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Wolfgang Holzhäuser.

50+1 Gastbeitrag

Ein Vorschlag zur Lösung

Ein Plädoyer für eine Synthese im Fußball - zwischen althergebrachtem Traditionsdenken und Anpassung an eine zeitgemäße Klubführung.

Die 50+1-Regel, nach der Vereinen stets die Mehrheit über die Finanzen gesichert und sie vor dem Zugriff von Investoren geschützt werden soll, steht immer wieder im Mittelpunkt von Diskussionen, wenn es um die Finanzierung des Vereins-Profifußballs in Deutschland geht. Aber ist sie noch zeitgemäß? Zumal in bedeutenden Ligen wie England, Spanien, Frankreich oder Italien völlig andere Verhältnisse herrschen. Diese vor 20 Jahren aufgestellte Regel hat sicher Auswüchse verhindert, wie sie in anderen Ländern teilweise stattgefunden haben. Doch aus den nicht immer seriösesten Interessenten von damals sind heute in der Regel renditeorientierte Personen oder Gruppierungen geworden – wie zum Beispiel der Unternehmer Martin Kind, der gleichzeitig Präsident des Bundesligisten Hannover 96 ist und „seinen“ Verein jetzt wirtschaftlich den zeitgemäßen Verhältnissen anpassen will.

Die seit einiger Zeit geführte Diskussion geht davon aus, dass die Regelung bestehen bleiben oder abgeschafft werden soll. Diese Denkweise ist falsch und führt zu Diskussionen, die an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbei gehen. Letztlich geht es doch darum, eine Lösung zu finden, die einerseits dem altherkömmlichen Denken der Traditionalisten gerecht wird. Anderseits muss die Regelung aber so angepasst werden, dass sie zeitgemäßen Formen der Beteiligung von Investoren an den Klubs möglich macht.

Natürlich müssen die Argumente der Befürworter der bisherigen Regelung berücksichtigt werden – wenn sie denn stichhaltig sind. Der angebliche Wegfall demokratischer Rechte der Mitglieder ist sicher nicht stichhaltig. Denn nur die Mitglieder können gemäß der Satzung des Vereins autonom darüber entscheiden, ob und wie eine Beteiligung ausgestaltet werden soll. Wenn die Entscheidung dann jedoch für ein Beteiligung gefallen ist, können die Rechte der Mitglieder in der Tat anders aussehen. Ihre Mitsprache wäre dann für den professionellen Teil des Klubs eingeschränkt.

Die Mitglieder sind grundsätzlich frei in ihrer Entscheidung, es sei denn, der übergeordnete Verband hat, wie in Deutschland, Regelungen geschaffen, die den Wettbewerb schützen sollen. Ob allerdings 50 plus eins in der jetzigen Fassung wirklich dazu dient, den Wettbewerb zu schützen, ist äußerst zweifelhaft. Sie ist auch juristisch angreifbar, weil sie die Rechte der Mitglieder zu stark einschränkt. Diese Sichtweise sollten sich vor allem die zu eigen machen, die an der bisherigen festhalten wollen.

Ein weiteres immer wieder angeführtes, aber auch absurdes Argument ist die Behauptung, dass die Eintrittspreise steigen würden. Eine Erhöhung würde sich nur marginal bemerkbar machen, denn diese Einnahmen tragen kaum zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Eine Anpassung von Eintrittspreisen ist unabhängig von der Rechtsform und Mehrheitsverhältnissen. Eine Preiserhöhung will in diesem Bereich sehr gut überlegt sein. Denn eine Stärke des deutschen Profifußballs sind die europaweit günstigsten Eintrittspreise. Ich persönlich würde auch eine Reduzierung der Eintrittspreise nicht ausschließen, wäre ich Investor in einem Profiklub.

Die ständig wiederholte Forderung „Erhalt der Fußballkultur“ ist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Was hat Fußballkultur mit der finanziellen Beteiligung Dritter zu tun? Ich habe immer noch nicht verstanden, was die Protagonisten und Populisten mit Fußballkultur meinen. Fußballkultur ist für mich, wenn am Sonntagmorgen bei Wind und Wetter der Fan eines Vereins am Nebenplatz steht, die Nachwuchsmannschaften unterstützt und keine Fernsehkamera eine Bühne bietet, sich zu präsentieren.

Den Fußball wirtschaftlich den heutigen Notwendigkeiten anzupassen, heißt, eine Regelung zu finden, die einerseits dem Verband die Möglichkeit lässt, seine Wettbewerbe zu schützen und Auswüchse zu verhindern. Andererseits muss darauf geachtet werden, dass das Recht der Selbstbestimmung für die Klubs nur im Sinne eines ungestörten Wettbewerbs eingeschränkt wird.

Zu hinterfragen ist auch, warum der Verband 50,1 Prozent streng kontrolliert und dagegen 49,9 Prozent vollkommen unkontrolliert agieren lässt. Ich bin der Auffassung, dass jede Form der Beteiligung geprüft werden sollte, vor allem aber auch dann, wenn ein Investor bei mehreren Klubs engagiert ist und zwar unabhängig davon, ob er mehr oder weniger als 50 Prozent hält. Denn gerade in diesen Fällen könnte der Wettbewerb mehr gefährdet sein, als wenn er in einem Klub mehr als die bis dato zugelassenen 49,9 Prozent hält. Im Rahmen des alljährlich stattfindenden Lizenzierungsverfahrens könnte die DFL – ähnlich der Praxis im Kartellrecht – die Beteiligungen prüfen und abwägen, ob sie mit den Bestimmungen im Einklang sind.

Um die denkbaren Auswüchse der Übernahme von Anteilen zu erschweren oder gar auszuschließen, bedarf es einiger Vorsorgeregelungen. So sollte

1. derjenige, der eine Mehrheit an einem Klub besitzt, weder direkt noch indirekt an einem anderen Klub in der gleichen Liga beteiligt sein;

2. ein Investor die Anteile an einem Klub mindestens fünf Jahre im Verein belassen müssen;

3. die Liquidität des Investors durch Bankbürgschaften nachgewiesen sein;

4. dem Klub bei Verkauf der Anteile ein Vorkaufsrecht zu einem vorher fest gelegten Wert eingeräumt werden, der dem berechtigten Interesse des Investors an eine marktübliche Verzinsung seines eingesetzten Kapitals entspricht;

5. eine Übertragung von Krediten des Investors zur Finanzierung des Kaufes seiner Anteile zu Lasten der Klubs ausgeschlossen werden.

Ein derartiges Modell lässt sich juristisch sicher besser verteidigen als das jetzige und lässt gleichzeitig den Klubs genügend Spielraum, über ihr Innenleben selbst zu entscheiden. Der Verband würde damit auch dem Anschein einer Beeinflussung des Wettbewerbs entgegenwirken. Er ist gleichzeitig seine Aufgabe, eine dem Zeitgeist entsprechende Regelung zu finden. Eine Diskussion „entweder oder“ führt zu nichts.

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