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Bald Bundestrainerin: Die derzeitige Schweizer Trainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Bundestrainerin

Voss-Tecklenburg übernimmt DFB-Frauen

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Martina Voss-Tecklenburg wird neue Trainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft und erhält einen Vertrag bis zur EM 2021. Ihren Job tritt sie erst nach der WM-Qualifikation und damit frühestens im Herbst an.

Das erste Informationsgespräch dauerte rund drei Stunden. Geführt hatten es Joti Chatzialexiou und Martina Voss-Tecklenburg wenige Tage, nachdem sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) von seiner Bundestrainerin Steffi Jones getrennt hatte. Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften und die Schweizer Nationaltrainerin funkten schnell auf einer Wellenlänge, so dass es beileibe keine Überraschung mehr ist, was von Verbandsseite am Donnerstag verkündet wurde: Voss-Tecklenburg wird neue Trainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft und erhält einen Vertrag bis zur EM 2021. DFB-Präsident Reinhard Grindel gab seine feste Überzeugung zu Protokoll, „dass sie mit ihrer Expertise und Persönlichkeit die Richtige ist.“ Daran wird in Expertenkreisen nicht gezweifelt.

Ihren Job tritt die 50-Jährige aber erst nach der WM-Qualifikation und damit frühestens im Herbst an. Es spricht nicht gegen die charakterfeste Fußballlehrerin, dass sie zunächst die WM-Qualifikation mit der Schweizer Auswahl erfolgreich abschließen will. Interessant wirkt die Besetzung ihrer Co-Trainer: Mit Britta Carlson, die seit 2012 im Trainerstab des VfL Wolfsburg arbeitet, wird der heimliche Mastermind des zweiten gehandelten Kandidaten Ralf Kellermann eingebunden. Die 40-jährige Kielerin, die selbst 31 Länderspiele bestritt, wird bereits zum Freundschaftsspiel am 10. Juni in Kanada den Interimstrainer Horst Hrubesch unterstützen.

Im Doppelpack sei nun „immense internationale Erfahrung“ auf der Trainerbank vorhanden, betont Chatzialexiou. Dem Treiber hinter dieser wegweisenden Entscheidung ist es wichtig, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. „Gerade die Umstrukturierung des DFB und die Verzahnung mit dem Männerfußball bieten riesige Chancen, um Synergien zu nutzen und innovative Wege zu gehen“, teilte Voss-Tecklenburg mit.

Die gebürtige Duisburgerin, die übrigens mit Kellermann in dieselbe Schulklasse ging, sprach von einer „großen Ehre, aber auch Verantwortung und gleichzeitig Verpflichtung“. Und es ist ja nicht mal sicher, dass Deutschland unter der neuen Trainerin bei der WM 2019 in Frankreich mitspielt. Gelingt unter Hrubesch am 1. September auf Island kein Sieg, müssen die DFB-Frauen wohl erstmals in ihrer Geschichte in eine Playoff-Runde mit den vier besten Gruppenzweiten, unter denen im Oktober und November nur noch ein einziges Ticket vergeben wird. Gegen Gegner wie Dänemark oder Norwegen wäre das beileibe kein Selbstläufer.

Dass die deutsche Mannschaft nach dem Olympiasieg 2016 so schnell ihre dominante Rolle verspielte, hing auch mit der fehlenden Erfahrung und Führung unter Jones zusammen, obgleich sich damals schon Voss-Tecklenburg Hoffnungen gemacht hatte, das Erbe von Silvia Neid anzutreten. Die vierfache Europameisterin arbeitete nach der aktiven Karriere, die im Nationaltrikot nach 125 Einsätzen wegen eines Streits mit ihrer damaligen Freundin Inka Grings vor den Olympischen Spielen 2000 abrupt endete, hauptberuflich als Verbandssportlehrerin am Niederrhein, coachte die Bundesligateams aus Jena und Duisburg, mit denen sie 2009 den Uefa Women’s Cup gewann

Im Februar 2012 begann ihre Mission im schweizerischen Fußballverband, dem sie im Frauen- und Mädchenfußball ein völlig neues Leistungsdenken verordnete. Die Schweiz nahm 2015 in Kanada erstmals an einer WM teil, scheiterte im Achtelfinale unglücklich am Gastgeber. Im vergangenen Jahr bei der EM in den Niederlanden war nach drei durchwachsenen Gruppenspielen (0:1 gegen Österreich, 2:1 gegen Island, 1:1 gegen Frankreich) schon in der Vorrunde Schluss. Die ehemalige Chefredakteurin des Frauenfußball-Magazins FF ahnte, dass mit der „Nati“ ein gewisses Limit erreicht war.

Voss-Tecklenburg ist getrieben vom eigenen hohen Anspruch. Ihre Arbeitsweise ist strukturiert, ihre Analyse klar, ihre Ansage deutlich. Dass ist übrigens auch im Aufsichtsrat des designierten Bundesliga-Aufsteigers Fortuna Düsseldorf aufgefallen, dem die Powerfrau seit Februar dieses Jahres angehört. „Ich kann dem DFB nur wärmstens empfehlen, diese Idee weiterzuverfolgen“, sagte Fortuna-Boss Robert Schäfer, als der Name gerüchteweise als neue Bundestrainerin auftauchte. Nun sind dafür auch die Fakten geschaffen.

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