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Fanliebling bei Manchester City: Die deutsche Pauline Bremer.

England

Wachstumsschmerzen auf der Insel

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Mitten im Titelkampf wechselt der Coach von Manchester City den Klub - und arbeitet jetzt im Männerfußball.

Als das Spiel vorbei war, fing es an zu regnen, und irgendwie war das ziemlich passend. „Ein typischer Manchester-Abschied“ sei das, rief die Ansagerin im Nachwuchs- und Frauenstadion von Manchester City nach dem 2:1-Erfolg gegen den FC Arsenal im Spitzenspiel der Women’s Super League (WSL) am Sonntagnachmittag. Die Partie war der letzte Auftritt von Manchester Citys Trainer Nick Cushing gewesen. Sechs Jahre hat er im Osten Manchesters gewirkt und den Klub in dieser Zeit zu einem großen Namen im englischen Frauenfußball gemacht, mit einer Meisterschaft, zwei Siegen im FA-Cup und dem dreimaligen Gewinn des Ligapokals. Cushing wechselt innerhalb der City Football Group und wird Co-Trainer bei New York City in der amerikanischen Männerliga MLS.

Der 35 Jahre alte Übungsleiter sieht den Umzug auf die andere Seite des Atlantiks als natürlichen Karriereschritt. „Es war klar, dass ich meine Laufbahn nicht als Trainer der Frauen von Manchester City beende“, sagte er nach dem Sieg gegen Arsenal in dem Saal, in dem auch Männercoach Pep Guardiola seine Medientermine absolviert. Cushing verlässt England im Guten, trotzdem deutet die Personalie darauf hin, dass der Frauenfußball immer noch um seinen Stellenwert ringt. Denn der Trainer verabschiedet sich mitten im Titelkampf.

Anders als im englischen Männerfußball, wo der FC Liverpool schon Anfang Februar seiner Meisterfeier planen kann, geht es bei den Frauen knapp zu. Vor dem Spitzenspiel am Sonntag waren Manchester City und Arsenal punktgleich. Nach dem Erfolg in einem vor allem in der zweiten Hälfte unterhaltsamen Treffen vor gut 3600 Zuschauern hat Manchester City einen Punkt Vorsprung auf den neuen Zweiten FC Chelsea. Die Partie bestärkte Manchester City in dem Glauben, sich in dieser Saison nach zuletzt zwei Vizetiteln wieder zum Champion krönen zu können.

Entscheidend ankommen wird es dabei auch auf die deutsche Nationalspielerin Pauline Bremer. Nach langer Verletzungspause ist sie in dieser Saison die beste Torschützin ihrer Mannschaft und traf auch beim Sieg gegen Arsenal. Kurz vor Ende der ersten Hälfte erzielte sie aus dem Getümmel im Strafraum das 1:0. Die heimischen Fans feierten sie, indem sie ihren Namen auf die Melodie von Seven Nation Army sangen: „Oooooh, Pauline Bre-mer!“ Nach dem Wechsel traf die englische Nationalspielerin Lauren Hemp zum 2:0. Arsenal gelang nur noch der Anschluss durch niederländische Vizeweltmeisterin Daniëlle van de Donk. Ihre Nationalmannschaftskollegin und WSL-Top-Torjägerin Vivianne Miedema, eine von sechs ehemaligen Spielerinnen des FC Bayern bei Arsenal, konnte die Partien nicht prägen.

Nach der Niederlage sind die Nordlondonerinnen nur noch Außenseiter auf ihren vierten Titel in der seit 2011 ausgespielten WSL. Viel deutet darauf hin, dass der Meister in dieser Saison aus dem Südwesten der britischen Hauptstadt kommen wird. Der Tabellenzweite Chelsea hat noch ein Spiel mehr als die direkte Konkurrenz.

Mit der Verpflichtung der australischen Angreiferin Sam Kerr, eine der besten Stürmerinnen der Welt, hat der Verein außerdem gerade ein Zeichen gesetzt – an die nationale Konkurrenz, aber auch an die großen Klubs im Ausland wie dem Champions-League-Seriensieger Olympique Lyon. Chelsea ist auch noch in der Womens Champions League vertreten, trifft im Viertelfinale auf Montpellier - und in einem möglichen Halbfinale auf den deutschen Doublegewinner VfL Wolfsburg. Manchester City hat sich dagegen Ende Oktober bereits gegen Atletico Madrid im Achtelfinale verabschiedet. Auch die Frauen der Citizens haben mit der Königsklassen in der K.o.-Runde offenbar ein Problem.

Was nichts an den generellen Ambitionen ändert: Die WSL will zur besten Frauenliga der Welt werden. Rekordinvestitionen wie der Werbedeal mit der Barclays-Bank über angeblich zehn Millionen Pfund und Zuschauerbestmarken in der Liga und bei der Nationalmannschaft – fast 78 000 Menschen sahen im November das Testspiel gegen Deutschland – sprechen für den Wachstum des Frauenfußballs in England. Bei der Frauen-WM 2019 purzelten auch bei den Einschaltquoten die Rekorde. Das enge Titelrennen passt dazu. Es wird auch den scheidenden Manchester-City-Trainer Nick Cushing weiter beschäftigen, wenn auch in neuer Rolle: „Ich bin jetzt Fan. Ich werde mir alle Spiele anschauen.“ Nicht mehr an der Seitenlinie, sondern im Fernsehen.

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