Muss in Bremen bleiben und darf nicht reisen: der US-amerikanische Nationalspieler Josh Sargent.
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Muss in Bremen bleiben und darf nicht reisen: der US-amerikanische Nationalspieler Josh Sargent.

Kommentar

Was will Finke?

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Länderspielabstellungen waren schon in Zeiten ohne Pandemie ein emotionales Thema, von welcher Seite man es auch betrachtet - jetzt ist es ein ganz heißes Thema. Ein Kommentar.

Volker Finke hatte genug. Sein wichtigster Spieler, Zoubaier Baya, war verletzt vom Afrika-Cup zurückgekommen, also stellte die Trainerlegende des SC Freiburg den Tunesier im Jahr 2000 vor die Wahl: Entweder Baya würde aus dem Nationalteam zurücktreten, oder aber er hätte keine Zukunft mehr beim Fußball-Bundesligisten. „Das Herz sagte: ‚Du bleibst in Freiburg‘, der Stolz sagte: ‚Was will Finke? Das ist nicht normal, dass er von dir verlangt, dass du die Nationalmannschaft verlässt. Die tunesischen Medien werden dich als Verräter abstempeln‘“, erzählte Baya neulich in einer Rückblende des SWR.

Die südbadisch-nordafrikanische Anekdote zeigt: Länderspielabstellungen waren schon in Zeiten ohne Pandemie ein emotionales Thema, von welcher Seite man es auch betrachtet. Die Spieler wollen unbedingt für ihre Landesfarben auflaufen, die Trainer und Vereine treibt stets die Sorge um, dass ihre Angestellten demoliert zurückkehren, im besten Fall nur erschöpft von der Reiserei, im schlechtesten Fall verletzt. Oder jetzt halt: infiziert.

Länderspiele als Dilemma

Natürlich hat Corona auch das Thema Abstellungen flächendeckend in Beschlag genommen. Der Fußball-Weltverband Fifa hat bereits sein Reglement angepasst, sodass zumindest mal bis Jahresende keine Abstellungspflicht für Partien in Corona-Risikogebiete besteht, wenn einem Spieler nach der Rückkehr unabhängig vom Testergebnis eine fünftägige Quarantäne droht – wie zum Beispiel in Bremen. Dort hat der SV Werder prompt reagiert und für Profis wie Osako (Japan) und Sargent (USA) entschieden, dass sie in der kommenden Abstellungsperiode in der Hansestadt bleiben. Wie enttäuschend das für die stolzen Profis ist, bedarf keiner Erklärung, aber auch hier hat Corona die Relationen verändert; Sicherheit, wenigstens im Mindestmaß, geht vor. Es hilft ja nichts. Der gesunde Menschenverstand sagt ohnehin, dass Länderspielreisen dieser Tage grundsätzlich nicht zu verantworten sind. Die Verträge sagen: Es muss halt sein.

Der Fußball hat da noch den Vorteil, dass er der Fußball ist, beliebt, unumstößlich im Rampenlicht. Wenn deutsche Handball-Nationalspieler darüber nachdenken, ob sie zur EM-Quali nach Estland fliegen sollen, dann wissen sie, dass ihr Sport auch durch Länderspiele unbedingt sichtbar bleiben muss. Da wird die Risikoabwägung zum großen Dilemma.

Zoubaier Baya entschied sich vor 20 Jahren übrigens für Tunesien und gegen den SC Freiburg. Und sagt: „Ganz ehrlich, ich bereue diese Entscheidung bis heute.“

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