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Was nun Cristiano?

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Von: Thomas Kilchenstein

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Aus und vorbei: Portugal scheidet aus, und was wird nun aus Cristiano Ronaldo?
Aus und vorbei: Portugal scheidet aus, und was wird nun aus Cristiano Ronaldo? © AFP

Der schillernder Starspieler Ronaldo vergisst bittere Tränen über sein Ende und das Aus Portugals.

Man weiß nie bei Cristiano Ronaldo, so weit ist es schon gekommen, wann das echte Leben bei ihm beginnt und die Selbstinszenierung aufhört, oder umgekehrt. Waren die Tränen, die der 37-Jährige beim Gang in die Katakomben in Doha rinnen ließ, echt oder nicht? Er weiß ja, dass jede Bewegung gefilmt wird, der Steadycam-Träger lief ja neben ihm im schlecht ausgeleuchteten Kabinengang, Ronaldo ist immer im Bild, als Ersatzspieler, beim Applaudieren, beim Singen der Hymne, jetzt nach 90 Minuten wie ein Häuflein Elend kauernd auf dem Rasen, dann mit gramgebeugtem Haupt. Dieses Mal waren sie echt, die Tränen, so echt, wie damals 2016, als Portugal Europameister wurde, er mit einer Knieblessur vom Platz getragen wurde, und ein gewisser Eder das Tor schoss. Da war es wieder, dieses nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, diese ewige Sehnsucht nicht stillen zu können – in Portugal als Saudade bekannt.

40 Minuten hatte er Zeit gehabt, seinen Legendenstatus noch ein wenig imposanter zu machen, nur 40 Minuten, weil ihn Fernando Santos, väterlicher Freund und Trainer, (wieder) nicht für die Startformation vorgesehen hatte. Aus sportlicher Sicht nachvollziehbar, sein designierter Nachfolger, der junge Goncalo Ramos, hatte im Achtelfinale die Schweiz mit drei Toren fast im Alleingang zerlegt. Auch da spielte Ronaldo schon keine große Rolle mehr. Aber jetzt, 40 Minuten vor Ultimo, war er gebraucht worden, er musste Portugal retten, Marokko, diese Maurerkönige, führten 1:0 und verteidigten ihr Tor mit Mann, Maus und sehr viel Geschick. Ganz Portugal zerschellte förmlich an dem No-Name-Abwehrblock, erst zwei Minuten vor dem Ende, hatte sich - natürlich - Cristiano Ronaldo die Chance geboten, sein Schuss war gut, doch Torhüter Bono parierte, kurz darauf köpfte sein Freund Pepe mit gebrochenem Arm neben das Tor, Schlusspfiff. Aus und vorbei für Portugal. Und für Cristiano Ronaldo?

Wie es weitergeht mit ihm, ist offen. Als erstes ergoss sich eine Suada an Vorwürfen via Social Media aus fein manikürten Fingern der Lebensgefährtin, später auch der Schwester, über Trainer Santos, wie könne er es nur wagen, den Allergrößten nicht aufzustellen. Folklore im Kosmos von CR7. Ronaldo ist 37, er hat 196 Spiele für sein Land bestritten, eine Partie fehlt ihm, um einen Spieler aus Kuwait zu überflügeln. 118 Tore hat er erzielt. Was passiert, wenn Tränen getrocknet, der Schmerz über das überflüssige Aus bei dieser WM, seiner fünften, gelindert ist?

Wie geht es überhaupt weiter mit dem ewigen Torjäger?

Der Mann, der alles auf diesem Planeten erreicht hat (außer dem WM-Titel), steckt in der Sackgasse. Er hat sich da selbst hinein manövriert. Er ist vereinslos, nachdem er sich mit Manchester United überworfen hat, er hat eigentlich keine Zukunft mehr in der Nationalelf; Coach Santos hat es ihm beizubringen versucht, Ronaldo soll daraufhin mit Abreise aus Katar gedroht haben.

Soll er tatsächlich für irrwitzig viel Geld in Saudi-Arabien weiterspielen? Das wäre unter seinem Niveau. Er will ja immer Rekorde knacken, und noch eine noch nie dagewesene Marke aufstellen, etwa mehr WM-Tore zu schießen als der große Eusebio. Und dafür riskiert er einen haarsträubenden Streit um ein Tor, das Bruno Fernandes geschossen hat. Cristiano Ronaldo kann einfach nicht genug kriegen. Aber genau das, dieses ewige Getriebensein, der Beste, Schönste, Tollste zu werden, ist, was diesen Mann antreibt. Ohne diesen fast unmenschlichen Ehrgeiz wäre der Junge aus Madeira nicht der, der er geworden ist.

Und da ist es das Schwerste zu erkennen, wann die Zeit gekommen ist, eine der spektakulärsten Karrieren würdevoll zu beenden.

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