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Will sechs Punkte aus den Spielen in Amsterdam und Paris: Toni Kroos (links), hier mit dem Kollegen Mats Hummels.

Nationalmannschaft

Wackligen Achsen, scharfzüngige Konter

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Zur Unzeit sind bei der DFB-Auswahl die bayrischen Leistungsträger aus der Spur gekommen: Deshalb ist eine Stütze wie Toni Kroos noch wichtiger geworden.

Eine fast sommerliche Frische lag in der Berliner Luft, als die deutschen Nationalspieler beim Aufwärmen auf dem Trainingsterrain von Hertha BSC reichlich Frohsinn verbreiteten. Nachdem Serge Gnabry im Kreisspielchen einen Fehler gemacht hatte, durften dem Dribbler alle an die Ohren fassen. Als Niklas Süle sich beim Jonglieren ungelenk anstellte, bekam der Verteidiger dumme Sprüche zu hören.

Als dann auch noch Mats Hummels die von Thomas Müller zugeschobene Kugel nicht kontrollieren konnte, weil diese über einen roten Markierteller hüpfte, zupfte oder lästerte niemand mehr, denn der Klassensprecher fluchte. Über sich selbst. War es bloß Zufall, dass solch ein Malheur nacheinander den Akteuren des FC Bayern unterlief? Oder waren es vor dem Nations-League-Doppelpack in Amsterdam gegen die Niederlande (Samstag 20.45 Uhr/ZDF) und danach in Paris gegen Frankreich (Dienstag 20.45 Uhr/ ARD) schon symbolhafte Sequenzen? 

Dass die Münchner Schaffenskrise in die DFB-Auswahl schwappt, sollte nicht passieren. Ein Drittel des 21-köpfigen Aufgebots rekrutiert sich aus Profis vom deutschen Rekordmeister. Deren fünf dürften in der Johan-Cruyff-Arena in der Startelf stehen. Angefangen von Torwart Manuel Neuer, der vor dem Training länger mit Bundestrainer Joachim Löw sprach, über das Abwehrgespann Hummels und Jerome Boateng (oder Süle), bis hin zum Abräumer Joshua Kimmich und Allrounder Thomas Müller. Für Löw sind alle „Topspieler“. Und wäre die Mannschaft – der Slogan prangt weiterhin am schwarz glänzenden Bus – ein menschliches Wesen, dann würden diese bayrischen Protagonisten ihre Wirbelsäule bilden. 

Doch ihr wird nun eine gewisse Zerbrechlichkeit zugeschrieben. „Die brüchige Achse“, diagnostizierte das Fachmagazin „Kicker“ und führte Neuers schlechteren Notenschnitt, Hummels schwächere Sprintwerte, Boatengs gesunkene Passquote und Müllers fehlende Effizienz als Belege an, dass diese Leistungsträger eine Formdelle durchmachen, die womöglich auf ein Langzeitproblem hindeutet.

Löw allerdings mag vorerst auf keinen aus dem Quintett verzichten: Die Namen Neuer (32 Jahre), Hummels (29), Boateng (30) und Müller (29) fallen bei seiner Aufzählung der Unverzichtbaren konsequent. Fünfter in diesem Bunde ist Toni Kroos, der allein positionsbedingt eine ganz zentrale Rolle spielt, was gestern seine Präsenz bei der Pressekonferenz noch unterstrich. Sechs Punkte, sagte der 28-Jährige, seien das selbstbewusste Ziel für die beiden Auswärtsspiele. „Nur weil drei Spiele bei der WM nicht ideal waren, ändert das nichts am Selbstverständnis.“ Der Mittelfeldspieler findet auch, dass an der „grundsätzlichen Qualität“ der anderen Führungskräfte nicht zu deuteln sei. 

Aus dem dritten Stock eines Berliner Autohauses fuhr der vierfache Champions-League-Sieger zudem einen Konter gegen den nörgelnden Ex-Kapitän Michael Ballack, der lieber gesehen hätte, wenn Löw entlassen worden oder zurückgetreten wäre: „Irgendwann muss man sich doch eingestehen, dass die Dinge nicht mehr funktionieren, wenn jemand so lange mit einer Mannschaft zusammenarbeitet wie er.“ Kroos äußerte eine ganz andere Ansicht: „Neue Reize können auch vom gleichen Trainer kommen. Ich bin überzeugt, dass wir jetzt wieder die Kurve mit Jogi Löw kriegen.“ Der 88-fache Nationalspieler verteidigte vehement jenen Fußballlehrer, der ihm in Zukunft einige Auszeiten in weniger wichtigen Länderspielen in Aussicht gestellt hatte. Löw habe sich stetig weiterentwickelt und beispielsweise vor dem zweiten WM-Gruppenspiel gegen Schweden (2:1-Siegtor Kroos) emotionale Reden gehalten, „die so gut wie nie waren“. Mit seinem Seitenhieb auf Ballack schob Kroos scharfzüngig hinterher: „Vielleicht hätte er es übernehmen wollen?“

Das wäre vermutlich ebenso wenig hilfreich wie ihn gerade bei Real Madrid als alleinigen Sechser einzusetzen. „Ich bin vom Spielertyp kein Casemiro“, stellte die deutsche Nummer acht klar und plädierte dafür, dass Löw diese Variante nicht transferiert. „Wir haben zweimal mit Joshua (Kimmich) auf der Sechs gespielt. Ich bin sehr gerne daneben und kann mich damit mehr als gut anfreunden.“ Nur bei einer Thematik wich der meinungsstarke Mittelfeldmann aus: Die Bayern-Malaise wollte er als Ex-Münchner nicht kommentieren. „Bin raus“, raunte er und überließ Nebenmann Timo Werner ein Urteil, das Leipzigs Stürmer auf dem Podium formulierte: „Wenn es bei Bayern nicht so gut läuft, ärgert es die Spieler. Aber sie sind hier genauso, wie sie immer sind: Sie machen noch genauso viele Witze wie davor.“ Und vielleicht ja wirklich nur auf dem Trainingsplatz mehr Fehler als früher.

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