+
Das war nix: Joshua Kimmich (links) mit denkbar matter Leistung, hier gegen den Österreicher Peter Zulj.

Österreich - Deutschland

Der Weckruf vom Wörthersee

  • schließen

Die deutsche Nationalmannschaft sollte aus dem schlechten Auftritt gegen Österreich die richtigen Schlüsse ziehen .

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) scheut keine Kosten und Mühen, um seine Spieler und ihre Gefolgschaft auf schnellstem Wege von A nach B zu bringen. Der deutschen Nationalmannschaft nach dem missratenen Länderspiel in Österreich (1:2) die 300 Kilometer Fahrt von Klagenfurt am Wörthersee bis in die Gemeinde Eppan in Südtirol zu ersparen und stattdessen diesen schönen Teil der Alpen mit einem Charter auf dem Luftwege zu überbrücken, war im Nachhinein eine sehr weitsichtige Entscheidung: Im monströsen Mannschaftsbus hätte sich bei zahllosen Kurven und Kreisverkehren vermutlich in der Nacht der nächste Magen umgedreht, nachdem zuvor beseelte österreichische Kicker behäbige deutsche Weltmeister teilweise schwindlig gespielt hatten. 

Wann ist die Mannschaft so am Nasenring durch die Manege gezogen worden wie bei dem wegen eines Unwetters erst mit 100 Minuten Verzögerung angepfiffenen 40. Nachbarschaftsduells im Wörtherseestadion? „Ich ärgere mich, aber nicht über die Niederlage, sondern mehr über das Wie“, meckerte Joachim Löw. „Wir haben so viele Bälle verloren, das habe ich selten erlebt.“ Der Bundestrainer beklagte „Konzentrationsmängel und Schlampigkeit“ und sagte: „Wenn wir so spielen, haben wir keine Chance.“ Sein ehemaliger Stuttgarter Zögling Franco Foda nutzte die Nachlässigkeiten zu einem historischen Triumph – dem ersten seit 32 Jahren gegen Deutschland.
Gefühlt ganz Österreich drehte mit den Torschützen Martin Hinteregger und Alessandro Schöpf im rot-weiß-roten Rausch eine lange Ehrenrunde, während aus der schwarz-rot-goldenen Generation alleine Kapitän Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leroy Sané und Julian Brandt sich bei den mitgereisten Unterstützern bedankten. Auch in dieser Hinsicht blieb kein harmonischer Gesamteindruck haften. Erst am Sonntag beim Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel schlossen sich im DFB-Hotel Weinegg in Girlan wieder die Reihen, die für die Mission Titelverteidigung in Russland besser nie mehr so auseinanderdriften wie am Samstag. 

Die fehlende Widerstandskraft – auch bei den anfangs von einigen Fans ausgepfiffenen Ilkay Gündogan und Torschütze Mesut Özil zu besichtigen – muss auf die Agenda, auch wenn Löw für den Rest des Trainingslagers noch keine Maßnahmen ankündigte. „Verändern wird es die Vorbereitung von den Inhalten her nicht.“

Mutmaßlich wird der 58-Jährige das finale Testspiel gegen Saudi-Arabien am Freitag in Leverkusen nutzen, um die auch zum WM-Start gegen Mexiko (17. Juni) in Moskau angedachte Elf zu bringen. „Ich bin überzeugt, in zwei Wochen wird die Mannschaft ganz anders präpariert sein. Das lässt mich jetzt keine schlaflosen Nächte verbringen. Das kriegen wir hin, keine Sorge.“
Dass der Weckruf vom Wörthersee dieselbe reinigende Wirkung hat wie die fast täglichen Gewitter fürs Klima der Kärntner Urlaubsregion – darauf setzen die Protagonisten. „Wir gewinnen die nächsten acht Spiele – dann ist alles wieder gut“, versuchte sich Ersatzkapitän Sami Khedira bereits in Galgenhumor. 

Der 31-Jährige hatte sich in Abwesenheit geschonter Führungskräfte wie Thomas Müller, Toni Kroos, Mats Hummels und Jerome Boateng trotz der Verspätung die meiste Zeit zur Analyse genommen. Seine Quintessenz: „Ich glaube, wir brauchen keinen Warnschuss, um zu wissen, wie wichtig dieses Turnier für uns ist und welche Ziele wir verfolgen.“ 

Der zur Pause ausgewechselte und dann prompt schmerzlich vermisste Mittelfeldspieler merkte noch an: „Wir waren nicht ganz so frisch, aber trotzdem müssen wir das besser zu Ende spielen. Das hat auch was mit Konzentration und Zielstrebigkeit zu tun.“

Zu Nachlässigkeit und Spannungsabfall der Spieler wirken sich mitunter auch Experimentierfreude und Wechselspiele des Bundestrainers negativ aus. Schon in den Länderspielen gegen Frankreich (2:2), Spanien (1:1) und Brasilien (0:1) kam der Eindruck auf, dass der zweite Anzug nicht richtig sitzt, auch wenn der Sieg vom Confed-Cup das Personaltableau gewiss verbreitert hat. Nicht jeder allerdings ist deswegen gleich ein titeltauglicher WM-Teilnehmer. Marvin Plattenhardt durfte gegen Österreich nicht eine Minute mitwirken, obwohl Linksverteidiger Jonas Hector an beiden Gegentoren eine gehörige Mitschuld trug. 

Die deutsche Mängelliste zog sich von rechts – wo auch Kimmich eine immense Fehlerhäufung verzeichnete – bis links, von hinten bis vorne, wo Nils Petersen zwar glücklich über sein Debüt war („Ich habe es drei, vier Stunden vorher erfahren, das hat mich gefreut – und kam für mich überraschend“), aber nur wenig Werbung in eigener Sache anstellte. 

Am krassesten versagten zwei zentrale Figuren, die beim Härtetest – anders als Torwart Neuer (siehe Bericht auf nächster Seite) – durchfielen: Antonio Rüdiger in der Abwehr und Sebastian Rudy im Mittelfeld wirkten so desorientiert wie Südtiroler Wanderer, denen Scherzbolde einen Magnet vor den Kompass halten und sich deshalb bereits auf kurzem Wege von A nach B verirren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion