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Martina Voss-Tecklenburg.

Martina Voss-Tecklenburg

„Es wäre cool, wenn wir auch so ein Selbstverständnis entwickeln“

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Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erklärt vor dem Start in die EM-Qualifikation, warum Megan Rapinoe für die deutschen Fußballerinnen nur bedingt als Vorbild taugt und sich bei ihr die Enttäuschung über das WM-Aus mit einem tragischen Schicksal vermengt hat

Frau Voss-Tecklenburg, der Start in die EM-Qualifikation für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft gegen Montenegro am Samstag (12.30 Uhr/ARD) in Kassel ist als Familientag deklariert. Wie viele Familienmitglieder der Bundestrainerin werden sich denn zur Mittagszeit im Auestadion einfinden?

Von mir sind immer Freunde und Bekannte dabei. Und mein Mann lässt ja auch kaum eines unserer Länderspiele aus, der würde am liebsten auch noch drei Tage später in die Ukraine mitfliegen, wenn es ginge.

Wie schwierig wird es, zwei Monate nach dem WM-Aus wieder den Schalter umzulegen?

Es muss cool sein, sich einer neuen Aufgabe zu stellen. Wir wollen gleich im ersten EM-Qualifikationsspiel mit viel Spielfreude an die Sache rangehen. Der Gegner wird mit allen Mitteln verteidigen, aber ich möchte, dass die Mannschaft das Spieltempo permanent hochhält, auch wenn nicht alle bei 100 Prozent sein können. Wir sagen daher nicht, wir schießen soundsoviel Tore.

Bis auf die zurückgetretene Lena Goeßling, die verletzten Marina Hegering und Almuth Schult haben Sie exakt den WM-Kader berufen. Warum?

Wir sind einerseits von diesem Team überzeugt, andererseits wollen wir die Aufarbeitung gemeinsam anstellen, in dem wir Gespräche führen oder Befindlichkeiten aufklären, nachdem wir bei der WM sehr abrupt auseinandergehen mussten.

Soll zu eine der neuen Führungsfiguren der Frauen-Nationalmannschaft aufsteigen: Giulia Gwinn (vorne).

War das Aus im WM-Viertelfinale Ihre persönlich größte Enttäuschung als Trainerin?

Ich habe in meiner Trainerkarriere ein Ausscheiden mehrfach erlebt. Das ist mir mit der Schweiz passiert, aber auch im Klubfußball stellt man fest, dass es nicht so optimal läuft, wie man sich das gewünscht hat. Natürlich hat mich das lange beschäftigt, und dann kam noch die Geschichte mit Florijana Ismaili (die Schweizer Nationalspielerin wurde nach einem Badeunfall vermisst und am 2. Juli tot aufgefunden; Anm. d. Red.) dazu, was mich tief, tief getroffen hat. Das hat mich als Mensch unheimlich berührt…

…weil Sie eine besondere Beziehung zu ihr hatten?

Sie hat fünf Jahre bei mir gespielt! Ich habe sie damals in die Nationalmannschaft der Schweiz geholt. Hier war die Beziehung zur Spielerin noch intensiver, weil ich sie noch auf vielen anderen Wegen ihrer Karriere betreut habe. Ich habe ihr Ratschläge gegeben, wie ihr weiterer Weg aussehen könnte. Auch der Kontakt zu ihrer Familie war da.

Dann haben sich also die große Enttäuschung über das sportliche Abschneiden Ihres Teams und ein tragisches Schicksal ihrer Ex-Spielerin miteinander vermengt?

Ich erinnere mich noch genau, wie wir am Sonntagmorgen nach einer kurzen Nacht im Zug saßen. Und dann kam diese Nachricht noch dazu….(macht eine Pause). Für mich war dann einfach wichtig, dass ich Abstand gewinne und mir Zeit nehme, ehe ich mich dann auch mit meinem Trainerteam zusammengesetzt habe.

Die Ausgangslage ist jetzt, dass die Frauen-Nationalmannschaft die nächsten zwei Jahre Mühe haben wird, ins öffentliche Bewusstsein vorzustoßen.

Es ist einfach schade, dass wir nicht das Olympia-Turnier spielen können. Nun müssen wir versuchen, den Entwicklungsprozess anders zu gestalten. Über hochkarätige Freundschaftsspiele und wohl auch dem Algarve Cup im nächsten Jahr. Wir werden genau hinsehen, was mit den Spielerinnen passiert, die im Sommer die Vereine gewechselt haben: Wir müssen beobachten, wie viel sie spielen, ob sie spielen, wie sie spielen. Das kann dazu führen, dass wir in zwei, drei Monaten noch Anpassungen vornehmen.

Zur Person Martina Voss-Tecklenburghat den Kader der deutschen Frauen-Nationalmannschaft am Montag in Kassel für die EM-Qualifikationsspiele gegen Montenegro (Samstag 12.30 Uhr/ARD) und in Lwiw gegen die Ukraine (3. September/16 UhrZDF) versammelt. Neben der Vorbereitung auf die ersten Pflichtaufgaben will die Bundestrainerin gemeinsam mit den Spielerinnen die enttäuschende WM aufarbeiten und den Weg für die nächsten zwei Jahre aufzeigen. Die 51-Jährige glaubt, dass der Entwicklungsprozess noch Zeit braucht. Fernziel ist die EM 2021 in England. hel

Die derzeit verletzte Nationaltorhüterin Almuth Schult hat unverblümt ein Mentalitätsproblem ausgemacht. Was können Sie konkret tun, um mehr Charakterköpfe herauszubilden?

Ich kann nicht gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen. Wir haben schon Typen, die wir in den U-Teams durch unsere Trainerinnen unterstützen wollen und ihre Individualität ausleben lassen. Aber wir decken nur einen Teil ihrer Ausbildung ab. Ich habe gerade einer jungen Spielerin in einem neuen Klub gesagt, dass sie Wünsche ihres Trainers zu erfüllen hat. Anpassung gehört zu einem Reifeprozess auch dazu.

Werden Giulia Gwinn, die mit 19 Jahren zur besten Nachwuchsspielerin der WM gewählt wurde, und Lena Oberdorf, die mit 17 Jahren die jüngste deutsche WM-Spielerin aller Zeiten wurde, bereits mehr Verantwortung bekommen?

Natürlich. Giulia ist bereits ein fester Bestandteil unseres Teams. Bei Lena müssen wir die Belastung durch die Schule berücksichtigen und auch darauf achten, dass sie alles gesundheitlich durchsteht. Sie ist ein Toptalent, aber ich fand richtig, dass ihr Vereinstrainer Markus Högner sie am ersten Spieltag nicht gleich aufgestellt hat. Ich denke noch an Klara Bühl, die sich entwickeln kann; an Lina Magull, die noch nicht gefestigt ist.

Wäre es hilfreich, zu sagen, sie sollen sich einfach an Megan Rapinoe orientieren? Ein besseres Vorbild gibt es doch im Frauenfußball gerade nicht, oder?

Ich glaube schon, dass Vorbilder generell helfen. Wir haben meinungsstarke Spielerinnen, aber wir können auch nichts konstruieren. Ich bin mir sicher, dass es bei uns gesellschaftlich engagierte Akteure gibt, die sich zum richtigen Zeitpunkt äußern würden. Wir stärken sie in allen Bereichen. In den USA bewegen sich die Nationalspielerinnen aber in anderen Dimensionen.

Die US-Spielerinnen sind beim dortigen Verband angestellt, bestreiten zahlreiche Länderspiele im Jahr, sind viel länger für Maßnahmen zusammen als die 80 Tage in Deutschland und partizipieren sogar von den Zuschauerzahlen.

Das ist es. Sie sind permanent in TV-Sendungen oder Talkrunden, sie sind in allen Facetten sportlich, gesellschaftlich und politisch präsent. Diese Gegebenheiten haben wir in Deutschland nicht. Ich kann versprechen: Wir unterstützen die Persönlichkeitsentwicklung nach bestem Wissen und Gewissen. Es wäre cool, wenn wir auch so ein Selbstverständnis entwickeln, dass jede Spielerin auf den Platz geht und von sich so überzeugt ist und sagt: ‚Ich kann das, ich mach das, ich schaff das – gebt mir den Ball!‘ Aber da sind wir noch nicht.

War Ihre Generation in den 80er und 90er Jahren nicht genauso?

Nein. Wir hatten auch nur einzelne. Wir nennen zuerst immer Birgit Prinz, danach Inka Grings, dann überlegen wir, der eine oder andere nennt auch mich, weil ich was gesagt habe. Aber unsere Abwehrspielerin Jutta Nardenbach – nur ein Beispiel – hat sich doch fast nie geäußert.

Was war der Vorteil damals?

Wir waren sehr früh zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Als eine Generation von Fußballerinnen, die auf der Straße groß wurde und zusammengefunden hat. Heute haben wir doch eine viel größere Dichte an guten Spielerinnen, was ich aus meiner Zeit als Verbandssportlehrerin wirklich beurteilen kann. Am Anfang habe ich aus 40 Mädchen zwei Talente ausmachen können, heute sind es viel, viel mehr.

Und die U-19-Frauen sind gerade Vizeeuropameister geworden.

Es gibt keinen Grund zur Schwarzmalerei. Es ist total erfreulich, dass die Mädels die Qualifikation für die U20-WM geschafft haben. Unsere Grundvoraussetzung muss sein, dass unsere Teams Turniere, Turniere spielen, weil diese Erfahrungen sonst nirgendwo zu machen sind. Auch wenn es manchmal bittere Erlebnisse sind.

Interview: Frank Hellmann


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