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Von Neuer bis Moukoko: Das Zwei-Generationen-Team

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Von: Jan Christian Müller

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Erfreut sich am Auftritt der „frechen Jungen“ wie Youssoufa Moukoko (re.): Kapitän Manuel Neuer.
Erfreut sich am Auftritt der „frechen Jungen“ wie Youssoufa Moukoko (re.): Kapitän Manuel Neuer. © dpa

DFB-Torwart Manuel Neuer, doppelt so alt wie Stürmer Youssoufa Moukoko, setzt auf Frechheit und Flow.

Es ist so eine Sache mit der Befindlichkeit vor einer Fußball-Weltmeisterschaft. Manuel Neuer müsste ja eigentlich derjenige sein, der am besten beurteilen kann, wie die Gemütslage ist drei Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen Japan am Mittwoch (14 Uhr/ARD). Aber angesichts dieser komplexen Fragestellung muss selbst der 36-Jährige passen, der vor seiner vierten Weltmeisterschaft steht. Nach 2010 (gut), 2014 (sehr gut) und 2018 (ungenügend). „Ich hatte“, sagte der Torwart am Wochenende im geräumigen Medienzentrum des Deutschen Fußball-Bundes in Al Ruwais, „auch 2014 nicht das Gefühl, dass wir durchmarschieren und Weltmeister werden.“ Hat dann aber trotzdem geklappt. Neuer weiß, was dabei acht Jahre später hilfreich wäre: „Es ist wichtig, gut zu starten und in einen Flow zu kommen.“ Hätte man sich fast schon denken können.

Neben dem Kapitän hat der DFB den einen halben Kopf kleineren und ein halbes Leben jüngeren Youssoufa Moukoko auf das Pressepodium platziert. Das ist eine pfiffige Idee, ein Arrangement, das passt. Hier der große alte Mann, der auf allerhöchstem Niveau schon alles erlebt hat, dort der kleine Mittelstürmer, noch grün hinter den Ohren, aber mit einem selbstbewussten verschmitzten Lächeln ausgestattet. Eine Ausstrahlung der Listigkeit und Leichtigkeit, die der erfahrene Kollege ausdrücklich billigt. „Die Jungen sind sehr frech im positiven Sinne“, sagt Neuer und meint damit neben Moukoko, der am Sonntag 18 wurde, auch Jamal Musiala (19) und Karim Adeyemi (20). „Aber“, hebt der Keeper verbal den Zeigefinger, „es ist auch wichtig, dass sie diese Frechheit mit in die Spiele bringen.“

Medienleute aus der halben Welt haben sich aufgemacht zu den Deutschen in den hohen Norden des Emirats Katar, wobei hoher Norden auf eine falsche Fährte führt. Es herrschen trotzdem Temperaturen jenseits von 30 Grad, es weht aber auch unablässig ein leichter Seewind, es lässt sich aushalten, auch wenn die Sonne kaum mal von einer Schleierwolke bei ihrer Arbeit gestört wird.

Neuer trägt One-Love-Binde

Manuel Neuer und seine beiden Stellvertreter Kevin Trapp und André ter Stegen trainieren in langen schwarzen Hosen. Später wird Hautkrebspatient Neuer dem Reporter der englischen Boulevardzeitung „Sun“ erklären, wie wichtig es ist, sich gut vor der Sonne zu schützen. Noch ist es nicht soweit, dass er auch vor der „Sun“ geschützt werden müsste, die als eines der aggressivsten Sensationsblätter der Insel bekannt ist. Neuer verrichtet seinen Job als erste Stimme der deutschen Spieler souverän. Kein verbaler Wackler ist erkennbar.

Er zuckt auch nicht, als er gefragt wird, ob er bei diesem wohl umstrittensten Turnier aller Zeiten die One-Love-Kapitänsbinde tragen wird, obwohl von Seiten der Fifa am Samstag in aller Früh, keine 48 Stunden vor dem Eröffnungsspiel, plötzlich ein Gegenentwurf platziert worden ist. Die Kapitäne sollen nach Vorgaben des Weltverbandes Armbinden präsentieren, jeweils unter anderem Motto.

Eine Auswahl: „Football Unites The World, Save The Planet, Protect Children, No Discrimination“. Neuer will dem überraschend kurzfristigen Anliegen mit Rückendeckung des renitenten DFB nicht nachkommen und freut sich, dass auch andere europäische Nationen das so sehen: „Gut, dass wir damit nicht alleine stehen.“

Fragen nach den großen Linien der Sportpolitik bleiben Youssoufa Moukoko erspart. Mit gerade 18 muss man nicht alles verstehen. Zum Ehrentag der Volljährigkeit hat der in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, in Hamburg und in Dortmund aufgewachsene Borusse von DFB-Mannschaftskoch Anton Schmaus eine kalorienarme Torte gebacken und von den Teamkollegen ein Ständchen gesungen bekommen. Mit 18 schon WM-Teilnehmer – da kommt selbst Manuel Neuer nicht mit: „An meinem 18. Geburtstag war ich mit Freunden in Gelsenkirchen-Buer kegeln.“

Da muss Moukoko natürlich grinsen, er ist schon weit für seine Jugend, aber gemach: Der beidfüßige Bursche – zuletzt bei der Borussia einer der wenigen, der seine Sache ganz ordentlich gemacht hat – ist kein Mann der Gegenwart. Er soll ein bisschen reinschnuppern. Ihm könnte die Zukunft gehören, wiewohl ihm zur ganz großen Weltkarriere wohl das Tempo eines Kylian Mbappé und der Körper und die Finesse eines Neymar fehlt. Er weiß um seine Rolle im deutschen Kader, sie wird wahrscheinlich eine in der zweiten Reihe: „Ich bin stolz, hier zu sein, werde einiges lernen und mit nach Hause nehmen. Ich werde es genießen.“

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