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Verteidiger Sergio Ramos.

Sergio Ramos

Vorbildlich böse

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Der spanische Kapitän Sergio Ramos tut alles für den Erfolg ? selbst wenn er dafür dem eigenen Bruder wehtun muss.

Der Mannschaftskapitän der spanischen Fußball-Nationalelf hatte in den zurückliegenden Tagen allen Grund, sauer zu sein auf den Mannschaftskapitän von Real Madrid. Kraft seiner Meinung ist der einflussreiche Madrilene ja mitverantwortlich dafür, dass der spanische Trainer Julen Lopetegui nach der Weltmeisterschaft zu Real geht, weshalb der Kapitän der Iberer mitverfolgen musste, wie dieser im Hinterzimmer ausbaldowerte Transfer am Dienstag geräuschvoll in der Öffentlichkeit aufkam. Tags drauf entließ der düpierte Verband Lopetegui, 24 Stunden vor Turnierbeginn und trotz der Intervention seines Kapitäns. 

Eine unangenehme Situation natürlich, für alle Beteiligten, aber die betroffenen Kapitäne von Real und von Spanien werden den Konflikt schnell und direkt ausgeräumt haben – begünstigt vom Umstand, dass sie ein und derselbe Mensch sind: Sergio Ramos, 32 Jahre alt. 

Es ist bezeichnend für den Fußballer Ramos, dass es wenig Mühe macht, sich vorzustellen, wie er in einem russischen Hotelzimmer eine Rauferei mit sich selbst anzettelt. Hat es je einen obskureren und faszinierenderen, einen abstoßenderen und zugleich anziehenderen Spieler gegeben in der Geschichte des Balls als diesen Verteidiger, der so gerne stürmt, diesen Hochbegabten, der sich so häufig daneben benimmt auf dem Platz? Guter Sergio, böser Ramos. 
Neulich, beim Champions-League-Finale in Kiew gegen den FC Liverpool, ebnete er Real den Weg zum Titel, indem er die halbe Mannschaft der Engländer vermöbelte, so kommt es einem in der Retrospektive jedenfalls vor. Der Ägypter Mo Salah, Topstar des Gegners: Per Schulterwurf aus dem Spiel befördert. Torwart Loris Karius: Durch einen versteckten, wie zufällig platzierten Ellbogenschlag gegen den Kopf zumindest maximal irritiert, später unterliefen dem Deutschen spielentscheidende Fehler.

Mehr als 500 000 User unterzeichneten hinterher eine Onlinepetition, welche den Weltverband Fifa und den europäischen Verband Uefa dazu aufforderte, Ramos für seine Aktionen gegen Liverpool zu bestrafen: Der Spanier sei ein „grauenvolles Beispiel für zukünftige Generationen“.

Ramos selbst feierte ungerührt den dritten Königsklassen-Triumph in Folge, seinen vierten insgesamt mit Madrid, seine Kritiker bespöttelte er, und an die Adresse Salahs twitterte er: „Der Fußball zeigt dir manchmal seine schönste, manchmal aber auch seine bitterste Seite. Vor allem aber sind wir Kollegen. Schnelle Genesung, Salah. Die Zukunft wartet auf dich.“ Seine Telefonnummer musste Ramos dennoch bald wechseln, ohne Ende von Drohanrufen belästigt.
Wie gut darf das Böse sein? Der Erfolg gibt Ramos recht, dem spanischen Rekordrüpel, 233 Gelbe Karten hat er gesammelt, 24 Platzverweise, aber eben auch: Vier spanische Meistertitel mit Real Madrid, zwei Pokalsiege, vier Champions-League-Pokale. Hinzu kommen zwei EM-Triumphe mit den spanischen Nationalteam, 2008 und 2012, und der WM-Titel 2010. 

Aus Kiew ist die Anekdote überliefert, dass Ramos auf das Nachhaken eines englischen Journalisten mit einem kurzen Nicken in Richtung des Champions-League-Pokals reagierte, nicht unfreundlich, aber klar in der Aussage: Darum geht’s und nur darum. Wen kümmert das Wie? Sergio Ramos ordnet dem Erfolg alles unter, gutes Benehmen als erstes.

Rein sportlich ist Stierkampfliebhaber Ramos ohnehin über jeden Zweifel erhaben, man vergisst das schnell, wenn man einmal in der Youtube-Schleife seiner besten Boshaftigkeiten gelandet ist. Tritte, Ohrfeigen, Ellbogenstöße. 2005 aus seiner Heimat Sevilla nach Madrid gewechselt, hat er sich zum wohl besten Verteidiger der Welt entwickelt, aber was heißt hier Verteidiger: 76 Torerfolge im Verein, 13 in der Nationalmannschaft. 

Wenn es darauf ankam, war Ramos oft zur Stelle, auch im gegnerischen Strafraum. Sein Kopfballtor in der Nachspielzeit im Champions-League-Finale 2014 gegen den Stadtrivalen Atletico – es war der 1:1-Ausgleich, Real gewann später im Elfmeterschießen – ist schon jetzt tief mit der Vereinsgeschichte verwoben, und es ist eines seiner tausend Tattoos. „90+“ hat sich Ramos über seinen linken Mittelfinger stechen lassen. 

Vor der Saison noch soll der damalige Trainer Carlo Ancelotti erhebliche Zweifel gehabt haben am Abwehrmann mit der Nummer vier, das anarchische Element des langjährigen Rechtsverteidigers passte dem Italiener nicht, die Grätschen, das riskante Stellungsspiel, diese beinahe cartoonhafte Präsenz überall auf dem Platz. Hinterher wusste Ancelotti: Mit einem Kapitän wie Ramos können die ganz großen Dinge gelingen. 

Zinédine Zidane, der scheidende Real-Trainer, für den nun Julen Lopetegui übernimmt, sagte einmal: „Werte sind wichtig, und der wichtigste Wert dieses Klubs ist die Hingabe, alles für den Erfolg zu tun. Ramos, unser Kapitän, repräsentiert das wie kein anderer. Er hat diese Hingabe, er ist nobel.“

Es ist auch gar nicht so seltsam wie es klingt, dass Ramos, trotz der absurden Härte in all den Clasicos der Mourinho-Guardiola-Ära, immer zu den wenigen Madrilenen gehörte, die den Respekt der Barcelona-Profis hatten. Sie wussten, dass es Sergio Ramos zweimal gibt, einmal neben dem Platz, als guten Freund und lieben Kerl; und einmal auf dem Platz, wo er alles für den Sieg seines Teams tut – egal, wem er dafür wehtun muss.

Ramos war 15 und Jugendspieler beim FC Sevilla, als er seinem acht Jahre älteren Bruder in einem Freundschaftsspiel gegen ein lokales Amateurteam per Ellbogen die Lippe blutig schlug. Wer weiß, wie viel Sergio Ramos Familie bedeutet, kann ermessen: Besser, man begegnet diesem Mann nicht auf dem Fußballplatz.

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