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Legen sich gegenseitig die Bälle auf: Antoine Griezmann lässt sich von Kylian Mbappé tragen.

Kylian Mbappé

Gedrillter Weltstar

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Warum Kylian Mbappé für den deutschen Fußball nicht beispielhaft ist.

Erst kürzlich hat eine Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mal wieder der Weltmeisternation Frankreich einen Besuch abgestattet. Es ging in die Eliteschule Clairefontaine, und dabei war auch Tobias Haupt, der neue Leiter der DFB-Akademie, für die nach endlosem juristischen Gezerre nun Anfang Mai endlich auf dem Gelände der ehemaligen Frankfurter Galopprennbahn der Spatenstich erfolgt. Der 35-Jährige hat gestaunt, wie rigoros die Franzosen ihre zentrale Talentförderung durchziehen. 60 bis 70 der hoffnungsvollsten Nachwuchskicker aus zwei Jahrgängen werden mit 13 Jahren aus dem ganzen Land zusammengezogen und gesondert erzogen.

Das Konzept heißt „Pré-formation“. Die Talente erhalten eine Vorausbildung in dem Alter, in dem sie motorisch am meisten lernen können. Fünf Tage in der Woche bleiben sie in Clairefontaine, um zu trainieren und in die Schule zu gehen. Der 35 Jahre alte Haupt, Professor für Sportmanagement und Social-Media-Marketing, weiß, dass die deutsche Nachwuchsförderung keine Kopie der französischen werden kann, weil dem die föderalen Strukturen entgegenstehen. Und auch die soziale Prägung der Talente ist anders, weil im Nachbarland viele aus den Banlieues stammen. Sie wittern in einem Waldstück ein ganzes Stück abseits von Paris die Chance ihres Lebens. Die verführerische Großstadt ist hier ziemlich weit weg, aber die Vorbilder sind ihnen seit dem WM-Gewinn noch näher gekommen.

Es ist nämlich genau das System, das Kylian Mbappé durchlaufen hat. Der Angreifer von Paris St. Germain, trainiert von Thomas Tuchel, ist das beste Beispiel, wie Talententwicklung geht. Er begann seine Karriere als Elfjähriger beim AS Bondy, einem Verein im Departement Seine-Saint-Denis, bei dem sein Vater Wilfried bereits als Trainer arbeitete. Deshalb war es ein Leichtes, ihn zu überzeugen, dass der Filius doch in das „L’institut national du football de Clairefontaine“ wechselt. Deren Akademieleiter Jean-Claude Lafargue erklärt gerne, worauf hier Wert gelegt wird. „Wir bringen ihnen bei, sich selbst kennenzulernen und die Signale aus dem Spiel zu erkennen. Und dann wiederholen und wiederholen wir. Damit ein Kind sich daran gewöhnt, ein Problem auf dem Feld ganz alleine zu lösen.“

2013, da war der rasante Dribbler noch keine 15, band die Nachwuchsabteilung des AS Monaco das Ausnahmetalent an sich, nachdem es zuvor Abwerbeversuche des FC Chelsea gegeben haben soll. Mbappé war mit 14 Jahren auf Einladung eines gewissen Zinedine Zidane bei Real Madrid gefolgt, um sein Vorbild Cristiano Ronaldo kennenzulernen. Doch der Teenager ließ sich nicht mehr umstimmen – und spielt zum fürstlichen Jahresgehalt von rund 20 Millionen Euro immer noch in der Heimat.

Mbappé wird immer mehr zum Gesicht der Nationalmannschaft

Mbappé wird immer mehr zum Gesicht seiner Nationalmannschaft. Am Montagabend zeigte der 20-Jährige die nächste Gala. Beim 4:0-Heimsieg in der EM-Qualifikation gegen Island staunten die Menschen im Stade de France mal wieder, wie (gedanken)schnell dieser Ausnahmestürmer ist. Einmal legte ihm Antoine Griezmann die Kugel in den Lauf und trotz eines Stolperers spitzelte er den Ball zum 3:0 ins Tor. Dann machte sein perfekter Hackentrick den Weg für Griezmann zum 4:0 frei. Das Zusammenspiel der beiden funktionierte in Vollendung.

Dass Mbappé nicht mehr in der Champions League antreten kann, nachdem PSG auf abstruse Art im Achtelfinale an Manchester United scheiterte, wird ihn wurmen, weil die Bühne nun wieder den Altbekannten gehört: Ronaldo mit Juventus Turin und Lionel Messi mit dem FC Barcelona. Aber irgendwann wird auch deren Ära enden. Mbappé hat noch viel vor sich. Seine Nationalmannschaft wird so oder so einer der Topfavoriten auf den Gewinn der paneuropäischen EM 2020 sein, auch wenn kurioserweise keine Stadt aus der Grande Nation dabei ist, obwohl die erste Idee vom Franzosen Michel Platini stammt, als dieser noch die Uefa-Geschäfte führte.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig bei dem Potenzial, das der Nationaltrainer Didier Deschamps heute und morgen für seine Auswahl zur Verfügung gestellt bekommt. Haupt hat kürzlich von den französischen Kollegen gehört, dass die Mbappé-Nacheiferer schon Gewehr bei Fuße stehen. Mehrere legitime Erben sollen gerade wieder in Clairefontaine eingezogen sein. Sie werden Tag für das Tag gedrillt. In Frankfurt wird die neue Akademie erst im Sommer 2021 fertig. Frühestens.

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