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2006 in Pula auf Sardinien: Joachim Löw, damals noch als Co-Trainer unter Jürgen Klinsmann.
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2006 in Pula auf Sardinien: Joachim Löw, damals noch als Co-Trainer unter Jürgen Klinsmann.

EM 2021

EM 2021: 17 Jahre Trainingslager mit Joachim Löw - Wagenburg in der Großraumsauna

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Joachim Löw bezieht vor der EM 2021 zum letzten Mal ein Trainingscamp mit der Nationalmannschaft. Als Michael Ballack fehlte und Mesut Özil schwieg. Ein Blick zurück auf 17 Jahre Trainingslager.

Zum letzten Mal in seiner nunmehr 17-jährigen Amtszeit im DFB wird Bundestrainer Joachim Löw in den nächsten zehn Tagen ein Trainingscamp mit der Fußball-Nationalmannschaft beziehen, diesmal in Seefeld/Tirol. Ein Rückblick auf die Löw-Lager:

Sardinien 2006 Der DFB-Tross reist erstmals in der bewegten Verbandsgeschichte mit Kind und Kegel zum ersten von zwei Trainingscamps vor der WM im eigenen Land in eine gigantische Hotelanlage nach Sardinien an. Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein Co Jogi Löw überlassen weite Teile des Übungsprogramms den gnadenlosen Fitnesstrainern aus Amerika. Irgendwann steht Roadrunner David Odonkor auf dem Trainingsplatz des noblen Forte-Village-Resorts in der Mitte eines Kreises, den seine Spielkameraden bilden. Der Neuling schreit: „Wir sind ein...“ Der Rest der Truppe röhrt: „...Team.“ Klinsi geht das Herz auf.

Joachim Löw übt in Genf Grundlagentechnik mit Huth, Lahm und Metzelder

Genf 2006 Ins zweite Trainingslager nach Genf dürfen Frauen und Kinder nicht mehr mitfliegen. Assistenztrainer Löw erregt Aufsehen, weil er mit den Abwehrspielern Robert Huth, Philipp Lahm, Christoph Metzelder, Per Mertesacker und Arne Friedrich Grundlagen-Taktik für wenig Fortgeschrittene übt. Er legt dabei selbst Fuß an. In kurzer Hose treibt er den Ball an, rennt mit auf die Viererkette zu, die sich nicht immer vorschriftsmäßig zurückzieht. Also wird viel wiederholt. So was haben die erstaunten Reporter:innen auf der Tribüne noch nie gesehen.

Das EM-Tagebuch von Jan Christian Müller

Die täglichen Tagebuch-Einträge von FR-Sportreporter Jan Christian Müller zur EM 2021 und alles rund um Jogi Löw und das DFB-Team finden Sie exklusiv bei uns online auf der Themenseite zur Fußball-EM und in unserem Newsletter zur EM 2021. Dieser erscheint während der EM täglich – Sie bleiben somit immer top informiert.

Mallorca 2008 Ein Traum für den medialen Begleittross, der sich in Paguera in einem Strandhotel niederlässt und jeden Abend Beachsoccer spielt, bis die Muskeln reißen. Löw ist längst Klinsmann-Nachfolger als Bundestrainer, Frauen und Kinder dürfen trotzdem mit ins mondäne „Arabella Sheraton Son Vida“, 25 Autominuten vom berüchtigten Ballermann entfernt. Es gibt Ärger mit einer Berliner Boulevardzeitung, die Paparazzi-Fotos von Lahm und Schweinsteiger samt deren Freundinnen beim Knutschen auf dem Balkon schießen lässt. Löw sortiert Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes aus. Michael Ballack erscheint verspätet und frustriert nach dem mit Chelsea im Elfmeterschießen verlorenen Champions League-Finale gegen Manchester United.

Verletzungen scheinen Joachim Löw 2010 in die Karten zu spielen

Sizilien 2010 Löw reagiert erstaunlich entspannt auf die Verletzung von Ballack, der im FA-Cup-Finale nach einem rüden Tritt von Kevin-Prince Boateng einen Syndesmoseriss davonträgt und so die WM in Südafrika verpasst. Es scheint dem Bundestrainer geradezu in die Karten zu spielen, dass er eine neue Spielergeneration ohne den Capitano mit flacheren Hierarchien entwickeln kann: „Von Resignation kann bei uns keine Rede sein. Wir sind überzeugt, dass wir eine gute WM spielen.“ Das tun sie dann auch.

Eppan 2010 Aber erst mal geht es zum nächsten Freiwilligen-Lager nach Eppan. Entspannte Stimmung im Südtiroler Fünfsternehotel Weinegg ohne Ballack. Aber weitere Verletzte. Als Letzter wird der Hoffenheimer Andreas Beck aussortiert und muss vorzeitig abreisen. Ursprünglich hätte Löw sogar vier Spieler streichen müssen. Doch dann verletzten sich nach Ballack auch noch Christian Träsch und Heiko Westermann. Wie erst Jahre später durch glaubhafte Berichte Einheimischer bekannt wird, verbringen Philipp Lahm und Manuel Neuer einen lustigen Abend in einem Weinkeller inmitten der Weinberge.

In Sardininen kommt selbst Bundestrainer Joachim Löw zu spät

Sardinien 2012 Das ganz sicher überflüssigste Trainingslager in der Löw-Historie. Mehr als die halbe Mannschaft fehlt, weil Bayern und Dortmunder Spieler im Pokalfinale stehen und die Münchner zudem das Champions-League-Finale dahoam bestreiten. Also reisen anfangs nur zehn Spieler nach Sardinien. Selbst der Bundestrainer kommt mit Verspätung an, weil er vorher noch fix das Pokalendspiel vor Ort verfolgt hat. Dafür dürfen die Familien wieder dabei sein. Es weht ein scharfer Wind über den zugigen Trainingsplatz. Manager Oliver Bierhoff überlegt: „Natürlich auch Gedanken gemacht, ob dieses Trainingslager sinnvoll ist.“

Südfrankreich 2012 Weiter geht’s nach Südfrankreich ins Hotel Golfresort Provence Terre Blanche, auf fast 300 Hektar inklusive Golfplatz von Milliardär Dietmar Hopp erschaffen. Der Trainingsplatz ist allerdings recht weit entfernt und erinnert eher an eine Bezirkssportanlage. Holger Badstuber meckert über den holprigen Platz. Er hat Recht.

Weil Debütant Marc-André ter Stegen sich beim 3:5 in Basel gegen die Schweiz schwere Patzer leistet, darf er nicht mit zur EM nach Polen und die Ukraine, im Gegensatz zu Tim Wiese und Ron-Robert Zieler. Auch Cacau, Sven Bender und Julian Draxler gehören nicht zum endgültigen EM-Kader. Die verbliebenen 23 Nationalspieler dürfen sich beim Formel-1-Rennen in Monaco Ablenkung nach dem verkorksten Spiel gegen die Schweiz gönnen.

Nach Unfall in Südtirol: Mannschaft verschanzt sich in der Großraumsauna

Passeiertal 2014 Chaos-Camp vorm Weltmeistertitel in Südtirol: Schweinsteiger, Khedira, Lahm und Neuer reisen weit weg von hundertprozentiger Fitness ins schöne Passeiertal an. Mario Götze ist nach missratener Saison in München übellaunig. Bald kommt heraus, dass Löw der Führerschein entzogen wurde und dass Kevin Großkreutz nach dem Pokalfinale in Berlin in der Hotelllobby an eine Säule gepinkelt hat.

Alles Peanuts gegen das, was dann passiert: Bei einer Sponsorenaktion mit Formel-1-Pilot Nico Rosberg und DTM-Fahrer Pascal Wehrlein kommt es zu einem folgenschweren Unfall auf einer schmalen Gebirgsstraße. Der von Wehrlein gesteuerte übermotorisierte Bolide mit den Nationalspielern Julian Draxler und Benedikt Höwedes an Bord kollidiert mit einem deutschen Touristen, der dabei schwer verletzt wird. Die Mannschaft verschanzt sich in der Großraumsauna des „Golf & Spa Resort Andreus“ vor der bösen Medienwelt da draußen und entwickelt eine leistungsfördernde Wagenburgmentalität.

Eppan 2018: Verqueres Trainingslager, verquere WM

Ascona 2016 Viel Regen im Trainingslager in Ascona am Lago Maggiore in der Schweiz. Die Pressekonferenzen finden auf einem alten Flugplatz statt. Stress macht nur der olle AfD-Mann Gauland mit seinem Angriff auf Verteidiger Jerome Boateng: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ DFB-Boss Reinhard Grindel, seinerzeit frisch und unverbraucht im Amt, entgegnet, es sei „einfach geschmacklos“, die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft „für politische Parolen zu missbrauchen“. Millionen Menschen liebten die Nationalmannschaft, „weil sie so ist, wie sie ist“. Da konnte er noch nicht wissen, was ihm 2018 blühen würde.

Eppan 2018 Weil es vor acht Jahren dort so schön war, residiert Löw mit seinen Männern wieder im Hotel Weinegg inmitten von Weinbergen. Aber die Stimmung ist schwer belastet. Mesut Özil kommt maximal mies gelaunt zum Mannschaftsfoto und verwehrt die Teilnahme am traditionellen Medientag. Keine Erklärung zum gemeinsamen Foto mit dem türkischen Machthaber Erdogan. Bundeskanzlerin Angela Merkel fliegt ein, kann aber nicht schlichten. André ter Stegen schafft es nicht am lange verletzten Manuel Neuer vorbei. Leroy Sané, der schnellste Mann im Kader, wird nach einer fahrigen Vorstellung beim enttäuschenden 1:2 im Test gegen Österreich von Löw aussortiert. So verquer läuft dann auch die WM. (Jan Christian Müller)

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