbusch von Amnesty International äußerte sich „sehr, sehr skeptisch“. Sie glaubt, „Echokammern gehen verloren, die gebraucht werden“, weitere Reformen im autokratisch geführten Scheichtum nach Turnierende seien deshalb nicht zu erwarten. Allerdings sieht die Expertin auch eine Chance, sollte ein auch vom DFB gefordertes Entschädigungsprogramm für verletzte oder verstorbene Arbeiter:innen durchgesetzt werden können. Denn dann könnte die Fifa die Situation „nicht vergessen“, sondern müsste Verantwortung „über Jahre und Jahrzehnte“ übernehmen: „Das wäre ein Mammutprozess. Wir setzen darauf, dass der DFB sich weiter bei der Fifa dafür stark macht.“ Sportswashing, wie von Katar betrieben, funktioniere „nur dann, wenn es keine Gegenöffentlichkeit gibt“. Insoweit ist der Plan des Emirats, sich durch die Fußball-WM ein besseres Image in der Welt zu verabreichen, vermutlich schon gescheitert.

In Isolationshaft

Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen verlangen einen 440-Millionen-Dollar-Topf für Entschädigungszahlungen. Peanuts im Vergleich zum zu erwartenden Fifa-Gewinn von rund 6,5 Milliarden Dollar und zur Gesamt-Investition von rund 145 Milliarden Euro für das Wüstenturnier durch Ausrichter Katar.

Der Frankfurter Fanvertreter Dario Minden von „Unsere Kurve“ forderte „den Sport auf, Rückgrat zu entwickeln“ und nicht jeden blutigen Dollar anzunehmen, um Umsatz und Gewinn zu steigern.

Der Menschenrechtsaktivist Malcolm Bidali berichtete über die eigenen Erfahrungen zu bescheidenen Lebensbedingungen für Arbeitsemigrant:innen in Katar. Der Kenianer war 2021 zwischenzeitlich in Gewahrsam genommen worden, nachdem er in einem Blog kritisch über die Situation vor Ort berichtet hatte. Er befand sich eigenen Angaben zufolge einen Monat lang gar in Isolationshaft. Gegen eine Geldstrafe kam er frei und konnte ausreisen. Bidali setzt darauf, dass weiter Druck aus Deutschland kommt: „Ihr Deutschen habt die Kraft, das Thema groß zu halten und noch größer zu machen.“

Seine große Furcht ist aber: „Ich denke, nach der WM fliegen die Fußballspieler zurück, und dann geht alles wieder weiter, wie es vorher war.“

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