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Von Putschisten, Poeten und Proleten

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Von: Klaus Ehringfeld

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Die Hand Gottes: Diego Armando Maradona trifft 1986 nicht ganz astrein gegen Englands Keeper Peter Shilton.
Die Hand Gottes: Diego Armando Maradona trifft 1986 nicht ganz astrein gegen Englands Keeper Peter Shilton. © imago images / Sven Simon

Argentiniens bisherigen zwei WM-Titeln haftet Skandal und Betrug an, 1978 wurde ein entscheidendes Spiel gegen Peru verschoben, 1986 half die „Hand Gottes“

Um Argentiniens ersten WM-Titel von 1978 ranken sich viele Gerüchte. Dass die damalige Militärdiktatur unter General Jorge Videla beim sportlichen Triumph nachhalf, ist inzwischen unbestritten. Der Gastgeber schlug im Vorschlussrundenspiel Peru mit 6:0 und zog so ins Finale ein. Unklar ist heute nur, wer dafür bei den Peruanern wie und womit bestochen oder bedroht wurde.

Vor 45 Jahren nahmen an der Endrunde gerade 16 Mannschaften teil, auch die Finalrunden wurden in Gruppenspielen ausgetragen. Die Gruppensieger kamen ins Endspiel. Und um Brasilien am letzten Spieltag zu überholen, musste Argentinien gegen das Nachbarland Peru mit vier Toren Unterschied gewinnen.

Wer heute die Videos des Spiels in Rosario vom 21. Juni 1978 sieht, der wird mindestens sehr passive peruanische Spieler sehen, bei manchen Spielzügen wirken die Verteidiger geradezu tölpelhaft. Die Militärjunta um General Videla, damals geschlossen auf der Ehrentribüne anwesend, stand daheim und im Ausland unter Druck. Ein Sieg bei der WM, mindestens aber der Einzug ins Finale, war ein Prestigeerfolg und so etwas wie die Lebensversicherung für die Putschisten, die im März 1976 Präsidentin Isabel Perón gestürzt hatten.

Videla ging vor dem Spiel höchstselbst in die Kabine der Peruaner und intervenierte. Das bestätigte auch vor fünf Jahren José Velásquez Castillo, einer der damaligen Nationalspieler Perus. Er warf sechs Mitspielern direkt vor, sich damals „verkauft“ zu haben. Zudem beschuldigte er seinen Trainer Marcos Calderón: „Unser Torhüter Ramón Quiroga war gebürtiger Argentinier. Wir haben dem Trainer gesagt, er solle Quiroga nicht aufstellen, damit er nicht angegriffen oder bedroht wird“. Calderón sagte zu, und einen Tag später stellte er Quiroga doch ins Tor. Am Ende schoss Argentinien vor allem in der zweiten Halbzeit die vier Tore heraus, die für den Finaleinzug nötig waren. Auch nach 45 Jahren lastet dieser Schatten noch auf dem ersten WM-Titel der Südamerikaner.

Zwei Weltmeisterschaften später haftete dem argentinischen Sieg erneut ein Betrug an. Über dem zweiten Titel von 1986 liegt kein Mysterium, sondern die Hand von Diego Maradona. Beim Weltturnier in Mexiko siegten die Südamerikaner im Viertelfinale gegen England. Maradona erzielte das 1:0 mit der Hand und nicht mit dem Kopf und verklärte es anschließend nahezu poetisch zur „Hand Gottes“.

Tatsächlich lag die Fußballwelt damals dem genialen Argentinier gottgleich zu Füßen – nicht nur in der Heimat. Und so als wolle er sein erstes Tor ungeschehen machen, schoss er nach einem unwiderstehlichen Dribbling auch das 2:0 gegen die Engländer. In der Heimat empfanden sie diesen Sieg nur als gerecht. Vier Jahre zuvor war der Krieg gegen die Engländer um die Falklandinseln im Südatlantik krachend verloren gegangen. Und der Sieg auf dem Rasen gegen England war so etwas wie eine sportliche Wiedergutmachung.

Aber so trübt beide bisherige argentinische Welttitel der Makel der Gaunerei, der zumindest beim zweiten Titel von der historischen Einzigartigkeit Maradonas überstrahlt wird. Ihm hat man seine Lüge irgendwie verziehen.

Katar 2022 ist – bisher jedenfalls – das Weltturnier, bei dem die Argentinier keine zweifelhafte Unterstützung von brutalen Regenten oder klaren Fehlentscheidungen der Schiedsrichter brauchen, um ins Finale zu gelangen. Bei dieser WM überstrahlt die Schönheit der Darbietungen von Lionel Messi auf dem Rasen nur das bisweilen rüpelhafte Auftreten.

In Katar legt die himmelblau-weiße Auswahl bisweilen die Manieren der Straßenfußballer aus den Außenbezirken von Buenos Aires an den Tag. Der verbale und handgreifliche Zoff mit den Niederländern nach dem Viertelfinale, der dumme Spruch von Leo Messi zu Wout Weghorst während eines Interviews („Was guckst Du, Idiot“), trüben die fußballerische Brillanz und Wucht Messis und seiner Mitspielerauf dem Platz.

Daheim aber interessiert dieses Gebaren die jubelnden Menschen überhaupt nicht. Am Südzipfel Südamerikas, wo auch der Frühsommer die Herzen wärmt, ist das Land bei dieser Advents-WM wie elektrisiert. Und in Katar wird die Elf von Zehntausenden Fans singend und hüpfend durch die Spiele getragen. Wer gesehen hat, wie gegen Kroatien die gesamte Ersatzbank gegen Ende des Spiels stand und im Takt der Tribünen mitwippte und mitsang, bekommt eine Idee der Verschmelzung von Land, Fans und Mannschaft, die Argentinien am Ende auch zum Titel tragen könnte. „Wir fühlen die Unterstützung unserer Landsleute. Das ist etwas Unvergessliches“, sagte Trainer Lionel Scaloni nach dem Einzug ins Finale unter Tränen der Emotionen.

Man darf dabei auch nicht vergessen, dass Argentinien gerade mal wieder in einer seiner anscheinend unendlichen Krisen steckt. Die Jahresinflation liegt bei 100 Prozent, 20 der 47 Millionen Menschen leben in Armut.

Um eine Idee von den Gefühlen der Argentinier:innen zu bekommen, muss man nur bei Martín Caparrós nachlesen. Der argentinische Schriftsteller und Fußballfan ist eigentlich ein kühl analysierender Autor, dem Euphorie unbekannt ist. Er äußert trotz aller Bewunderung auch immer wieder Kritik an Messi, etwa für seinen Millionenvertrag als Werbegesicht für Saudi-Arabien.

Caparrós führt in diesen Tagen einen unterhaltsamen Briefwechsel mit seinem mexikanischen Kollegen Juan Villoro. Die beiden Fußballnerds werfen sich gegenseitig lesenswerte Bälle in der spanischen Tageszeitung „El País“ zu. Wenige Stunden nach dem Sieg gegen Kroatien schrieb Caparrós ein Gedicht über Messi, die Mannschaft, sein Land und den Fußball. „Hier beginne ich zu singen, ein Triumph wie nur wenige andere, einer, der unter den Scheinwerfern eines so weit entfernten Stadions von den Brüdern erreicht, dieser kleinen Bande von Verrückten.“

Und den Soundtrack dafür liefert die argentinische Indiband „La Mosca tse-tsé“. Ihr Lied, geschrieben nach dem Sieg bei der Copa América 2021, ist längst die neue Nationalhymne geworden und sie klingt in jedem Spiel auf den Tribünen Dohas: „Muchachos, ahora nos volvimos a ilusionar“. „Leute, jetzt haben wir wieder angefangen zu träumen...“. Am Sonntag wird Argentinien aus dem Traum erwachen. So oder so.

Der König der Dribbler: Mario Kempes im Finale 1978 gegen die Niederlande.
Der König der Dribbler: Mario Kempes im Finale 1978 gegen die Niederlande. © imago/Sportfoto Rudel

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