Leere Ränge, aber wie lange noch?
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Leere Ränge, aber wie lange noch?

In Zeiten von Corona: Wann dürfen die Fans zurück?

Warten auf die ersten Zuschauer

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Frank Hellmann
    Frank Hellmann
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Wenn die Fußball-Bundesliga nach der Sommerpause startet, könnten auch wieder Fans im Stadion sein - doch Probleme sind programmiert.

Wie sehr den Menschen die Teilhabe an einem Fußballspiel fehlt, hat zuletzt der 1. FC Heidenheim erlebt. Klubchef Holger Sanwald war es hochnotpeinlich, dass die Spielerfrauen mit einigen Vereinsangehörigen die kurzen Wege im Stadion auf dem Schlossberg nutzten, um kurzzeitig nicht in den Innenräumen, sondern auf der Tribüne das Relegationsspiel gegen Bremen zu verfolgen. Und das auch noch unter Missachtung der Abstandsregeln. Bilder wie am Montagabend haben verdeutlicht, wie dringend das Publikum auf Präsenz drängt. Aber: Es wird auch in Zukunft nur mit einem geregelten Zugang gehen. Auf der Schwäbischen Ostalb und anderswo.

Das Pilotprojekt hat dazu Borussia Dortmund am letzten Spieltag gegen die TSG Hoffenheim abgehalten. Dabei geht es um ein System der Firma G2K, das über kamerabasierte Funktionen sowohl die Fiebermessung, Maskenerkennung und Personenzählung ermöglicht. In einem vierten Modul könnten sogar die Abstände der Besucher in ausgewählten Tribünenbereichen gemessen werden. Denn es bringt ja nichts, wenn die Fans halbwegs gesittet in die Arenen gelangen, dann aber im Fußballfieber alle Empfehlungen über den Haufen geworfen werden. DFB und DFL haben das Thema, vor allem die Ergebnisse des Dortmunder Tests, bereits intensiv besprochen. Die Wiederzulassung der Zuschauer ist ein heikles Thema - und soll keinesfalls vorab zerredet werden.

RB Leipzig plant konkret, seine Arena mit jedem zweiten Platz – also rund 20 000 Zuschauer – zu befüllen. „Wir haben ein Konzept für Spiele mit Zuschauern für die neue Saison entwickelt und dies mit dem Gesundheitsamt Leipzig diskutiert“, sagt der für die operative Ebene zuständige Geschäftsführer Ulrich Wolter. Gegenwind vom SPD-Dauernörgler und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach kam prompt. „Fußballbundesligaspiele mit Zuschauern halte ich für nicht verantwortbar.“

Gleichwohl war das von vielen Topligen übernommene Hygiene- und Sicherheitskonzept bereits wasserdichter als viele Kritiker angenommen hatten. Heute wie damals geht es wohl um einen gesellschaftlich akzeptablen Weg.

Dass Menschen sich zu nahe kommen, die sich gar nicht kennen, aber dasselbe Interesse eint, wird an vielen Szene-Treffpunkten von Hamburg bis München fast jeden Sommerabend vor den Augen der Polizei geduldet, dient aber nicht als Vorbild für den Bundesliga-Alltag.

Ohne Einschränkungen – und personalisierte Tickets mit fester Zuordnung auf einen Platz – wird es kaum gehen. Dass die kommende Spielzeit Mitte September mit Fans erfolgen soll, steht für Liga-Chef Christian Seifert außer Frage. „Wir versuchen dafür, die Rahmenbedingungen zu schaffen“, sagte der DFL-Geschäftsführer kürzlich, schränkte aber gleichzeitig ein: „Die nächste Saison, die im Idealfall wieder geregelt abläuft, wird 2021/22 sein.“ Das ist lange hin.

Eintracht Frankfurt steht einer möglichen Öffnung für einen Teil der Anhänger skeptisch gegenüber. Sportvorstand Fredi Bobic hat eine klare Meinung : „Ich bin für ganz oder gar nicht. Das ist meine Position.“ Er könne sich das „mit 8000 oder 10 000 Zuschauern im Stadion einfach nicht vorstellen“. Der Sportchef erinnert sich an ein Pokalspiel im Oktober 2016, als die Eintracht zu einem Teilausschluss der Zuschauer verdonnert worden war und sich gegen den FC Ingolstadt rund 6000 Besucher im Oval verloren. „Das war schon komisch. Und komisch würde es dann jetzt auch wieder.“ In ihrer Kalkulation hat die Eintracht die Hinrunde mit gar keinen oder wenigen Zuschauern geplant, die Rückrunde mit voller Auslastung.

Natürlich seien wenige Besucher besser als gar keine, aber, fragt Bobic rhetorisch, „bringt der ganze Aufwand überhaupt etwas?“ Und wie solle die konkrete Umsetzung aussehen? Klar werde es Mindestabstand geben, sicherlich auch Maskenpflicht, man werde ein Hygienekonzept entwerfen, aber es gehe auch um Kleinigkeiten: „Das Essen ist eingepackt, die Stulle abgepackt, die Getränke dürfen nicht offen gereicht werden. Da sind so viele Sachen dabei, da fragt man sich schon: Macht das Sinn? Was bedeutet das eigentlich?“

Und dann kommt es auch zu der Kardinalfrage, wer darf rein? „Du musst ja Fangruppen ausschließen“, wirft der Vorstand ein. Die Stehplätze fielen weg, regele man den Einlass dann also unter den Dauerkarteninhabern? „Einige werden sich freuen, aber andere? Wie vergeben wir die Tickets? Machen wir ein Lotterieverfahren?“ Bei Bobic schwingt die Skepsis in jedem Satz mit. Weshalb er schließt: „Ich würde mich freuen, wenn die Schranke fällt und wir alle wieder an dem Erlebnis teilhaben lassen können.“ Ganz oder gar nicht eben.

Beim FSV Mainz 05 werden Vorgaben von DFL-Seite erwartet. Michael Kammerer, Direktor Organisation, verlangt nach einem „konkreten, standortübergreifenden Grundrahmen.“ Das schlimmste Szenario wären in der Tat völlig voneinander abweichende Bedingungen. Der Umgang könnte die Liga schon wieder spalten.

Die Vereine gehen unterschiedlich mit der Situation um. Borussia Dortmund verkauft keine Saisontickets. Borussia Mönchengladbach ermöglicht die Buchung von Dauerkarten, die zur Rückrunde gelten sollen. Beim SV Werder bildeten die Einnahmen von den 25 000 Stammkunden einen Sockel, um durch den fußballfreien Sommer zu kommen. Fraglich, ob bei einer Teileröffnung übrigens der Bremer Senat mitspielt.

Die lokalen Behörden werden das Infektionsgeschehen gerade mit Blickrichtung auf Herbst und Winter, wo nächste Saison noch mehr Spieltage als ohnehin schon stattfinden sollen, mit gewisser Sorge beobachten. Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat sich grundsätzlich zuversichtlich gezeigt, „dass wir nach und nach wieder Publikum zulassen können.“ Dazu teilte gerade das hessische Innenministerium mit: „Es ist Sache der jeweiligen Sportfachverbände und ihrer ausgegliederten Profiligen, Konzepte vorzulegen, wie die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in Profiligen gestaltet werden kann.“ Fußball als Freiluftsportart hat es da leichter als Basketball oder Handball.

Dass dem Fußball ohne Fans ein Stück Seele fehlt, ist unbestritten. Sind die bei der ARD-Sportschau eingebrochenen Quoten darauf zurückzuführen, dass der Geisterspielbetrieb auch am Fernseher keinen Spaß macht?

„Ein Stadion ohne Zuschauer ist wie ein Gottesdienst in leerer Kirche. Und warum sollte Gott in die Kirche kommen, wenn die Gläubigen fehlen“, hielt das Magazin „11Freunde“ fest. Wenig verwunderlich, dass Union-Berlin-Anhänger Sig Zelt vom Bündnis „ProFans“ sagt: „Bei vielen Ultras herrscht eine große Skepsis und die Meinung: Wenn wieder Leute in die Stadien dürfen, dann alle.“

Unterstützung bekommt der Fansprecher von jenen Klubverantwortlichen, die eine Teilöffnung kritisch sehen. Das hat betriebswirtschaftliche Gründe, mit einer nicht gegebenen Verhältnismäßigkeit zu tun. Denn wenn eine Arena mit einem Fassungsvermögen von 50 000 oder 60 000 Zuschauern für einen Bruchteil dieser Menge hochgefahren werden muss, könnten die Betriebskosten die Einnahmen übersteigen. Manch Bundesligist würde also sogar drauflegen. Besondere Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, umzusetzende Hygienekonzepte, Energieversorgung, Sicherheitsdienste oder Catering würden viel Geld kosten. Eine symbolhafte – und gut gemeinte – Öffnung könnte also zum Bumerang werden.

Generell sind die Bundesligisten längst nicht mehr so abhängig von den Zuschauereinnahmen wie noch bis weit in die 80er Jahre. In der Saison 2018/2019 kamen aus den Spielerträgen 520 Millionen Euro zusammen, bei den Gesamterträgen machte das nur knapp 13 Prozent aus. Aber: Eintracht Frankfurt etwa gehen in der Pandemie pro Heimspiel ohne Zuschauer rund zwei Millionen Euro durch die Lappen.

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