+
Uneins: Jerome Boateng und Christian Dingert.

Videobeweis

Was ist eigentlich Handspiel?

  • schließen

In München und Bremen werden ähnliche Situationen völlig unterschiedlich bewertet.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Regelauslegung beim Handspiel im Strafraum zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst werden kann. Beispiel München: Schiedsrichter Christian Dingert gibt nach Einschreiten des Videoassistenten und persönlicher Begutachtung am Bildschirm Strafstoß für Hannover 96, weil Jerome Boateng eine Hereingabe aus kurzer Distanz mit dem Ellbogen abgeblockt hat. Die Folge: Elfmetertor für Hannover, Unverständnis für die Entscheidung von Seiten der Bayern. Trainer Niko Kovac wundert sich: „Ich verstehe es nicht mehr, es gibt eine unterschiedliche Handhabung.“

Beispiel Bremen: Mario Götze springt der Ball im Strafraum an die Hand, Schiedsrichter Marco Fritz überprüft vor dem Bildschirm und entscheidet: kein Elfmeter. Die Folge: Beschwerden der Bremer. Trainer Florian Kohfeldt argumentiert: „Im Kontext dieser Saison ist es ein glasklares Handspiel. Die Schiedsrichter wissen nicht mehr, was sie pfeifen sollen und was nicht.“

Drees kritisiert Dingert

DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich erklärt auf FR-Anfrage zu beiden Szenen: „Boatengs Arm ist fast am Körper, und er dreht sich ab. Das ist aus unserer Sicht noch nicht strafbar. Es wäre besser gewesen, hier nicht zu pfeifen – analog zum Götze-Handspiel. Hier war es die absolut richtige Entscheidung des Schiedsrichters, beim Nicht-Handspiel zu bleiben.“ Der DFB geht seit Saisonbeginn auffällig transparent auch mit Fehlentscheidungen um. Am Samstagabend im ZDF-Sportstudio übte Jochen Drees als Projektleiter des Videobeweis Kritik, dass Dingert in München mit dem Elfmeterpfiff eine falsche Entscheidung getroffen habe. Mit dem Spieltag könne er nicht zufrieden sein. Fröhlich räumte ein, dass die Linie bei Handspielen „in der Bewertung schon etwas stringenter ist, als es vorher der Fall war“. Insgesamt würden „die Schiedsrichter in Deutschland diese Linie auch sehr konsequent und berechenbar“ umsetzen.

Insgesamt gab es in dieser Saison bereits 30 Handelfmeter, fast doppelt so viele wie vergangene Saison und mehr als dreimal so viele wie 2016/17. Thomas Müller hat eine Erklärung: „Früher hat’s keiner so schnell gesehen und dann ging’s weiter. Jetzt mit dem Videoassistenten ist das anders geworden.“

Sky-Experte Markus Merk zeigte wenig Verständnis für die Entscheidung in München und viel für die in Bremen: „Als Bremer würde man sagen, wenn man sich heute Boateng anschaut, war diese Situation sogar klarer. Mit der Entscheidung hat Marco Fritz uns eher zur Normalität zurückgebracht. Die Schiedsrichter haben sich im Laufe der Saison selbst mit der Auslegung in Verlegenheit gebracht.“

Zur kommenden Saison wird es einen neuen Regeltext des Fifa-Schiedsrichtergremiums Ifab geben: „Wir werden auf dieser Basis den Dialog mit den Klubs über Workshops weiter nutzen, um die Regelauslegung weiterzuentwickeln“, verspricht Fröhlich. Drees ergänzte, er könne „verstehen, dass man aus Aktivensicht Probleme mit der Auslegung des Handspiels hat“. Aber er fürchtet auch: „Es wird auch nach den neuen Änderungen nicht streitlos über die Bühne gehen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare